Logo
titel inhalt update archiv links impressum mail
suchen

Ausgabe 4.0 - 01.05.2000
   

Babylon revisited

Warum Übersetzungsmaschinen zum Scheitern verurteilt sind


"Ferner glaubt jedes Volk an die Überlegenheit seiner Sprache. Ein Mensch, der eine andere Sprache spricht, gilt dann auch manchmal als unfähig, überhaupt zu sprechen; so scheint das griechische bárbaros soviel wie >stotternd< bedeutet zu haben und mit lateinisch baldus >stammelnd, lallend< verwandt zu sein;...". (Ferdinand de Saussure)

Früher, da mußten sich Völker nicht verständigen, denn nur selten liefen sie sich über den Weg. Verstreut und einsam trotteten sie durch die Gegend. Später traf man sich dann mal, doch da alle ihre eigene Sprache pflegten, blieb als Esperanto nur das gegenseitige Gebrüll der Waffen. Später dann vereinzelt auftauchende Mehrsprachler machten es lediglich möglich, zunächst miteinander zu sprechen, bevor man sich dann doch massakrierte.

Im Reich der Bildung übte das Lateinische bis ins 17. Jahrhundert die Aufgabe einer Universalsprache aus, blieb jedoch auf gelehrte Kreise beschränkt. Dann verlor das Lateinische dieses Privileg, denn im 18. Jahrhundert trachteten breitere gebildete Schichten ausländische Schriften im eigenen Dialekt zu rezipieren. Schließlich, im 19. Jahrhundert, expandierte der Buchmarkt, das Publikum erweiterte sich auf das gesamte lesefähige Publikum, und der Markt der Übersetzungen florierte. Heute wird die Beherrschung von Fremdsprachen zwar als Grundpfeiler eines jedes Bildungskanons propagiert, dennoch ist es an den Universitäten mittlerweile üblich, Abschlussarbeiten über Autoren zu verfassen, die im Original zu lesen die VerfasserInnen nicht in der Lage sind. Im Zweifel muß eine Fassung in der neuen Universalsprache Englisch als Textbasis reichen.

Seit den sechziger Jahren dieses Jahrhunderts wurde der Glaube an eine gegenseitige Reduzierbarkeit aller Sprachen aufeinander, und damit ein universalsprachliches Übersetzungsdenken, eigentlich ad acta gelegt. Doch da nun heute aber auch alle, wirklich alle mit allen kommunizieren können sollen, muß einfach alles potentiell übersetzbar werden. Wie wild basteln daher Experten an Sprachwandlungsmodulen, mittels derer, wenn jemand Finnisch in den Hörer schwallt, es am anderen Ende Japanisch herausschallt. Das es dabei notwendig zu einer unermesslichen Simplifizierung von Sprache, und damit der an sie gekoppelten Denk- und Wahrnehmungsmustern kommt, gilt als akzeptabel.

Doch selbst diese Minimallösung zu bewerkstelligen ist so einfach nicht. Denn schon bei der Übersetzung ordinärer Schriften mittels eines Computers steht am Ende bis heute vor allem ganz viel grober Unfug. "State of the art" des Handelsüblichen ist auf diesem Gebiet in etwa der "Personal Translater 2000 Office plus" vom Ernst Klett Verlag und "Langenscheidts T1. Englisch". Wer nun aber meint, da nimmt man einfach einen deutschen Text, klickt auf "Übersetzen", und einwandfreies Oxford-Englisch kommt heraus, die irrt.

Alleine die 130- und 200-seitigen Handbücher lassen schon Böses ahnen. Und tatsächlich: Einen Text mit diesen Programmen zu übersetzen erinnert stark an Zimmerstreichen - Vor- und Nachbereitung fressen die meisste Zeit. Zunächst gilt es die Übersetzungsoptionen zu wählen: Englisch oder Amerikanisch; alte, konservativ neue oder progressiv neue Rechtschreibung; Wörterbücher; inhaltlicher Schwerpunkt, da Wörter in verschiedenen Kontexten bekanntlich unterschiedliche Bedeutungen haben; zeitliche Begrenzung festlegen; etc. Außerdem müssen feststehende Ausdrücke oder Eigennamen im Text markiert werden, damit aus "Kohl" nicht "cabbage", "twaddle" oder "rubbish" wird. Dann düften noch die unbekannten Wörter gesucht, eigenhändig übersetzt und ins Wörterbuch aufgenommen werden. Wer nicht sowieso schon sehr gut Englisch spricht, dem hilft das Programm schon mal überhaupt nicht weiter. Dann aber - die Übersetzung.

Das Ergebnis besteht zur guten Hälfte aus - "cabbage", "twaddle" oder "rubbish". Vorher: "Although she was charged in his death, she was never tried." Nachher: "Obwohl sie in seinem Tod geladen war, war sie nie erprobt." Hier ist sehr schön zu sehen, daß ein Programm rein gar nichts taugen kann, wenn das - in ihm durchaus vorhandene - Idiomatik-Wörterbuch bei automatischen Übersetzungen nicht einsetzbar ist. Probleme bereiten auch immer wieder Komposita. "Domestic violence organizations" werden da schon mal zu "häuslichen Gewalttätigkeitsorganisationen".

