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Ausgabe 12.1 - 12.03.2006
   

Ambivalenz der Einfühlung

Eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Holocaust ist trotz rot-grünem Geschichtsdiskurs nicht automatisch zum Scheitern verurteilt


Ein Holocaustmahnmal, zu dem wir gerne hingehen, haben wir. Der Roman zum Denkmal wird jetzt nachgeliefert. Nahe Jedenew heißt das Buch und sein junger Autor nimmt sich der fetzigsten aller Epochen an, die die deutsche Geschichte für den Literaturbetrieb bereithält: des Nationalsozialismus.

Nicht nur „ganz neu“ werde hier erzählt, so der begeisterte Rezensent der Zeit, sondern auch „selbstsicher“ und „mit einem Sound, der noch lange im Kopf nachhallt“, kurzum: „Ein Buch, das sich dreht wie eine Schallplatte, die einen Kratzer hat, und die Nadel des Plattenspielers hängt immer wieder an derselben Stelle.“ Der Holocaust als Tonträger – so sieht die Antwort der Generation Golf auf Jüngers In Stahlgewittern aus. Eine Art Kracht’sches Faserland des Judenmords im besetzten Polen: Frech, peppig, nach vorne raus.

Wer das Buch von Kevin Vennemann in die Hand nimmt, wird sich dagegen überzeugen können, dass hier nicht die „Du bist Deutschland“-Kampagne in Romanform vorliegt. Gegenstand des Romans ist das Pogrom in dem polnischen Dorf Jedenew nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion. Der Ort ist fiktiv. Hier wird nicht „selbstsicher“ erzählt. Es gibt keine vertrackte Story, keine unbekannten historischen Details, keine Hintergrundpanoramen südlitauischer Landschaft, keinen Lerneffekt, keine Moral. Es ist kein gemächlich voranschreitender oder rührender Roman über die Judenvernichtung, wie man ihn hierzulande so sehr schätzt. All das interessiert den Verfasser nicht.

Vennemann versucht vielmehr das genaue Gegenteil distanzierten Erzählens, nämlich radikal subjektive Einfühlung. Und dies mit allen zur Verfügung stehenden literarischen Mitteln. Insofern ist Nahe Jedenew ein Täterbefindlichkeiten ignorierender, künstlerischer Versuch, sich dem Leid der Opfer des deutschen Mordprojekts emotional zu nähern.

Erreicht wird dies durch die Perspektive einer uneindeutigen, kindlichen Wir-Stimme. Es ist das „Wir“ des Textes, dem es gerade noch gelungen ist, sich dem antisemitischen Mob durch Flucht zu entziehen, dessen Stimme sich panisch und angstvoll überschlägt. Unter dem Eindruck der Todesangst vermischt sich die Wahrnehmung des Pogroms mit den Erinnerungen an unberührte Kindheit. Es ist die Stimme einer Verdichtung, die menschliches Leid als Schmerz und Verlust artikuliert. Wo früher kindliche Erfüllung stattfand, werden Scheiben zerschlagen. Auf dem hundertmal gegangenen Weg kommen jetzt die Mörder gelaufen. Die atemlosen Gedanken der Flucht überschlagen sich. Durch die Zurücknahme der erzählenden Distanz wird der Leser mit der Ohnmacht der Opfer direkt konfrontiert: „Nachts klirren die Fenster in der Küche, dann klirrt jedes einzelne Fenster im Haus. Abends sitzen wir hinterm Haus in der Hochsommerabendsonne auf dem schmalen Holzsteg, der auf den Teich hinterm Haus hinausführt, und sitzen und liegen und schwimmen in der Sonne und sitzen lesend zusammen und trinken die erste und letzte Sommerbowle des Jahres, schwimmen und bespritzen uns gegenseitig mit Wasser, nachts hocken wir in Badeanzügen in die Speisekammer gedrängt.“

Dieses Buch ist ein Alptraum. Es ist der literarisierte Versuch, des Leids der Opfer zu gedenken, ihnen eine unvermittelte Stimme zurückzugeben, eine gleichwohl unauthentische, konstruierte. Solche Subjektivität lässt weder eine distanzierte Darstellung noch eine Relativierung des Leids zu. Die Form des mehr oder weniger chronologischen Erzählens wäre hier schon die Distanzierung und damit schon die Relativierung des Leids der Opfer. Vennemann weiß zudem, was der Darstellbarkeit schlichtweg entzogen ist. So wird die Mordtat des Pogroms umkreist, beschrieben wird sie nicht.

