Paul Bruns: Du unterstellst Schwingel einen krankhaften Wahn Bourdieu nachzueifern, stellst aber sein Buch weder in den historischen Kontext - 1993 war Bourdieu in Deutschland noch kein Hype -, was bei der Beurteilung eines vor fast zehn Jahren erschienenen Buches durchaus angebracht ist, noch fragst Du nach den sich daraus logisch ergebenden Intention Schwingels. Diese bestand zweifelsohne darin, Bourdieu in Deutschland zunächst mal bekannt zu machen, ohne ihn auf der Stelle zu zerpflücken. Dafür spricht u.a. auch, dass zwei Jahre später von Schwingel "Die Analytik der Kämpfe" erschien, wo er dann durchaus mit eigenen Gedanken und weniger Affirmation aufwartet. Daher ist der Vorwurf einer völligen Verhaftung hier kein tragfähiger Vorwurf. Bleibt nicht jeder seiner eigenen Theorie verhaftet, schon weil es nun mal seine eigene Theorie ist?
KG: Stimmt, aber nicht alle sind dermaßen unflexibel in ihrer Theoriegrammatik wie es eben Schwingel ist. Man kann durchaus erwarten, dass Leute ihre Theoriegrammatiken wechseln können, Kritiken in anderen Theorien formulieren können. Neben der immanenten Kritik fühlt Schwingel sich noch der Rekonstruktion des theoretischen Gerüsts, das sich hinter den vielfältigen Forschungsthemen und Fragestellungen des kürzlich verstorbenen französischen Soziologen entfaltet, verpflichtet.
PB: Wenn er Bourdieu zwar nicht grundsätzlich in Frage stellt, ihn aber immanent kritisiert, dann sind ihre Theorien also doch nicht deckungsgleich und Schwingel ist also doch kein Bourdieu-Adapet. Oder?
KG: Ich habe nie behauptet, Schwingel und Bourdieu seien "deckungsgleich", nur ist Schwingels Problem, dass er außer Rekonstruktionsarbeit kaum was Eigenes macht.
PB: Einführungen haben es irgendwie so an sich, der Rekonstruktion des theoretischen Gerüsts eines Denkens verpflichtet zu sein, denn schließlich wollen sie ja eben in dieses Denken einführen...
KG: Ja, aber bei Bourdieu könntest du ja auch viel über die empirischen Forschungen berichten – und müsstest nicht nur Denkgebäude rekonstruieren. Wenn du dich denn aber der Rekonstruktionsarbeit verschreibst, dann bitte auf hohem Niveau. Zwar zeigt Schwingel bei seiner Verortung Bourdieus im "intellektuellen Feld" Frankreichs ausgehend von den in Buchuntertiteln wie "Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft" (Die feinen Unterschiede) und "Kritik der theoretischen Vernunft" (Sozialer Sinn) richtigerweise die Bourdieusche Vorstellung, philosophische müssten in soziologische Fragestellungen übersetzt werden (Schwingel sagt: sie sollten "aus dem Himmel der reinen Ideen und Spekulationen" heruntergeholt werden) auf. Jedoch zeigt seine Einführung auch deutlich, dass er von Marx keine Ahnung hat. So bleibt für ihn dessen Denken als Orientierungspunkt für Bourdieu "ambivalent". Gleichzeitig kann er aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sowohl bei ihm – Schwingel spricht im Zusammenhang mit dem Feldbegriff von einem "sich zumeist hinter dem Rücken der Akteure vollziehende[n] Einfluss gesellschaftlicher (feldspezifischer) Bedingungsfaktoren auf konkrete Praktiken und Werke" –, als auch bei Bourdieu selbst – "Weil die Handelnden nie ganz genau wissen, was sie tun, hat ihr Tun mehr Sinn, als sie selber wissen." (Sozialer Sinn, S. 127) – Marx mehr als nur einmal Vater des Gedankens ist. Sicherlich gibt es andere Ebenen bei Bourdieu, wo das Marxsche Werk tatsächlich keine so große Rolle spielt. Ich denke z.B. an den Kapitalbegriff. Zunächst erfährt dieser eine über seine ökonomische Verwendung hinausgehende Dehnung, die zwar einiges über das 'Funktionieren' von Gesellschaft aussagen kann, letztendlich jedoch eine theoretische Verkürzung darstellt. Ambivalenz zu konstatieren wird eine luftige Nullnummer, wenn nicht präzisiert wird, was damit gemeint ist. So könnte man m.E. für Bourdieu festhalten, dass sein Bezug auf den praxis-theoretischen Teil von Marx konstitutiv ist, die Kritik der politischen Ökonomie (abgesehen von ihren Überlegungen zum Verhältnis von gesellschaftlicher Struktur und individueller Praxis) aber keine große Rolle spielt. Nichts dergleichen findet sich aber bei Schwingel.
