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E-Journal für Haupt- und Nebenwidersprüche
Ausgabe 13.0 - 01.12.2006
   

Mit Sicherheit keine Kritik

Kritische Kriminologie der Sicherheitsgesellschaft


Kritische Kriminologie - darunter muss man sich wohl eine akademische Disziplin vorstellen, in der es so anspruchsvoll und grundsätzlich zugeht wie in einem Kapital-Kurs bei Franz Müntefering. Das einem solchen Unterfangen verschriebene Autorenduo wähnt sich bereits nach einigen kurzen und oberflächlichen Betrachtungen sozialer Zusammenhänge mit "enormen gesellschaftlichen Veränderungen" konfrontiert. Diese sollen die im Fokus des Buches stehende soziale Kontrolle völlig neu definieren. Der längste Teil von Die Sicherheitsgesellschaft besteht daher in der Beschreibung der "gegenwärtigen Formation sozialer Kontrolle". Doch kritische Kriminologie ist mehr als Transformationsdiagnose mit Tiefgang eines Nichtschwimmerbeckens und jargonhafte Reproduktion rechtssoziologischer Debatten. Sie konstatiert einen "Widerspruch zwischen demokratischem Anspruch und Realität", übt also immanente Kritik. Hat eine solche grundsätzlich das Problem an der Schwelle zur Affirmation zu stehen, sind Singelnstein & Stolle mit ihrem Plädoyer für eine "alternative Form der Sozialkontrolle" schon einen Schritt weiter.

Folglich nimmt das als Bewerbungsschreiben an die Bundestagsfraktion der Linkspartei gerichtet Buch an "Egoismus, Marktliberalität und Deregulierung" Anstoß, nicht aber an Ware, Geld und Kapital. Und es eskamotiert die Klassengesellschaft. So wollen die Verfasser mit nebulösem Bezug auf marxistische Diskussionen den Staat als "materielle Verdichtung der gesellschaftlichen Verhältnisse" charakterisiert wissen. Er sei "weder alleiniges Instrument der die Macht Innehabenden noch neutraler Mittler zwischen divergierenden gesellschaftlichen Gruppen", sondern zugleich "eingeständiges soziales Gebilde [...], das eine relative Autonomie gegenüber den Interessen der einflussreichen Schichten entwickelt". Dagegen kommt in Poulantzas Staatstheorie eine "materielle Verdichtung eines Kräfteverhältnisses zwischen Klassen und Klassenfraktionen" zur Sprache und Marx ist es im 18. Brumaire um die "verselbständigte Macht der Exekutivgewalt" zu tun: um Bedingungen, unter denen die Bourgeoisie "ihre Klassen neben den anderen Klassen zu gleicher politischer Nichtigkeit verdammt".

Der Leser ist versucht, hierin eine Auswirkung sozialer Kontrolle beim Schreiben für einen großen Wissenschaftsverlag zu sehen. Nicht so der den LeserInnen von Jungle World und Konkret als oberflächlicher Rezensent bekannte Ivo Bozic dem das vorliegende Buch "kenntnisreich und umfassend" (Jungle World 24/06) erscheint. Völlig falsch ist dies dennoch nicht. Wenn auch nicht kenntnisreich, so doch zumindest umfassend wird von den Autoren "der pauschale Verweis auf die Notwendigkeit gesellschaftlicher Veränderungen, im Zuge derer Entstehungszusammenhänge sozialer Probleme und damit die Notwendigkeit sozialer Kontrolle verschwinden würden", zurückgewiesen. Was hier gegen 'realsozialistische Kriminologie' gerichtet ist, erledigt die Idee, dass es anders sein könnte, gleich ganz und gar. Wer daran festhält, "Recht als gesellschaftliches Verhältnis" (Eugen Paschukanis), sprich jenseits von Katheder und Kapital zu denken, wird auf ein anderes Buch zurückgreifen müssen.

Singelnstein, Tobias/Stolle, Peer, Die Sicherheitsgesellschaft. Soziale Kontrolle im 21. Jahrhundert, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2006 (160 S., br., 19,90 Euro)



 
   
   
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