Hermann Scheer, Vorsitzender der Europäischen Sonnenenergievereinigung EUROSOLAR und Bundestagsabgeordneter der SPD, setzt sich seit Jahren für die Ablösung fossil-atomarer Energien durch erneuerbare Energien ein. Für dieses Engagement hat er in diesem Jahr den Alternativen Nobelpreis bekommen. In der Begründung hiess es: "Die Jury ehrt Dr. Scheer für seine unermüdliche Arbeit für die weltweite Förderung der Sonnenenergie und die Entlarvung der politischen und institutionellen Barrieren, die häufig von den nuklearen und fossilen Interessen errichtet werden und die Entwicklung und Akzeptanz der Solarenergie auf breiter Ebene verhindern."
Auch sein neues Buch "solare Weltwirtschaft" steht in diesem Rahmen. Die Frage von Hermann Scheer ist, wie die Vision einer solaren Weltwirtschaft, d.h. einer Weltwirtschaft die auf der ausschliesslichen Nutzung erneuerbarer Energien und solarer Rohstoffe basiert, realisiert werden kann.
Seine Argumentation beruht auf der vergleichenden Untersuchung von Nutzungsketten der fossilen, atomaren und erneuerbaren Energien. Eine Ressourcenkette umfasst alle Prozesse, die ein Energieträger von den Primärressourcen bis zum Endverbraucher durchläuft. So besteht die "Erdölkette" aus den die Gliedern Rohölförderung, Transport in Pipelines, Tankschiffen oder -zügen, Umwandlung in Raffinerien zu Nutzenergie und Derivaten für die chemische Industrie - wobei Abfallstoffe anfallen, welche entsorgt werden müssen -, Speicherung der Derivate, Transport der Treibstoffe und Derivate zum Nutzungsort und abschließend die Umwandlung in Motoren, Brennanlagen, Kraftwerken oder Chemiefabriken. Bei der Umwandlung zu Strom wird die Kette durch den Aufwand für den Transport und die Verteilung verlängert. Demgegenüber hat zum Beispiel die Fotovoltaik eine extrem kurze Nutzungskette, sie umfasst lediglich die Herstellung, den Transport und die Montage. Danach wird beispielweise ein Gebäude ohne weiteren Aufwand über Jahrzehnte mit Strom versorgt und Überschüsse können direkt in das Niederspannungsnetz eingespeist werden. Das Ergebnis dieses Vergleichs ist, dass die Nutzungsketten erneuerbarer Energien wesentlich kürzer sind, als die nuklearer oder fossiler Energien. Diese kürzeren Ketten bewirken, dass die ökologischen Belastungen erneuerbarer Energien geringer sind und sie auch das Potential haben, ökonomisch überlegen zu sein. Eine Voraussetzung dafür wäre der Abbau der Steuerprivilegien und Subventionen für fossil-atomare Energie. Für den fossilen Bereich sind dies unter anderem die Steuerbefreiung des Flugbenzins und die Steuerfreistellung des Treibstoffs für den internationalen Schiffsverkehrs. Die Atomenergie wird unter anderem durch Freistellungen von der Haftpflichtversicherung gegen atomare Unfälle und durch die staatliche Übernahme der Kosten für Polizeieinsätze im Dienste der atomaren Sicherheit priviligiert.
Ein wesentlicher Vorteil erneuerbarer Energien, der sich aus ihrer Nutzungskette ergibt, ist ihre Unabhängigkeit von Netzen. Regenerative Energien können direkt am Ort des Energiebedarfs genutzt oder umgewandelt werden. Daraus ergeben sich Möglichkeiten für eine regionale Selbstversorgung statt des durch fossil-atomare Energien erzeugten Globalisierungzwangs. Die Unabhängigkeit von Netzen kann sich auch ökonomisch auszahlen, da beispielsweise mehr als die Hälfte der Kosten für die Stromversorgung beim Bau, Unterhalt und Betrieb von Stromnetzen anfallen. Werden erneuerbare Energien von diesen Kosten entlastet, so erhöht sich deren mikroökonomische Konkurrenzfähigkeit. Das zeigt sich auch daran, dass sogar die derzeit noch recht teure Fotovoltaik an Orten ohne Leitungen und Netze oft heute schon preiswerter ist als jede Form konventionellen Energieeinsatzes. Um diesen Vorteil voll ausspielen zu können und die vollständige Unabhängigkeit von Netzen zu erreichen, hält Scheer die konsequente Weiterentwicklung von Speichertechnologien für notwendig. Diese sind bisher mit grossen Umweltproblemen verbunden, wie beispielsweise elektrochemische Akkus, oder haben einen zu geringen Wirkungsgrad. Grosse Hoffnungen setzt Scheer in diesem Zusammenhang auf Wasserstoff als solaren Energiespeicher. Gerade Wasserstoff steht aber für einen "harten" Pfad der Einführung erneuerbarer Energien. Mit seiner Hilfe wird immer wieder die Illusion genährt, dass es ausreichen wird, einfach nur den Tankinhalt zu wechseln und dabei die Produktions- und Lebensweise unangetastet zu lassen.