PB: Die Wichtigkeit der Empirie, aus der sich schließlich erst das ganze Instrumentarium und die Begriffe Bourdieus gebildet haben, wird tatsächlich insgesamt stark vernachlässigt. Aber den Rahmen einer Einführung würden sie qua Umfang sicherlich sprengen. Aber zur theoretischen Verkürzung: in welcher Art meinst du bei Bourdieu eine solche finden zu können? Mir stellt sich eher die Frage, ob der Kapitalbegriff von Marx all das fasst, was der Kapitalbegriff von Bourdieu erklärt und umgekehrt. Dies scheint offenkundig nicht der Fall zu sein. In diesem Sinne handelt es sich bei beiden Begriffen um theoretische Verkürzungen. Doch jeder besitzt seine je eigene Nützlichkeit, um verschiedene Ebenen gesellschaftlicher Verhältnisse zu erklären. Den einen Begriff zu vergöttern um den anderen zu verteufeln halte ich für ein zu kurz greifendes Schwarz-Weiss-Denken. Viel spannender, wenn auch anspruchsvoller und damit anstrengender wäre es, sich darüber Gedanken zu machen, wie man sie komplementär denken könnte.
KG: Der Vorwurf der 'theoretischen Verkürzung' wird noch zu präzisieren sein. In Bezug auf Bourdieus Kapitalbegriff sei noch die Frage erlaubt, ob er eigentlich mehr als 'Ressource' meint. Es ist jedenfalls bezeichnend, dass auch Schwingel diese beiden Begriffe synomym benutzt. Dazu passt auch, dass Bourdieu der Wirtschaftstheorie – damit hier aber zugleich: der Kritik der Politischen Ökonomie – einen "verwirtschaftswissenschaftlichen Kapitalbegriff" (Die verborgenen Mechanismen der Macht, S.50) vorwirft. Schwingel schreibt dazu: "Mit einem derart reduzierten Kapitalbegriff sind jedoch nicht nur die Eigenarten vorkapitalistischer Wirtschaftsformen (wie zum Beispiel die ökonomischen Verhältnisse in der Kabylei, die Bourdieu in seinem Entwurf einer Theorie der Praxis analysiert hat), sondern auch die Besonderheiten der nicht warenförmigen Ökonomien der verschiedenen sozialen Felder in ausdifferenzierten Gesellschaften unbegreifbar." Hier zeigt sich, wie Schwingels reine Rekonstruktionsarbeit, von der oben schon die Rede war, höchst problematisch wird. Welche halbwegs ernst zu nehmende Wirtschaftstheorie versucht denn mit den Begriffen von Tausch und Kapital vorkapitalistische/nicht-warenförmige Verhältnisse zu beschreiben? Wer seine Begriffe an einem solchen Anspruch ausrichtet, muss sich die Frage nach dem spezifischen Erkenntnisgewinn seines Vorgehens sowie die nach der Bedeutung von Geschichte in seiner Kategorienentwicklung gefallen lassen. Diese Frage zielt auf Bourdieu und Schwingel gleichermaßen.
PB: Ich bin mir relativ sicher, dass Bourdieu einer der Letzten ist, der sich die Frage nach dem "spezifischen Erkenntnisgewinn seines Vorgehens" gefallen lassen muss. Implizit unterstellst Du ihm dabei ein mangelndes Verständnis, mindestens eine mangelnde Berücksichtigung der Kritik der Politischen Ökonomie. Der Witz daran ist, dass Bourdieu seine Umwidmung des Kapital-Begriffs ganz bewusst und explizit in Abgrenzung zum Kapital-Begriff von Marx durchführt, um – wie bereits erwähnt - aus der Dichotomie von Materialismus und Idealismus auszubrechen. Die Entwicklung des Begriffsinstrumentariums bei Bourdieu ist eben genau der Tatsache geschuldet, dass er das ein oder andere Jahrzehnt nach Marx gelebt hat, und die Gegenüberstellung von Kapital und Arbeiterklasse nicht mehr ganz die ausreichende Differenziertheit besessen hat, um den gesellschaftlichen Komplexitäten gedanklich Herr zu werden. Daraus ergibt sich auch der spezifische Erkenntnisgewinn von Bourdieus begrifflichem und methodischem Instrumentarium: es geht immer um die Bewahrung der real existierenden Komplexität der Praxis – auch in ihrer theoretischen Aufbereitung. Dementsprechend hat sich Bourdieu den Einseitigkeiten theoretischer Traditionen entzogen und versucht sie zusammenzudenken: Materialismus und Idealismus, Strukturalismus und Konstruktivismus, etc.