Nach der Lektüre des Buches bleibt Ohnmacht zurück. Es ist die gleiche Leere, die nach dem Besuch eines ehemaligen Konzentrations- oder Vernichtungslagers entsteht. Nahe Jedenew ruft schlagartig ins Gedächtnis zurück, was die erste Aufgabe einer Erziehung nach Auschwitz hätte sein müssen: durch Empathie das Leid der Opfer anzuerkennen und so im emphatischen Sinn zu erinnern. Denn ohne Einfühlung und damit ohne wenigstens versuchte Annährung an das Leid der Opfer ist alle weitere Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus sinnlos, dann helfen keine Stolpersteine mehr und keine Auschwitzfahrten. Das ist die ganz profane Erkenntnis der Lektüre von Vennemanns Buch. Zu einem Zeitpunkt allerdings, in dem Erinnerung an die Shoah sich in historisches Detailwissen verflüchtigt oder durch staatsoffiziöses Beschwören historischer Verantwortung vollständig um ihren Gehalt gebracht wird.

Der bundesdeutsche Literaturbetrieb hat Nahe Jedenew bereits hochgejubelt und damit entschärft. Verwunderlich ist das nicht. Der Titulierung als „Kriegsroman“ (Die Zeit) weiß das Deutschlandradio Kultur noch eins draufzusetzen: neben der im Internet verfügbaren Besprechung ist ein Bild des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Mönchen-Gladbachs platziert. Hier wie dort bleibt nur noch eins übrig: universalisiertes, menschliches Leid, von jeder Geschichtlichkeit befreit.

Dass es so kommen musste, liegt jedoch nicht nur an feuilletonistischer Ideologieproduktion oder hegemonialer Erinnerungskultur. Es liegt auch an Vennemanns Roman selbst. Denn dieser ist im guten wie im schlechten Sinne, bei aller Artistik, naiv. Gerade weil er aber keine billige Schmonzette ist, sondern ein künstlerisch ernst gemeinter Versuch, verdeutlicht er die Ambivalenz der Einfühlung in das Leid der Opfer.

Deren eine Seite ist, dass man hierzulande gerade kein Problem mit einem empathischen Zugang zur eigenen Geschichte hat. Im Gegenteil. Die Nachfrage von Doku-Soaps des Führerverstehers Guido Knopp und rührseligen KZ-Blockbustern im Kino legen davon beredtes Zeugnis ab, Diskussionen um Panzerung des bürgerlichen Subjekts im Postfaschismus hin oder her.

Das Problem ist vielmehr, dass die Empathie aggressiv gegen die Reflexion verteidigt wird. Der weinerlichen Melancholie, mit der sich die Deutschen dann gleichermaßen in Täter und Opfer einfühlen, ist dabei die historische Erfahrung schlicht gleichgültig. Gegen Vereinnahmung hilft den Kunstwerken dabei weder avancierte Hermetik noch das politische Bekenntnis ihrer Verfasser. Schon Paul Celans Todesfuge war bald nach Erscheinen als „ergreifend“ bzw. „total schön“ kanonisiert. Und Die Ermittlung von Peter Weiss musste letztes Jahr für die Gedenkfeiern der Bombardierung Dresdens herhalten.

Auf der anderen Seite wäre die falsche Konsequenz aus dem deutschen Gedenkbetrieb, alle ernst gemeinten künstlerischen Annäherungsversuche an die Shoah unter Kitsch- und Normalisierungsverdacht zu stellen, auch und gerade weil man in den meisten Fällen damit richtig liegt. Denn der Widerspruch zwischen dem hegemonialen Geschichtsbild und der Notwendigkeit der Einfühlung in das Leid der Opfer ist damit noch nicht aufgelöst.

Kevin Vennemann: Nahe Jedenew. Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 2005, 143 Seiten, 8 Euro



 
   
   
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