Dann gibt es ein Viertel der Übersetzung, das halb verständlich ist. Vorher: "She continued smiling as she slipped into unconsciousness." Nachher: "Sie fuhr fort, zu lächeln, da sie in Bewußtlosigkeit steckte." Und dann gibt es noch, sofern es sich um einfache, eindeutige Hauptsätze handelt, hier und da mal einen Glückstreffer. Vorher: "The son denied any involvement and testified against her." Nachher: "Der Sohn leugnete jede Beteiligung und sagte gegen sie aus." In jedem Fall muß nach der automatischen Übersetzung nahezu jeder Satz erneut grundlegend überarbeitet werden, um überhaupt einen gewissen Grad von Verständlichkeit zu erlangen.

Im von Günter Abel herausgegebenen Band "Das Problem der Übersetzung. Le problème de la traduction", der sich speziell den Problemen der Übersetzung philosophischer Texte widmet, hat Abel höchstselbst in seinem Eröffnungsaufsatz "Übersetzung als Interpretation" die ganz grundlegenden Gründe zusammengetragen, warum Übersetzungsmaschinen per se zum Scheitern verurteilt sind, und weshalb sie bei der Übersetzung natürlicher Sprachen den "Human-Übersetzer" so bald nicht werden ersetzen können.

Als Hauptgrund hierfür nennt er, dass "die Komplexität, die Kreativität, die Unabschließbarkeit, der figurative, der abweichende, der innovative und der metaphorische Charakter des tatsächlichen menschlichen Sprechens" die Fähigkeiten von Übersetzungsprogrammen übersteigen, da diese auf der Fehlannahme basieren, es gehe darum, ein algorithmisches generatives Prinzip finden, nach dem "aus einer gegebenen Menge von Buchstaben eines Alphabets bzw. Grundfiguren nach bestimmten Vorschriften bzw. Grundregeln die jeweilige Sprachfigur hervorgebracht werde." Sprechen und Verstehen einer Sprache werden nach Abel jedoch gerade nicht durch "vorab-feststehende Regeln determiniert", und dementsprechend läßt sich ihre Verwendung nicht mathematisch kalkulieren. Es gebe keine "Algorithmen des Sprechens, des Verstehens und der Übersetzung", da die Verwendung natürlicher Sprachzeichen "im Prinzip unabschließbar" und die "Hierarchie ihrer Anordnung variabel" sei, immer "abhängig von den beteiligten Individuen" sowie von "Situation, Zeit, Kontext und Kultur".

Somit ist Übersetzung immer gleichzeitig Interpretation, wobei diese sich prinzipiell durch ihre Offenheit gegenüber mehreren gleichmassen legitimen Alternativen auszeichne. Da Übersetzung als Interpretation immer ein Konstrukt sei, könne es aus alleine schon "sprach- und zeichenlogischen Gründen keine zufriedenstellenden Übersetzungsmaschinen" für natürliche Sprachen geben. Maschinelle Übersetzungsprogramme müssen somit nahezu notwendig zur Zerstörung von Sinn und Verständnis führen, da sie in der Regel "schlicht Wörter durch Wörter" ersetzen.

Dies hat nichts mehr mit dem zu tun, was Gadamer einst vom Übersetzer forderte: "Um jemanden zu verstehen, muß man erstlich klüger sein als er, dann ebenso klug und dann auch ebenso dumm. Es ist nicht genug, daß man den eigentlichen Sinn eines konfusen Werkes besser versteht, als der Autor es verstanden hat. Man muß auch die Konfusion selbst bis auf die Prinzipien kennen, charakterisieren und konstruieren können." Vermutlich gilt es ohnehin damit zu beginnen, sich ganz am Anfang selbst zu verstehen. Noch fordernder zeigte sich Walter Benjamin in seinem Text "Die Aufgabe des Übersetzers": "so muß, anstatt dem Sinn des Originals sich ähnlich zu machen, die Übersetzung liebend vielmehr und bis ins Einzelne hinein dessen Art des Meinens in der eigenen Sprache sich anbilden."

Gemessen daran erschöpft sich der Nutzen von Übersetzungsprogrammen vorerst in ihrer Wörterbuchfunktionen. Denn was bringt es schon, Texte direkt im Internet und unter Beibehaltung des Layouts übersetzen zu können, wenn dabei eine Schande für jedes I-Männchen entsteht. Übersetzungen dieser Qualität würden jeden noch so gefestigten Frieden binnen kürzester Zeit in Krieg verwandeln. Doch viel Geld fliesst in die Entwicklung solcher Programme, wahrscheinlich sehr bald mehr als in alle Bildungssysteme dieser Welt. Die Rückkehr der babylonischen Sprachverwirrung steht unmittelbar bevor.

Personal Translator 2000 Office plus. Klett Verlag. 1999.

Langscheidts T1. Englisch. Langenscheidt Verlag. 2000.

Günter Abel (Hrsg.): Das Problem der Übersetzung. Le problème de la traduction. Berlin Verlag. 1999. 240 S. DM.




 
   
   
O&V