KG: Du hast recht und ich widerspreche dem ja auch gar nicht, zumindest, was die Vermittlung von Materialismus und Idealismus, Strukturalismus und Konstruktivismus, etc. angeht. Allerdings glaube ich, dass die Unterscheidung von Kapital und Arbeit noch nie die gesellschaftliche Komplexität in Gänze begriffen hat. Es ist ja nichts Neues, dass Marx kein großer – nicht mal ein kleiner – Theoretiker des Rassismus oder der Geschlechterverhältnisse ist. Für die Klassenbeziehungen ist analytisch die Unterscheidung zwischen Kapital und Arbeit m.E. nach wie vor unumgänglich. Bourdieu bewegt sich aber einfach auf einer anderen Ebene. Sein Thema ist die Repräsentation von Klassenverhältnissen, die distinktive Praxis der gesellschaftlichen Klassen. Eine Frage, die darüber hinausgeht ist die, ob die Marxsche Theorie an ihren reifen Punkten nicht der fälschlicherweise völlig optimistischen Klassentheorie widerspricht: wer einmal die Verkehrungen des Bewusstseins, wie Marx sie analysiert – ganz besonders deutlich beim Lohnfetisch (MEW 23, 557ff) –, gründlich durchdacht hat, kann eigentlich nur noch Abschied von der kruden Klassenkampfrhetorik des Kommunistischen Manifestes (und ihrer Aufnahme im Kapital, vgl. MEW 23, 789ff) nehmen. Und zur Bedeutung der Geschichte: wie kann man ein scheinbar so zeitloses Instrumentarium entwickeln, mit dem sich kabylische ebenso wie gegenwärtige Industriegesellschaften analysieren lassen? Schließlich noch eine Bemerkung zum Bourdieuschen Problem des Kapitals im Plural. Die von Bourdieu postulierten Konvertibilität der verschiedenen Kapitalien verweist auf das generelle Problem seines Kapitalbegriffs zurück: das 'ökonomische Kapital' ist eine begrifflich viel komplexere Angelegenheit als eine Gütermenge oder strategische Ressource. Mit Bourdieus Überlegungen zum Kapitalbegriff lässt sich die von ihm immer wieder behauptete Schwierigkeit der Austauschbarkeit der Kapitalien gar nicht begründen: wenn Kapitalien einfache Mengen strategischer Ressourcen sind, ist völlig uneinsichtig, warum nicht gleiche Mengen einfach ausgetauscht werden können. Das genau dies nicht geht, sieht auch Bourdieu und verweist auf die verschiedenen Logiken der Kapitalien, wobei er keinen weiteren Gedanken an das 'ökonomische Kapital' verschwendet. Hier liegt jedoch der theoretische Hund begraben, denn dass die Ressourcen, die Bourdieu als 'kulturelles' und 'soziales Kapital' bezeichnet, in einem langen Aneignungs- und Vererbungsprozess erworben werden, ist eine banale Erkenntnis. Würde stattdessen die begriffliche Bestimmung des 'ökonomischen Kapitals' vorangetrieben, wäre ein großer Schritt bezüglich der Theoretisierung der Nicht-Konvertibilität strategischer Ressourcen getan.
PB: Ich verstehe leider nicht, wo Dein Problem bezüglich der Konvertibilität bzw. Nicht-Konvertibilität von unterschiedlichen Kapitalien liegt. Von den verschiedenen Logiken einzelner Kapitalsorten sagst du doch selbst, dass sie in verschiedenen Feldern nach unterschiedlichen Regeln tauschbar sind. Der Tauscherfolg hängt dabei jedoch nicht nur vom vorhandenen Kapital ab, das jemand zu tauschen gewillt ist, sondern auch von seiner Fähigkeit, die entsprechenden Tauschstrategien erfolgreich anzuwenden. Und warum Du beispielsweise die Fähigkeiten, mittels einer eloquenten Beherrschung von Sprache einerseits Herrschaft über Menschen auszuüben, und dieses Können andererseits beispielsweise in ökonomische Kapital zu verwandeln als "einfache Menge strategischer Ressourcen", und nicht als einen hochkomplexen und verregelten Vorgang begreifst, verstehe ich schon vor folgendem Hintergrund nicht: Wie willst du denn den Habitusbegriff begreifen, wenn du die damit integral zusammenhängende Aneignungs- und Vererbungsprozesse fälschlicherweise als "Banalität" betrachtest. Ich würde hervorheben, dass diese Prozesse alles andere als banal sind. Dies beispielsweise in Les Héritiers für das Bildungssystem in den sechziger Jahren qualitativ und quantitativ aufgezeigt und nachgewiesen zu haben war immerhin so neu, dass diese Erkenntnis nicht nur eine Hauptmotiviation für die 68er wurde, sondern heute noch in Frankreich regelmäßig von linken Wissenschaftlern und Bildungspolitikern als Beleg herangezogen wird. Besonders die staatlichen Bildungseinrichtungen bis hinunter zu Grundschule und Kindergarten hielt Bourdieu für Bollwerke der herrschenden Klassen. Hier wurden Schülern aus einfachen Verhältnissen die Werte der bürgerlichen Kultur vermittelt, die Kultur selbst aber nicht. So lernte man, dass klassische Musik wertvoll war, nicht aber, sich damit wirklich auszukennen. Kleinbürger und Arbeiter wurden dazu erzogen, die bürgerliche Welt zu bestaunen und sich zugleich unterlegen zu fühlen – denn die Kompetenz im Umgang mit dem bürgerlichen Kanon vermittelte nur das Elternhaus. Selbst seine poststrukturalistischen Kollegen schonte er nicht mit seiner