Einen Aspekt den Hermann Scheer in seinem Buch "Sonnenstrategie" nur andeutet, die Nutzung solarer Rohstoffe, hat er nun intensiver untersucht. Solare Rohstoffe sollen zusammen mit regenerativer Energie die Ressourcenbasis für die solare Weltwirtschaft bilden. Solare Rohstoffe sind Pflanzenprodukte. Diese zeichnen sich besonders dadurch aus, dass sie von der Natur abgebaut und recycelt werden können ohne giftige Rückstände zu hinterlassen. Scheer plädiert also konsequent für eine natürliche Ressourcenbasis, die als einzige den Kriterien der nachhaltigen Entwicklung entspricht. Das Ziel ist auch hier die komplette Substitution fossiler sowie metallischer Rohstoffe.
Ein grosses Defizit der Ausführungen Scheers ist, dass er die Beziehungen zwischen der kapitalistischen Produktionsweise und ihrer energetischen Basis nicht reflektiert. Wahrscheinlich blendet er diesen fundamentalen Zusammenhang aus, um ein breites gesellschaftliches Bündnis für erneuerbare Energien zu schmieden. Aus diesem blinden Punkt ergeben sich aber folgenschwere Konsequenzen. So finden die globalen Geldbeziehungen zwischen Gläubigern und Schuldnern bei ihm keine Beachtung. Die Entwicklungländer sind nicht nur energetisch und technologisch von den Industrieländern abhängig, sondern es besteht seit Jahren eine globale Schuldenkrise. Deren Lösung, die nur durch den Abbau von Schulen und Vermögen möglich ist, stellt eine wesentliche Voraussetzungen für eigenständige Entwicklung im Süden dar. Alle Versuche, diese Krise zu lösen, sind bisher gescheitert. Die Globalisierung kann auch nicht auf einen vom fossilen Energiesystem ausgehenden Zwang reduziert werden, wie Scheer es darstellt. Mit der Verteuerung von Transporten vertritt er allerdings einen vernünftige Strategie. Dies könnte die Konkurrenzgrenzen wieder erhöhen und auch eine Regionalisierungsstrategie unterstützen. Allerdings ist dabei nicht nur an den Kosten für Energieträger im Transportbereich anzusetzen. Die Kosten für Transporte erhöhen sich auch, wenn die teilweise unerträglichen Arbeitsbedingungen der Beschäftigten im Transportsektor verbessert werden. Hier ist bietet sich ein wesentlicher Ansatzpunkt zur Verknüpfung der sozialen mit der ökologischen Frage.
Auch wäre es notwendig, sich Gedanken darüber zu machen, wie die technologische Abhängigkeit der Entwicklungsländer gerade auf dem Gebiet erneuerbarer Energien durchbrochen werden kann. Es wird ja nicht damit zu rechnen sein, dass der Norden Technologien der regenerativen Energienutzung an die Länder des Südens verschenken werden. Wie soll also der Technologietransfer vom Norden in den Süden bewerkstelligt und finanziert werden?
Scheer hat ein sehr anregendes Buch geschrieben, dass sich aber zu stark an den herrschenden Globalisierungsdiskurs anlehnt. Seine kritische Perspektive ist daher zu einseitig. Die Vision einer solaren Weltwirtschaft geht bezogen auf die Ressourcenbasis in die richtige Richtung. Auch der Sozialismus braucht eine nachhaltige Energiebasis.
