Das übliche Sonderangebot ist nicht zu haben. Ich nehme ein anderes, gebe 120 Mark aus und bin mit dreißig Filmen ausgestattet. Durch geschicktes Einlegen läßt sich jedem Film ein Bild extra entlocken.
Ich bin ewig nicht geflogen, meine kindliche Begeisterung am Fliegen nimmt anderthalb Filme. Gegen die unmittelbare Nähe des Wahnsinns, die ich nach meiner Ankunft erlebe, ist das aber Spielerei. Ein Bildersturm bricht über mich herein. Alles und jedes fügt sich zu Bildern, verführt mich mit Macht zu fotografischen Exzessen: natürliche Schönheit, Tradition, Geschichte, Moderne und eben diese Brüche. Alles bricht sich in allem und mit jedem. Es springt mich an, packt und lähmt mich, während ich die Kamera wie ein Kruzifix vor mich halte. Ohne den Finger vom Auslöser zu nehmen, zieht der Apparat ratternd die Filme durch, so wie in alten Kriegsfilmen Patronengürtel durch Maschinengewehre jagen.
Manchen Tag traue ich mich nur im Schutz der Dunkelheit aus dem Haus.
Im weiten Umkreis bin ich der einzige, der derart leidet. Meine Umwelt betrachtet mein Leiden mit Unverständnis, im besten Fall amüsiert, meist aber feindselig, alles Mißtrauen in den Blick legend, dessen sie fähig ist. Sie ist die Bilder gewöhnt, es ist ihr Leben, ihr gehaßtes Leben, sie stellt mir die Darsteller, die Requisiten, das Bühnenbild eines Stückes, dem jeder entfliehen will und fast keiner es kann ...
Man kann in keiner Umwelt überleben, die nur ablehnend ist. Ich versuche mich anzupassen. Ich verändere meine Frisur, ich vermeide schlendernden Schrittes zu gehen, Bewegungen müssen zielgerichtet sein, ohne Spannung, die Schultern hängend. Vor allem die Schultern hängend und den Blick nach unten! Der Blick darf nicht offen sein. Und vor allem niemals lächeln ...
Solcherart lassen mich die Bilder etwas in Frieden. Sie greifen niemanden an, der ein Akteur ihrer selbst sein könnte oder sich so verhält. Wenn ich aber die Deckung verlasse, weil ich mich nicht immer verstecken kann, dann sind auch sie wieder da.
Mit der Zeit verstehe ich mich besser zu verteidigen. Ich kann jetzt einzeln und gezielt schießen, Querformat trifft meist direkt.
Das Material neigt sich. Ich organisiere den Rückzug wohl wissend, daß selbst der noch Opfer kosten wird. Manchmal halte ich jetzt nur noch die Kamera hin, das Bild verhält dann vielleicht einen Augenblick und geht. Manchmal, wie gesagt.
Auf der Hälfte des Rückwegs: letzter Film, letztes Bild. Ich verschieße es, als nur noch eine Nacht in kritischer Umgebung zu verbringen und das Rettungsteam schon zu ahnen ist.
Abends. Es klickt. Es klickt, und ich weiß, daß es nicht meine Kamera war. Ein Mann kommt auf mich zu. "Die Kamera!" Die Gasse ist sehr schmal, und das Klicken war das seines Messers. "Ich bin fotoman" sage ich "die Kamera ist mein Stoff, mein Spritzbesteck ..." Mein Messer klickt jetzt auch. Wir haben den Oberkörper nach vorn geneigt, die Arme sind angewinkelt, und die Messerspitzen zeigen nach oben. Wir bewegen uns im Kreis, schrittweise, aber noch zu entfernt, bis ich aus Leibeskräften schreie, meinen Arm hoch reiße und auf ihn zu renne, nicht wissend was ich tun werde, falls er stehenbleibt... Er ergreift die Flucht.
Ich schaffe es, die Bilder in die Stadt zu bringen, wo sich in meiner Wohnung Berge fotografischer Erinnerungen stapeln. Ich fahre direkt vom Bahnhof in das nächstgelegene Fotolabor. In der S-Bahn fasse ich in einer Ecke Posto, den Rücken zur Wand, genau beobachtend, ob mich jemand verfolgt. Ich atme auf, als sich die Tür des Ladens hinter mir schließt und ich die Filme in Sicherheit weiß. Ich aber bitte Gott nicht um Erlösung von dieser Obsession, sondern sende ein Stoßgebet gen Himmel, daß dem Labor kein Fehler unterlaufen möge.