Kritik. Bei all ihrem revolutionären Gestus verwandelten sie die Philosophie in Literatur und machten sie zum elitären Genuss ästhetischer Adepten, zu einem Instrument bürgerlicher Vormacht, das nur vorgab, die herrschende Klasse zu kritisieren. Dann sagst du noch, Bourdieu habe an das ökonomische Kapital keinen Gedanken verschwendet. Auch falsch! An verschiedenen Stellen schreibt Bourdieu vom "Primat der Ökonomie". Doch wollte er es dabei nicht bewenden lassen, sondern noch darüber hinausgehen. Bourdieus Grundfrage lautet daher sicherlich eher: Was steckt hinter jenen Praxisformen und ihren kulturellen Selbstbeschreibungen? Und seine Antwort lautet: eine Ökonomie – wohlgemerkt: nicht die Ökonomie. Richtig. Bourdieus Materialismus fragt nicht wie der klassische Materialismus, wie sich die 'ökonomische Ökonomie', also Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse, auf den überbaulichen Rest der Gesellschaft auswirkt. Bourdieu hat selbst immer hervorgehoben, nach der Ökonomie solcher Praxisfelder, die gesellschaftlich (noch) nicht als ökonomische Felder anerkannt werden, zu fragen. Er verzichtet auf den klassischen linken Ökonomismus, in dem auch das Nicht-Ökonomische jeweils für sich ökonomisch erklärt wird. Insofern ist der Bourdieusche Materialismus sogar erheblich radikaler als der seiner Vorgänger. Bourdieu hebelte die alten Dualismen von Geist und Materie, Basis und Überbau, Individuum und Gesellschaft aus, indem er zwei Konzepte in die Debatte warf: den Habitus und einen neuen Begriff von Kapital. Den Habitus definierte er mit dem Wort-Ungetüm "strukturierte strukturierende Struktur", sprich: die Eigenschaft des einzelnen Menschen, seine soziale Umwelt in Interaktion mit ihr ständig in sich aufzunehmen und dabei doch zu verändern. Der Gegensatz zwischen Individuum und Gesellschaft fiel in sich zusammen. Wirklich revolutionär allerdings war Bourdieus Idee vom symbolischen Kapital, von Dingen, die den Menschen Prestige bringen. Er stellte Marx auf den Kopf, reduzierte die Bedeutung der ökonomischen Basis als Quelle der gesellschaftlichen Macht und ökonomisierte stattdessen Geist und Kultur, Ethik und Ästhetik. Er analysierte sie als Felder, in denen sich Machtpositionen, Kraftverschiebungen und Konflikte genau beschreiben ließen. So konnte man unterschiedlichste kulturelle Produkte – etwa Kandinsky und Kartoffelsalat – miteinander in Beziehung setzten. Die Idee ist alles andere als plump: So entdeckte Bourdieu etwa den Avantgardemechanismus, dessen zugrundliegende symbolische Ökonomie besagt, dass im elitärsten Bereich der Kunst die Bewertungsmechanismen genau umgekehrt funktionieren wie im Bereich der Wirtschaft. Cézanne wurde zum großen Wegbereiter der Moderne nicht obwohl Jahrzehnte lang niemand seine Bilder kaufte, sondern gerade deshalb. Symbolisches Kapital verhält sich nicht selten spiegelbildlich zum ökonomischen.
KG: Dein Einwand, der Tauscherfolg hänge nicht nur vom vorhandenen Kapital, sondern auch von den Fähigkeiten, entsprechende Tauschstrategien erfolgreich anzuwenden, beweißt meiner Meinung nach nur, dass natürlich auch beim Tausch der von Bourdieu postulierten verschiedenen Kapitalien habituelle Dispositionen eine Rolle spielen. Das ist unbestreitbar: keine gesellschaftliche Praxis ist frei von den Habitus der Akteure. Die Frage aber ist doch, ob sich diese Handlungen mit Bourdieu als Ökonomie (mit den verschiedenen Kapitalien) theoretisieren lassen. Genau hier aber habe ich größte Zweifel. Vom "Primat der Ökonomie" zu sprechen, heißt noch nicht begriffliche Anstrengung bezüglich des ökonomischen Kapitals zu unternehmen. Marx hat aber eine solche geleistet, als er im vierten Kapitel des ersten Bandes des Kapital, das ökonomischen Kapital als 'sich selbst verwertender Wert' bestimmt: "Der Kreislauf W-G-W geht aus von dem Extrem einer Ware und schließt ab mit dem Extrem einer anderen Ware, die aus der Zirkulation heraus und der Konsumtion anheimfällt. Konsumtion, Befriedigung von Bedürfnissen, mit einem Wort, Gebrauchswert ist daher sein Endzweck. Der Kreislauf G-W-G geht dagegen aus vom dem Extrem des Geldes und kehrt schließlich zurück zu demselben Extrem. Sein treibendes Motiv und bestimmter Zweck ist daher der Tauschwert selbst." (MEW 23, S. 164) Und: "Der Prozeß G-W-G schuldet seinen Inhalt daher keinem qualitativen Unterschied seiner Extreme, denn sie sind beide Geld, sondern nur ihrer qualitativen Verschiedenheit." (S. 165) Diese Verschiedenheit resultiert aus einer veränderten Wertgröße am Ende dieses Prozesses, d.h. der Zusetzung von Mehrwert, bzw. der Verwertung des vorgeschossenen Werts. "Und diese Bewegung verwandelt ihn in Kapital." (ebd.) Dessen besondere Eigenschaft liegt nun darin begründet "Subjekt eines Prozesses" (S. 169), "automatisches Subjekt" (ebd.) zu sein. Eine an dieser Kapitalbestimmung orientierte Kritik findet sich bei Schwingel nicht.
