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Ausgabe 5.1 - 25.09.2000
   

Jüdisches Glück

"Jüdisches Glück" bedeutet für Juden "sich in einer ausweglosen Situation befinden". In einer solchen befanden sie sich Anfang der 40er Jahre auch in der Ukraine. Von Kyo Gisors


Israel. Das ist und bleibt der vermutlich einzige Ort, an dem die Überlebenden der Shoah sicher sind, solange der Antisemitismus fortdauert. Das dachte sich auch Eliyahu Yones, als er nach dem Erleben der nationalsozialistischen Barbarei in der heutigen Westukraine, ein Angebot in die USA zu emigrieren ablehnte. "Ein jüdischer Staat schien ihm der einzige sichere Ort", schreibt Susanne Heim im Nachwort zu Yones` autobiographischem Bericht "Die Straße nach Lemberg" über die Zeit der deutschen Besatzung in Westgalizien.

Gerade mal 26 Jahre alt war Yones, als die Wehrmacht im Juni 1941 die Sowjetunion überfiel. Die Stadt, in der Ende Juni 1941 rund 160.000 jüdische EinwohnerInnen leben, wird nach dem panischen Abzug der Roten Armee, die Lemberg seit September 1939 besetzt gehalten hatte, von den ukrainischen Nationalisten kontrolliert und kurze Zeit später von den Deutschen besetzt. Nach der kurzen Phase der Pogrome durch die ukrainische Bevölkerung entsteht auch hier jene NS-Bürokratie, die mit der restlosen Erfassung, Ghettoisierung und Deportation der jüdischen Bevölkerung, sowie der willkürlichen Verschleppung von UkrainerInnen zur Zwangsarbeit nach Deutschland beginnt.

Yones selbst wurde, nachdem er verschiedene Zwangsarbeiten in der Stadt hatte verrichten müssen, in das Lager in Kurowice gesteckt. Dort werden die Häftlinge zu Erweiterungs- und Reparationsarbeiten entlang der sogenannten "Rollbahn Süd" eingesetzt, einer Verlängerung der Straße von Berlin nach Lemberg weiter nach Osten. Auch hier praktizierten die deutschen Besatzer das Programm der Vernichtung der jüdische Bevölkerung durch Arbeit. "Man kann sagen, daß die Straße von Lemberg nach Zloczow - ein 60 Kilometer langer Abschnitt, den ich genau kenne - eine lange Reihe von Gräbern enthält, die wir mit eigenen Händen für die letzte Ruhe unserer Kameraden gegraben haben", schreibt Yones in seinem Bericht.

Nachdem immer mehr Arbeitslager und Ghettos geräumt und deren Insassen erschossen werden, beschließt Yones mit einigen Mitgefangenen in die umliegenden Wälder zu fliehen. Dort treffen sie auf Überlebende anderer Lager. Gemeinsam verüben sie nächtliche Überfälle auf ukrainische Denunzianten und SS-Angehörige. So erlangt die Gruppe Waffen und Lebensmittel. Doch Sicherheit bietet der Wald nur sehr eingeschränkt. Neben Treib- und Vernichtungsjagden der Deutschen haben die jüdischen PartisanInnen auch die Zivilbevölkerung und die von Stefan Bandera angeführten Milizen der Organisation ukrainischer Nationalisten (OUN) zu fürchten.

Deren Antisemitismus speiste sich vorrangig aus der Wahnvorstellung, eine jüdisch-polnische Kooperation hätte eine unabhängige Ukraine verhindert. In Gegnerschaft zu Polen und der Sowjetunion sowie in der Hoffnung auf einen unabhängigen ukrainischen Staat in Ostgalizien unterstützt die OUN daher zu Beginn des Krieges die Deutschen. Als diese Galizien dem Generalgouvernement einverleiben und beginnen die OUN zu verfolgen, nehmen deren Aktivisten den Partisanenkampf gegen die deutsche Besatzungsherrschaft auf. Gleichzeitig betreiben sie eine erbitterte Hetzjagd auf die im Wald versteckten Juden, was sie jedoch nicht daran hindert, gelegentlich taktische Bündnisse - etwa wenn ihnen ÄrztInnen zur Versorgung ihrer Verwundeten fehlten - mit ihnen einzugehen. Als sich im Sommer 1944 die aufgeriebene Wehrmacht nach Westen zurückzieht, locken die jüdischen PartisanInnen sie in Hinterhalte. Viele Wehrmachtssoldaten und ukrainische Kollaborateure kommen so zu Tode.

Nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen schließt sich Yones der Roten Armee an. Befriedigung verspürt er, als ihm die Möglichkeit gegeben wird, dem deutschen Feind gleichberechtigt als Soldat entgegenzutreten, also aus seiner Sicht "nicht nur getroffen zu werden, sondern auch zu treffen" (Yones). Doch die sowjetische Armee erweist sich ebenfalls nicht als "immun" gegen Antisemitismus. Bei der Vereidigung der RotarmistInnen wird Yones aufgrund seiner jüdischen Identität am Reden gehindert, obwohl er als Überlebender eines deutschen Lagers ursprünglich dafür vorgesehen war: "Es gibt heikle Themen auf der Welt...Man kann nicht alles angehen. Du mußt das verstehen", erklärt ihm ein für die politischen Inhalte verantwortlicher Leiter der Zeremonie.

Dies sollte nicht die letzte Begegnung Yones` mit dem Antisemitismus in den eigenen Reihen gewesen sein. Als er verletzt im Krankenhaus liegt, wird er sich erneut dem Ressentiment der Verwundeten gegenüber sich selbst und den in großen Teilen jüdischen ÄrztInnen bewußt.

Nach der Kapitulation Deutschlands gerät Yones in Auseinandersetzung mit dem russischen Inlandsgeheimdienst. Nach einer Postkarte an einen Freund, in der er die schlechten Bedingungen seiner Unterbringung beklagt, wird er in einem Verhör der Kollaboration mit Nazi-Deutschland bezichtigt. Im Alter von 35 Jahren emigriert Eliyahu Yones nach Israel und tritt in den folgenden Jahren mehrfach als Zeuge in Kriegsverbrecherprozessen in Deutschland auf. Bereits 1960 veröffentlichte die Shoah-Gedenk- und Forschungsstätte Yad Vashem Yones` Erinnerungen in hebräischer Sprache. Das Buch stieß auf großes Interesse und wurde über Jahre feierlich an SchülerInnen überreicht, wenn sie ihren Schulabschluß geschafft hatten.

Ein zweiter Bericht über die Situation der jüdischen Bevölkerung auf dem Gebiet der heutigen Ukraine zur Zeit der deutschen Besatzung ist unter dem Titel "Jüdisches Glück" erschienen. Fünfzig Jahre nach der nationalsozialistischen Verfolgung berichtet der jüdische Überlebende Semjon S. Umanskij unter dem ironisch gemeinten Titel - jüdisches Glück designiert für Juden: "sich in einer ausweglosen Situation befinden" - über seine Erfahrungen von Flucht, Todeslager, Ghetto und Zwangsarbeit.

Nach dem Einmarsch der Deutschen flüchtet die Familie Umanskij im letzten Moment vor der Deportation in die Wälder. Dort versteckt sie sich für ein halbes Jahr und wartet vergeblich auf den befreienden Gegenangriff der Roten Armee. Als nach dieser Zeit jegliche Illusionen über das "Kulturvolk", für das die Mutter Semjons die Deutschen zu Beginn hielt, und einen vermeintlichen Vorstoß der sowjetischen Streitkräfte verflogen sind, begibt sich die Familie aus Verzweiflung in das Lager von Petschora.

Dies war eines jener Lager, wie es sie zu hunderten in der besetzten Sowjetunion gegeben hat. Es handelte sich hierbei nicht um ein gewöhnliches "Arbeitslager" mit dem Programm "Vernichtung durch Arbeit". Allerdings war Petschora ebensowenig ein ordinäres "Vernichtungslager", in dem die Deutschen die Juden vergasten oder erschossen. In Petschora wurde vielmehr "kostensparend" gemordet. Die Häftlinge waren vollkommen auf sich allein gestellt, ohne Nahrung und lediglich von einer geringen Anzahl ukrainischer Polizeiposten bewacht.

Die Berichte der sowjetischen Staatlichen Außerordentlichen Kommissionen, die nach der Befreiung die Verbrechen der deutschen Besatzer untersuchten, erwähnen diese Lager mit keinem Wort. Doch seit dem Ende der Systemkonfrontation gibt es Initiativgruppen, die sich dafür einsetzen, daß die Lager als solche anerkannt werden. Deren Insassen starben ungesehen, ungehört, ohne die geringste Spur zu hinterlassen, als ob es sie nie gegeben hätte.

