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Das gute E-Journal für die Grenzen der Belastbarkeit
Ausgabe 10.1 - 31.05.2002
   

Eingeschränkte Solidarität


Eingeschränkte Solidarität

Der 21.6., hierzulande traditionell als Tag der Sommersonnenwende dechristianisiert, wird einmal mehr in die Geschichtsbücher einzugehen haben - jedenfalls in solche, die sich mit Medien- und Sozialgeschichte auseinanderzusetzen belieben. Während in Stonehenge-Land die Lichter schon am frühen Morgen hiesiger Zeit an Altersschwäche starben, blieb dem Volk der Axel C. Springer Nachf. noch ein wenig Zeit, sich an der neuen Tageslosung zu ergötzen: "Ami, go home!"

Wenn auch mit einigen diskurstaktischen Einschränkungen versehen, so vermochte diese Aufforderung doch zu erstaunen. Weniger, weil hier ein mutmaßlich genuin linker Slogan ("mutmaßlich" deshalb, weil davon auszugehen ist, dass Jutta v. Ditfurth Nachf. wohl keine Konstruktion zu gewagt wäre, um nachzuweisen, dass die Nazis themselves diesen Spruch erfunden haben oder dieser jedenfalls "strukturell" dort beheimatet ist) von der BILD adaptiert wurde, sondern weil erst vor wenigen Monaten ein Passus in die Anstellungsverträge der Springer-Mitarbeiter aufgenommen worden war, der ihren bescheidenen Existenzen wieder ein wenig Sinn verleihen sollte, in dem er die Versicherung barg, die Ausbeutung ihrer Arbeitskraft diene der "Unterstützung des transatlantischen Bündnisses und der Solidarität in der Freiheitlichen Wertegemeinschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika".

Die Reaktionen auf den vorhersehbaren Auftritt von Fußballdeutschland fielen wieder einmal vorhersagbar aus. Die üblichen Verdächtigen rangen sich das Bemühen ab, vor Freude abermals überzulaufen, und die sich üblicherweise unverdächtig Gebenden behielten den Schaum einfach gleich vor dem Mund, so groß war die Freude über das Fortexistieren des schönsten Feindbilds seit es Chlorgas gibt.

Bei Indymedia, dem Zentralorgan der Info-Junkies hatte man sich im Vorfeld hitzige Debatten darüber geliefert, wo denn nun der Hauptfeind stehe. Mehrheitlich blieb man einfach dabei. Der einzig richtungsweisende Vorschlag kam aus marxistischen Reihen: "Bei Konflikten zwischen konkurrierenden Imperialismen ist es die Aufgabe des jeweiligen Proletariats für die Niederlage des eigenen Imperialismus einzutreten. Also: ArbeiterInnen in der BRD sollten für die Niederlage der BRD, ArbeiterInnen in den USA sollten für die Niederlage der USA kämpfen."

Hier hat es wohl noch an der Einstellung gemangelt ...

P.S.: Nachdem es nun den ersten aller Ehrenspielführer zeitgerecht dahingerafft hat (und ich möchte wetten, dass der zweite seine schönste WM auch nicht mehr live erleben wird), konnten die EBU-Anstalten endlich wieder einmal unbesorgt in die Schwarz-Weiß-Kiste greifen und gar Bemerkenswertes zutage fördern. Bei der Siegerehrung, die 1954 zu Bern ausgetragen wurde, war der Verfassungspatriotismus offensichtlich noch nicht erfunden. Den Pokal schon in der Hand, setzte die Blasmusik ein zweites Mal ein und die im Wankdorf-Stadion zu tausenden stationierten Grundgesetzbüger stimmten wohl vernehmbar das Liedchen des Herrn von Fallersleben an. Und dabei zeigten sie, dass ihnen die Re-Education so manches hatte nehmen können, aber nicht die noch heute gerühmten Tugenden. Wie es ihnen ihr Ordnungssinn gebot, begannen sie das Deutschlandlied mit der ersten Strophe. Dass die Kapelle zur zweiten nicht mehr antrat, mögen sie im Angesicht des Sieges verschmerzt haben.



 
   
   
O&V