PB: Ich bleibe dabei, dass Bourdieu in vielerlei Hinsicht eine wesentlich radikalere Analyse durchführt als seine Vorgänger, und ich behaupte weiterhin, dass man Handlungen mit Bourdieu ganz herausragend gut als Ökonomie theoretisieren kann, und zwar als jeweils wahrscheinliche Handlungsweisen verschiedener gesellschaftlicher Gruppen zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten. Bourdieu hat den Begriff des ökonomischen Kapitals überhaupt nicht im klassisch-materialistischen Sinne weiterentwickeln wollen, er wollte ganz ausdrücklich in seine Disziplin überführen und nicht nur analytisch, sondern vor allem auch praktisch nutzbar machen. Aber wie schon gesagt, ich halte Marx und Bourdieu in Kapitalbegrifflichkeiten für hochkomplementär und diese Perspektive eines Weiterdenkens für wesentlich kritischer als ihre dichotome Gegenüberstellung.
KG: Aber es geht mir nicht um eine dichotome Gegenüberstellung, sondern um das Gewichten der starken und schwachen Stellen von Bourdieus Theorie. Die Idee der verschiedenen Kapitalien gehört meiner Meinung zu den schwachen Stellen und das lässt sich mit der Marxschen Kapitalbestimmung sehr gut begründen. Das nur als "dichotome Gegenüberstellung" zu brandmarken ist abgeschmackt. Wenn es vielleicht nicht deutlich geworden ist: ich bin kein Bourdieu-Feind; und das heißt auch: Marx könnte viel von Bourdieu lernen, v.a. – so glaube ich – aus der Habitustheorie. Doch zurück zu Schwingel: er beanstandet am Kapitalbegriff bei Bourdieu, dieser habe "eine gewisse inflationäre Verwendung erfahren". Auf den Gedanken, dass diese schon im Bourdieuschen Begriff selbst angelegt sein könnte, wird jedoch keine Zeit verschwendet.
PB: Wenn das der Fall ist, dann würde mich an dieser Stelle eine Erklärung sehr interessieren, wie in einem Begriff eine gewisse inflationäre Verwendung angelegt sein kann. Ich kenne Marketingmenschen in Unternehmen, die für eine stichhaltige Erklärung dieses Vorgangs größere Summen Geldes auf den Tisch blättern würden.
KG: Nun, dann bin ich ein reicher Mann: Der Kapitalbegriff bei Bourdieu durchzieht die ganze Gesellschaft. Wie du schon selbst gesagt hast, steckt bei ihm hinter den Praxisformen und ihren kulturellen Selbstbeschreibungen "eine Ökonomie – wohlgemerkt: nicht die Ökonomie". Ist es dann nicht klar, dass es überall Kapital, verschiedenste strategische Ressourcen, geben muss? Schwingel zitiert in der oben angeführten Stelle u.a. "philosophisches", "linguistisches" und "universitäres" Kapital. Vielleicht wäre es spannend Houellebecqs neuen Roman Plattform als einen "weiteren Bestandteil in einer [bei Houellebecq selbst] groß angelegten Theorie des sexuellen Kapitals" (Holm Friebe, in: Konkret 4/02, S.57) zu lesen.
PB: Ok, ich verstehe deinen Punkt, auch wenn du noch nicht reich bist, da du das Phänomen inflationärer Verwendung zwar beschreibst und negativ kennzeichnest, aber nicht erklärst. Eine positiv gewendete Erklärung könnte so aussehen: Der Begriff ist in jeweils spezifizierter Form zur Analyse auch sehr zugespitzter Fragestellungen, Themen und gesellschaftlicher Bereiche geeignet, was ihn – korrigier mich, falls ich mich irre - vor der Marxschen Kapitalbestimmung auszeichnet.
KG: Jenseits des Kapitalbegriffs gibt es jedoch auch Stärken der Bourdieuschen Theorie. Diese sind v.a. in der Habituskonzeption, die als ein Beitrag zu einer Ideologietheorie gelesen werden kann (vgl. den Text von Margareta Steinrücke in der letzten Ausgabe), verortet. Daher ist auch das entsprechende Kapitel in Schwingels Buch – "Die Dispositionen des Habitus und die Dialektik von Habitus und Feld" – das spannendste. Es macht völlig ungewollt auch deutlich, dass die Habitustheorie begrifflich, hier würde ich deinen Äußerungen von vorhin widersprechen, in keinem notwendigem Zusammenhang mit der Kapitalkonzeption steht. So schreibt Schwingel: "Ob ein Akteur in der Hierarchie der gesellschaftlichen Welt 'oben' oder 'unten' steht, welche soziale Laufbahn er durchschritten hat, inwieweit er über ökonomisches, über kulturelles und über ein Kapital an sozialen Beziehungen verfügt: dies alles beeinflusst seine praktische Wahrnehmung und Erfahrung der sozialen Welt und diese wiederum, vermittelt über die daraus erwachsenden Erwartungen und Aspirationen, die Praktiken, die ihm als sinnvoll und Richtungsweisend erscheinen." Damit ist zwar ausgesagt, dass ein radikal vergesellschaftetes Bewusstsein als Handlungsgrundlage der Einzelnen existiert, noch nichts jedoch darüber, wie die Gesellschaft, die dieses Dispositionssystem sozialer Akteure konstituiert, selbst verfasst ist. Wird aber auch in diesem Zusammenhang an Bourdieusche Vorstellungen angeknüpft, entsteht ein defizitäres, weil auf ökonomisches Markt-Verhalten reduziertes Bild von Gesellschaft. Dies ist zwar antiintentionalistisch gedacht, aber dennoch wird Tausch als die herrschende Form der Vermittlung des sozio-ökonomischen Zusammenhangs postuliert. Historisch stellt sich dies jedoch erst in modernen Industriegesellschaften her und so erweist sich Bourdieus Gesellschaftskonzeption selbst als ahistorischer, 'epistemozentrischer' Kurzschluss: seine wissenschaftliche und daher handlungsentlastete Sicht der Praxis identifiziert er einfach mit derjenigen, die die Akteure von sich selbst haben.