So etwa erging es auch Semjons Mutter, die an Typhus und der katastrophalen Ernährungslage zu Grunde ging. Nach ihrem Tod wird sich die Familie bewußt, daß ein Leben außerhalb dieses Lagers größere Überlebenschancen bietet. So beschließt sie mit der Hilfe eines mutmaßlich sowjetischen Spions zu fliehen. Die erneute Flucht führt die Umanskijs in das jüdische Ghetto der Stadt Berschad in Transnistrien, dem Gebiet zwischen den Flüssen Dnjestr und Bug im Süden der Ukraine.

Dieses im Sommer 1941 von den deutschen und rumänischen Truppen eroberte Gebiet war den Rumänen zur Belohnung für deren Teilnahme am Krieg gegen die Sowjetunion überlassen worden. Die Wiedereroberung der durch die sowjetische Annexion verlorenen Provinzen Bessarabien und Bukowina ist damals rumänisches Kriegsziel gewesen. Waren die Deutschen in ihren Taten durch einen "eleminatorischen Antisemitismus" (Goldhagen), der in seinem Wahn das durch die Wall Street symbolisierte Finanzkapital und dessen Negation, den Bolschewismus, auf "den Juden" vereinte, getriebenen, halluzinierten die Rumänen die Juden vor allem als Verräter. Unterstellt wurde ihnen die Sowjets herbeigewünscht, für sie spioniert und sich 1940/41 unter russischer Besatzung an der "Bolschewisierung" des Landes beteiligt zu haben. Diese pathischen Projektionen erinnern nicht zu Unrecht an die oben geschilderten Unterstellungen des Antisemitismus der Ukrainischen Nationalisten.

In Anbetracht der Tatsache, daß ein Großteil der nach Transnistrien deportierten Juden der Bukowina dort zu Tode gekommen ist, äußert sich Umanskij erstaunlich positiv: Die rumänische Besetzung "bedeutete zwar nicht, daß die Rumänen jetzt die Herren waren und es hier keine deutschen Truppen mehr gab, aber der Schein wurde gewahrt. Die Deutschen dachten gar nicht daran, die Autorität an die Rumänen abzutreten, doch sie ließen ihnen einige Freiheiten durchgehen, was z.B. das Hissen der Trikolore, ihre liberalere Haltung gegenüber den Juden, den ausschließlichen Gebrauch der rumänischen Sprache bei Bekanntmachungen usw. anbelangte. Für uns war es ein Segen, daß die Rumänen die Juden nicht in Todeslagern hielten, sondern in Ghettos", beschreibt Umanskij die relativen "Vorzüge" in Transnistrien. Diese lassen die Familie die Befreiung im Februar 1944 erleben. "Wir hatten durchgehalten", bleibt die, im Angesicht einer fast drei Jahre andauernden täglichen Todesangst, fast schon von Erstaunen kundende Schlußbemerkung des Autors.

In Bezug auf die Judenverfolgung auf dem heutigen Gebiet der Ukraine und den weitgehend unerforschten Kampf von PartisanInnen in Ostgalizien sind diese beiden Lebensberichte eine wichtige historische Quelle. Dennoch nehmen sie einen unterschiedlichen Platz im Spannungsfeld von Authentizität und Ästhetik ein. Dominiert in Yones` Bericht eine "unprätetiöse Schilderung verschiedener extremer Lebenssituationen" (Klappentext) und ein dokumentarischer Realismus, der jegliche literarischen Konstruktionen unterläßt, ist das andere Zeugnis "eine Erzählung über die Zeit, in der es uns bestimmt war, zu leben, auszuharren und schließlich zu überleben" (Umanskij), in der literarische Wendungen verwandt und historische Erläuterungen eingefügt sind. Trotzdem bleiben die Berichte Zeugnisse und damit ein Beitrag dazu, daß das Anliegen der Zeugenschaft, von dem die Holocaust-Literatur der Überlebenden vor allem motiviert ist, als anerkanntes Kriterium dieser Literatur wieder in den Vordergrund tritt.

Eliyahu Yones: "Die Straße nach Lemberg. Zwangsarbeit und Widerstand in Ostgalizien 1941-1944", Fischer 1999, ca. 250 S., 19,90 DM

Semjon S. Umanskij: "Jüdisches Glück. Ein Bericht aus der Ukraine 1933-1944", Fischer 1998, ca. 200 S., 16,90 DM




 
   
   
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