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Ausgabe 4.1 - 15.06.2000
   

Zirkuläre Ideen

Pierre Bourdieu schwadroniert über das politische Feld


Überschreitet der Bekanntheitsgrad von Wissenschaftlern einen gewissen Punkt, kennt die Gier der Gemeinde nach immer neuen Offenbarungen kein Halten mehr. Der Veröffentlichungsdruck wächst. Um dem gerecht zu werden, gibt es dann zwei Möglichkeiten - entweder im Archiv buddeln oder Schnellschüsse liefern.

Neuerdings neigt der französische Star-Soziologe Pierre Bourdieu dazu, beide Methoden konsequent zu mischen. Hatte er noch im letzten Jahr empirische Forschungen aus den sechziger Jahren zu seinem mißlungenen Gender-Werk La domination masculine verwurstet, so fügt er nun mit Propos sur le champ politique (Anmerkungen zum politischen Feld) eine weitere Enttäuschung hinzu. Als Kernstück dieses flink zusammengeschusterten Sammelbändchens fungiert der Vortrag "Le champ politique", den er im vergangenen Jahr an der Universität Lyon gehalten hatte. Hinzu kommen ein ausführliches Gespräch, in dem er der dortigen Fakultät sein Vortragsprojekt erläutert sowie vier bisher unveröffentlichte, zwischen 1973 und 1990 entstandene Texte.


Bekanntlich hat sich Bourdieu bereits ausführlichst mit dem politischen Feld beschäftigt. Davon zeugen mehr als vierzig Texte, in denen er sich schon seit Beginn der sechziger Jahre mehr oder minder explizit Fragen der Politik annimmt. Immer verfolgte er dabei das Ziel, "die Politik zu denken ohne politisch zu denken", indem er sein gesamtes soziologisches Instrumentarium auf eben dieses Feld anwandte. Mit dessen Hilfe dekliniert er nun erneut alle gängigen Themen durch: das politisch Denkbare, die Fragen der politischen Repräsentation und Delegation, die Bedingungen politischen Handelns und seiner Grenzen, das Verhältnis von politischem, sozialwissenschaftlichem und journalistischem Feld. Nennenswert Neues liefert er jedoch nicht.

Warum dann dieses Buch? Als Hauptmotivation gibt Bourdieu selbst biographische Gründe an. Tatsächlich hat er in den letzten fünf Jahren seine politischen Interventionen multipliziert. Zeitweilig brachte er es gar zur Symbolfigur einer "Linken der Linken" (Bourdieu) und stellte so in der Praxis seinen theoretischen Anspruch in Frage, als Soziologe Politik eben nicht politisch zu denken. Genau dafür hat er vor allem aus dem wissenschaftlichen Lager viel Kritik einstecken müssen und so war es wohl nur eine Frage der Zeit, bis er dieser Kritik - nun wieder auf akademischem Terrain -würde begegnen wollen.

Das hört sich dann so an: "Es ist legitim, daß die Soziologen in der sozialen Welt intervenieren, wenn es sich um die soziale Welt handelt." Oder: "Wenn ich Meteorologe wäre, wenn ich also Lawinen vorhersagen könnte und es nicht tun würde, dann wäre das schlecht." Ergo: "Es ist richtig, daß, wenn die Soziologie Gehör fände, sie die Politiker häufig dazu zwingen würde, eine entsprechende Position zu vertreten. Sie müßten zuhören und sie müßten tun, was wir ihnen sagen. Es ist zweifellos sehr arrogant dies zu sagen. Außerdem sind wir selten genug fähig zu sagen, was man tun muß, aber wir können ziemlich gut sagen, was man nicht tun sollte, oder das es nichts nutzen wird, was man tut."

In diesem Sinne fordert er weiterhin die öffentliche Wiederbelebung eines kritischen wissenschaftlichen Diskurses über die soziale Welt, der sich den in Politik und Medien "zirkulär zirkulierenden Ideen" des Neoliberalismus entgegenstellt. Dieser Gegendiskurs müsse wahrscheinliche Entwicklungstendenzen offenlegen, um damit politische Handlungen zu ermöglichen, die den nur scheinbar natürlichen Gang der Dinge umlenken können. Doch wie immer bei Bourdieu endet hier alles beim Henne-Ei-Problem: Ohne anderes Tun kein anderes Denken, ohne ein anderes Denken kein anderes Tun.

Sein ganzes Bemühen, Politik zu denken ohne politisch zu denken, mündet dann - ebenfalls wie immer - in der Forderung nach einer "Realpolitik der Vernunft". Damit meint er wohl eine Politik, die sich um politische Probleme kümmert und nicht um die Probleme von Politikern. Da er denen jedoch attestiert, sich nahezu per Definition um nichts anderes zu kümmern als um ihre eigenen Probleme, erlaubt Bourdieu letztlich nur einen Schluß aus seinen Ausführungen: Soziologen sind doch die besseren Politiker.

Pierre Bourdieu (2000) Propos sur le champ politique. Lyon (Presses Universitaires de Lyon). 110 S. 50 Francs.



 
   
   
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