PB: Du kippst wirklich von einem Extrem ins andere. Erst kümmert sich Bourdieu nicht genug um das "ökonomische Kapital", jetzt kommt der Ökonomismus-Vorwurf. Dies sind nun wirklich die ganz klassischen Pauschaulurteile über Bourdieu. Ihre Motivation ist jeweils leicht herzuleiten, ihre Stichhaltigkeit bisher nicht kaum über Glaubensaussagen hinausgetrieben worden. "In die Soziologie tritt nur ein, wer die Bande und Verhaftungen löst, die ihn gemeinhin an eine Gruppe binden, wer den Glaubensüberzeugungen abschwört, die unabdingbar sind, um dazuzugehören, wer jegliche Mitgliedschaft oder Abstammung verleugnet." Dieser Satz entstammt der Antrittsvorlesung Pierre Bourdieus, gehalten am Collège de France am 23. April 1982. Die generelle Anlage von Bourdieus theoretisch-begrifflichem Instrumentarium rechtfertigt wohl kaum den Vorwurf von Ahistorismus oder Epistemozentrismus, ist es doch gerade eben dieser Bourdieu, der immer wieder nicht darauf hingewiesen, sondern es auch umgesetzt hat: Aufgrund der Dynamik von Gesellschaften jedweder Art bedarf es grundsätzlich der jeweiligen Respezifikation der allgemeinen Begriffe für eben jedes jeweilige Feld in jeder jeweiliger Gesellschaft in jeder jeweiligen Zeit. Auch bezogen auf den Urkommunismus lässt sich mit seinen Begriffen operieren, denn sie bilden schlicht Verhältnisse ab, seien sie nun durch Herrschaft oder durch Solidarität geprägt. Bourdieu verfügt gerade über keine feststehende Anthropologie, es geht von keinen Homo-Entitäten aus, sondern davon, dass gesellschaftliche Menschen miteinander umgehen, sich also in ein Verhältnis zueinander begeben müssen. Im übrigen ist Bourdieu nicht so antiintentionalistisch, wie es Dir vielleicht vorkommt. Seine gesamte Theorie zielt darauf ab, beherrschte Menschen in die Lage zu versetzen, so weit wie möglich intentionalisitisch wahrnehmen, denken und handeln zu können. Ansonsten bedeutet Antiintentionalismus nicht anderes als schicksalergebener Determinismus, und wenn man darauf Lust hat, dann kann man gleich katholisch werden.
KG: Ich mache Bourdieu keinen klassischen Ökonomismusvorwurf. Dieser würde doch darin bestehen, zu sagen bei Bourdieu ist das, was er selbst ökonomisches Kapital nennt entscheidend. Meine Kritik ist vielmehr, dass nach Bourdieu ökonomisches Verhalten (nicht 'ökonomisches Kapital') das Handeln der sozialen Akteure strukturieren soll. Daher ist es nur konsequent immer in Kategorien von Tausch zu denken. Gewichtige Herrschaftsverhältnisse lassen sich aber nicht auf dieser Ebene denken. Den Vorwurf des Ahistorismus würde ich aufrechterhalten, auch wenn Bourdieu einräumt sein Instrumentarium je nach Gesellschaft spezifizieren zu müssen. Denn die 'allgemeinen Begriffe' bestehen schon von Vorneherein – 'einfache Warenproduktion' (Engels) ich hör' dir trappsen. Doch zurück zu Schwingels Buch: was darin bedauerlicherweise kaum Beachtung findet, ist Bourdieus Sprachttheorie. Das mag in der soziologischen Verkürzung Bourdieus, wie sie sich durch die ganze Einführung zieht, begründet liegen. Besonders zum Ausdruck kommt dies in der geringen Rolle, die die zwei philosophischsten Hauptwerke Bourdieus (Was heißt Sprechen? und die soeben auf deutsch erschienenen Méditations pascaliennes, siehe dazu die Rezension in den letzten Ausgabe) spielen. Ein ebenso geringes Gewicht haben in Schwingels Buch Bourdieus Arbeiten zum Geschlechterverhältnis, anhand derer die spannende Diskussion, wie sich asymmetrisch-gesellschaftliche Interaktionen diesseits der Verallgemeinerung ökonomischer Begrifflichkeiten beschreiben lassen, zu führen wäre.
PB: Guter Punkt, aber La domination masculine (dt.: Die männliche Herrschaft) kam erst viele Jahre nach Schwingels Einführung raus.
KG: Jetzt verstehe ich die Welt nicht mehr: wie kannst du mir hier recht geben und gleichzeitig Kritik daran üben, dass ich Bourdieu einen 'Ökonomismusvorwurf' machte? Die Feststellung, dass sich asymmetrisch-gesellschaftliche Interaktionen diesseits der Verallgemeinerung ökonomischer Begrifflichkeiten beschreiben lassen muss, ist doch gerade die Konsequenz von meinem 'Ökonomismusvorwurf' an Bourdieu. Um asymmetrisch-gesellschaftliche Interaktion zu denken, wäre m.E. im Anschluss an Debatten rund um das Werk von Judith Butler zu fragen, wie von Bourdieu aus Identität gedacht werden kann.
PB: Ich denke, der Habitus-Begriff mit seiner physisch-psychischen Komponente sowie die daran gekoppelte Analyse von Distinktionsbedürfnissen bieten eine gute Sicht darauf, wie mit Bourdieu Identität zu denken ist.
KG: Schwingel stellt solche Fragen allerdings nicht. Stattdessen präsentiert er auf über 20 Seiten Bourdieus Intellektuellentheorie, eine abgeschmackte und stark politisch-normativ angehauchte Illustration der eigenen Kapitalkonzeption.
PB: "Abgeschmackt" und "politisch-normativ angehaut" sind keine Argumente, sondern geschmäcklerische Polemik. Auch weiß ich nicht, wie Du die Intellektuellentheorie von Bourdieu verdammen, die Sprachtheorie aber sogar vermissen kannst, denn die Habermassche Idee eines "kommunikativen Handelns" mit dem Ziel der Herstellung herrschaftsfreier Diskursräume kritisiert Bourdieu grundsätzlich. Für ihn sind Erkenntnisinteressen an gesellschaftliche Interessen gebunden, die Argumente der Macht sind für der Macht der Argumente häufig überlegen und untrennbar mit gesellschaftlichen Kommunikationsbeziehungen verbunden. Bourdieu erstaunt sich insbesondere darüber, dass die Bewusstseinsphilosophie, d. h. die Annahme individuell schöpferischer Persönlichkeiten, immer wieder von individuellen Zwecken und Absichten reden lässt, wo gesellschaftliche Strategien, Machtverhältnisse und Herrschaftsfelder beschrieben werden. Ausgehend von Gaston Bachelards Einsicht, dass "die Welt, in der man denkt, nicht die Welt ist, in der man lebt", argumentiert Bourdieu gegen die "scholastische Verblendung" auf doppelte Weise. Bourdieu ist kein Ethiker und er sagt nicht, welche Situation zu welchem Handeln führt, er ist Soziologe und begnügt sich mit dem Verweis, dass eine Situation nicht aus dem Nichts entsteht und niemanden unvorbereitet trifft. Geschichte ist für Bourdieu das Zusammenspiel von Subjekt und Milieu, ein permanenter Strukturkonflikt zwischen inkorporierter Lebenswelt und Aneignung von Geschichte.
KG: D'accord, aber die Intellektuellentheorie ist begrifflich sehr unergiebig. Daher ist es für Schwingels Buch besonders bezeichnend, dass er genau an diesem Punkt durch die Diagnose des "Widerspruch[s] zwischen der von der Theorie der Praxis begründeten Eigenlogik der (nicht intellektuellen) Alltagspraxis und dem intellektuellen Universalitätsanspruch, den Bourdieu im Zusammenhang seiner Soziologie der Intellektuellen zu begründen versucht" wirklich ernsthaft Kritik übt.
PB: Ich denke, dass "intellektueller Universalitätsanspruch" die Sache absolut nicht trifft, da es einerseits zwar um privilegierte Erkenntnispositionen geht, andererseits aber niemals die Kritik an sog. Universalgelehrten fehlt, die zu allem war zu sagen haben. Intellektuelle sollen sich nicht universal inhaltlich äußern, sondern nur zu den Themen, wo sie ihre privilegierte Erkenntnisposition auch ausgeübt haben. Etwas anders ist es, wenn es darum geht seinen Namen für Sachen herzugeben, die sinnvoll erscheinen. Aber da reicht dann ja das Gesicht oder die Unterschrift ohne große Ausführungen. Ich sehe hier einen anderen Kritikpunkt als wesentlich treffender an: Bourdieu selbst hätte man in den letzten Jahren sicherlich mal Fragen können, ob es sich gemessen an seiner Theorie zu dem Thema nicht etwas zu vorschnell und unausgereift mündlich und auch schriftlich geäußert hat, beispielsweise zu den Themen Fernsehen, Geschlechterverhältnisse oder Politik. In diesen Fällen handelt es sich aus meiner Sicht um Schnellschüsse, zumal im Vergleich zum empirischen Aufwand, der vormals die Grundlage für seine Arbeiten zu anderen Themengebieten war. Diese Bücher vertreten einen Grundsätzlichkeitsanspruch, sind aber allenfalls als Hinweise oder Interventionen tauglich. Ab Mitte der 90iger Jahre ist Bourdieu sicherlich seinen eigenen wissenschaftlichen Maßstäben nicht mehr gerecht geworden. Die Kritik kann sich damit gegen diese Bücher richten, aber noch nicht gegen die Theorie. Erst wenn man den Versuch unternommen hat mit der Theorie wirklich (eigentlich sogar empirisch) ernst zu machen bzgl. der verschiedenen Themen, und sie sich dann als untauglich erweist, dann kann man auch die Theorie angreifen, vorher jedoch "nur" ihre schludrige Verwendung.
KG: In seiner Schlussbetrachtung und der Diagnose, Bourdieus Denken sei "durchgängig von einem Widerstreit zwischen modernistischen (aufklärerischen, emanzipatorischen, universalistischen) Elementen auf der einen und postmodernistischen (vernunftkritischen, pluralistischen, kontingenztheoretischen, agonistischen) Denkelementen auf der anderen Seite" geprägt, verärgert Schwingel seine LeserInnen mit einer völlig unzureichenden Konzeptualisierung von 'modernem' und 'postmodernem' Denken. Zudem stellt er unter Beweis, Ansätze materialistischer Vernunftkritik einfach nicht zur Kenntnis genommen zu haben. Wo Schwingel bei Bourdieu im konflikttheoretischem Paradigma Anschlussmöglichkeiten an postmoderne Ansätze sieht, weiß er sich mit der Erkenntnis Deleuzes, man müsse "das Denken Foucaults konfrontieren mit der Soziologie der 'Strategien' von Pierre Bourdieu" (Deleuze: Foucault, S. 104, Anm.), gemein. Dennoch täuscht er wie dieser darüber hinweg, dass die Strategien bei Bourdieu (im direkten Unterschied zu Foucault) nicht-intentional und subjektiv gedacht werden. In dem Umstand, dass für Bourdieu gesellschaftliche Konflikte für soziale Wirklichkeit konstitutiv sind allerdings gerade eine "Konvergenz mit postmodernem Denken" zu erblicken, zeugt nicht nur von Unkenntnis der marxistischen Diskussion, sondern ist impertinent. Markus Schwingel hat sich zum Medium Bourdieus gemacht - und damit die Chance einer kritischer Einführung vertan.
PB: Du kannst Bourdieu nicht für Schwingel verantwortlich machen. Du vermengst andauernd Schwingel und Bourdieu recht willkürlich, und dieses Vorgehen halte ich für ebenso unangemessen wie unzulässig. Die Kritiken gehören daher aus meiner Sicht deutlich getrennt. Vielleicht noch ein paar Worte zum Abschluss: Bourdieus zentrale wissenschaftliche Fragestellung bestand in der Analyse von Herrschaftsstrukturen. Genauer: Sie bestand darin, zu analysieren, wie Herrschende auf Beherrschte Macht ausüben, ohne Gewalt anwenden zu müssen. Es geht also um den Begriff der symbolischen Gewalt, der eine originäre Neuerung darstellt. Außerdem: Die französischen Klassiker kennen den "homme nécessaire". Sie blickten entweder wie Gottvater auf die objektiven und unveränderlichen Strukturen, in denen sich die Akteure wie Marionetten bewegten, oder sie nahmen den Standpunkt der Handelnden ein und sprachen ihnen Freiheitsgrade zu, die illusorisch waren. Die Soziologie Bourdieus beinhaltet jedoch einen dreifachen Bruch: Mit der idealistischen Mythologie eines historischen Determinismus, mit einem soziologischen Reduktionismus, der ein linar-kausales Verhältnis zwischen sozialen Positionen und gesellschaftlichen, auf ihren ideologischen Bodensatz reduzierten Äußerungen unterstellt, und mit strukturalistischen Analysen, die eine vollständige Eigengesetzlichkeit von Widersprüchen und diskursiven Konfrontationen unterstellt. Sie hebt die falschen Antinomien der Klassiker auf, zwischen Interpretation und Erklärung, zwischen Struktur und Geschichte, zwischen Freiheit und Determinismus, zwischen Individuum und Gesellschaft, zwischen Subjektivismus und Objektivismus. Darin besteht seine Originalität, aber auch das, was ihn so unbequem macht: Seine Dialektik, die dazu zwingt sich von so vielen, liebgewonnenen Gewissheiten verabschieden zu müssen, der eingebaute Tauschzwang von Glaubensgrundsätzen und Standpunkten gegen Dynamik, Prozesse und Komplexität, die eigene Bewegung von außen ins Scheinwerferlicht der Autoanalyse und Selbstreflexivität, die Verabschiedung von innerlichen Exzessen, dem Ausschluss der Vernunft und der gläubigen Heiligung der Vernunft. Ist Marx der Atlas der Unterdrückten, dann war Bourdieu der Sysiphus der Beherrschten. Er hat veranschaulicht, dass nicht nur der Teil im Ganzen enthalten ist, sondern auch das Ganze in den Teilen. Bourdieu steht nicht gegen Marx, er hat lediglich versucht, kleine und große Lücken zu stopfen, die Marx nicht ausfüllt.
