Einen neuen Umgang zu finden mit dem Nationalsozialismus in Deutschland wird aber auch von linker Seite in Pädagogik und Geschichtsschreibung schon seit längerem gefordert: Jenseits der schulischen Pflichtlektionen, die durch ihre oft moralisierenden Schwarz-Weiß-Zeichnungen das Verstehen der NS-Vergangenheit eher verhinderten als förderten, soll ein differenzierteres Bild der damaligen Zeit die ebenso routinierten wie risikolosen Verurteilungen der Vergangenheit ablösen. Ziel ist dabei das "verstehbar machen" des vergangenen Grauens, die Annäherung an die nationalsozialistische Vergangenheit, die nach 1945 nicht einfach verschwunden war. Es bleibt aber die Frage, wie diese Differenzierung der Wahrnehmung heute aussehen kann, ohne die deutsche Vergangenheit in endlose und uneindeutige Grauschattierungen zu zerlegen, in denen im Nachhinein dann doch alle ein bißchen "resistent" gegen das Regime waren und die Autobahn nach Berlin eigentlich auch recht praktisch.
Auf dem Weg zu einer neuen Form der Auseinandersetzung können die beiden Erzählungen Roman eines Schicksallosen von Imre Kertész und Der Vorleser von Bernhard Schlink hilfreich sein. Ihre Perspektiven auf das Dritte Reich sind diametral: Während Kertész als Überlebender von Buchenwald seine eigenen Erfahrungen schildert, stellt Schlink sich der Auseinandersetzung mit den Tätern.
Meine erste Begegnung mit dem Vorleser war ebenfalls als Vorlesende, wobei mich die eigentümliche Diktion des Textes sehr viel mehr irritierte als beim späteren Nachlesen. Subjekt, Prädikat, Objekt, Punkt: So erzählt Bernhard Schlink die Geschichte seiner Liebe zur um 20 Jahre älteren Hanna, einer ehemaligen KZ-Wächterin, wie sich erst lange nach Ende der Beziehung herausstellt. Die Präzision seiner Sprache läßt keine verschachtelten Nebensätze oder Wortspielereien zu, die den Lesenden ein Ausweichen vor Schlinks Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte ermöglichen könnten. In einer Rückblendenerzählung beschreibt der Autor die Geschichte einer schwierigen Beziehung zwischen zwei ungleichen Menschen, während sich im Hintergrund seine eigene Vergangenheit in den 50er und 60er Jahren der BRD entfaltet.
Nachdem Hanna ihn 15jährig verlassen hatte, vergehen Jahre bis sie sich wieder begegnen. "Nicht, daß ich Hanna vergessen hatte. Aber irgendwann hörten die Erinnerungen auf, mich zu begleiten. Sie blieb zurück, wie eine Stadt zurückbleibt, wenn der Zug weiterfährt. Sie ist da, irgendwo hinter einem und man könnte hinfahren, wen man wollte. Aber warum sollte man." Sieben Jahre später trifft der Jurastudent sie als Angeklagte in einem KZ-Prozeß wieder. "Ich wollte sie weit weg von mir haben", aber er kommt doch nicht los von ihr. Er verfolgt den Prozeß um die KZ-Aufseherinnen von Auschwitz, Hanna wird zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Wie früher als Schüler liest er der Analphabetin Hanna während ihrer Haft auf Kassetten vor. Diese Kassetten schickt er ihr in den folgenden Jahren. Besucht hat er sie nur einmal vor ihrem Tod.
Der Vorleser ist kein Roman über den Holocaust, aber dennoch ist die deutsche Geschichte immer präsent im Leben der Protagonisten. Mit der Beschreibung Hannas als Geliebte des Vorlesers entsteht die Menschlichkeit der Täter neu. Immer wieder setzt Schlink das Bild "seiner" Hanna gegen die Grausamkeit der Lageraufseherin. Diese "Rückverwandlung eines Rädchens in einen Menschen" (Arendt) macht die geschehenen Verbrechen nicht entschuldbar, aber in ihrer Dynamik verständlicher.
Schlinks Bericht beschreibt die Betäubung, in die Angeklagte und Ankläger, Täter und Opfer gleichermaßen verfallen: "Die Angeklagten in dieser Betäubung gefangen, in ihr gewissermaßen versteinert". Imre Kertész, 1929 in Budapest geboren, 1944 nach Auschwitz deportiert und 1945 in Buchenwald befreit, bricht in seinem Roman eines Schicksallosen diese Betäubung auf. Als jüdischer Jugendlicher mit einem der ersten Deportationszüge angeblich auf dem Weg nach Deutschland, um dort arbeiten zu dürfen, erreicht er doch nur die Eingangstore von Auschwitz. Guten Willens bemüht er sich darum, "ein guter Häftling zu werden" und findet im Laufe der Zeit "Frieden, Ruhe und Erleichterung". Es sind Beschreibungen wie diese, die den Roman so schwer lesbar machen für die Generationen der Nachgeborenen. Durch die gängige politische Pädagogik geprägt, bleibt für Auschwitz und Buchenwald in meinem Verständnis nur das blanke Grauen einer nicht auszufüllenden black box des Nichterklärbaren. Viele haben die "authentischen Orte" des Gedenkstättentourismus besucht. Irgendwann wirkt die Magie des Grauens nicht mehr und die Lagerbesuche degradieren zu Sammelobjekten. "Warst Du schon mal in Buchenwald?", "Nö, aber letzten Sommer in Theresienstadt...", sind gängige Gesprächseinleitungen professioneller Gedenkstättenbesucher. Was fangen wir an mit Aussagen von Kertész wie "Ich kann sagen, auch ich habe Buchenwald bald liebgewonnen", oder "ein bißchen möchte ich noch leben in diesem schönen Konzentrationslager."? Kein Wort über den heroischen kommunistischen Widerstand oder den Buchenwaldschwur und die Selbstbefreiung des Lagers am Ende des Krieges. Dieses alles mag sich ereignet haben, aber für den Erzähler ist das Fehlen der täglichen Suppe zunächst das Auffälligste nach der Befreiung: "Gestern hätte so etwas nicht vorkommen können", wird lakonisch kommentiert.
In diese Welt der Gefangenschaft führt Kertész die Lesenden nach und nach ein. "Zeit" ist die Schlüsselkategorie des autobiographischen Berichts seiner KZ-Haft. In kleinen Schritten beginnt er, die black box des Grauens auszufüllen mit Alltäglichem: "Gäbe es jedoch diese Abfolge der Zeit nicht und würde sich das ganze Wissen gleich dort auf der Stelle über uns ergießen, so hielte es unser Kopf vielleicht gar nicht aus und auch unser Herz nicht." Durch die Langsamkeit aber, mit der das Wissen um die Vernichtung und um die Aussichtslosigkeit des Überlebenwollens in den Kopf der Gefangenen durchdringt, wird das Leben in der Haft ertragbar und alltäglich. Nach seiner Befreiung kehrt Kertész zurück nach Budapest. Befragt nach seinen Erlebnissen, berichtet er einem Journalisten über Buchenwald: "Es gibt keine Absurdität, die man nicht ganz natürlich leben würde. Vom Glück der Konzentrationslager müßte ich ihnen erzählen, da nächste Mal, wenn sie mich fragen."
Jenseits von den immer gleichen Augenzeugenberichten ehemaliger Häftlinge in den Mittelstufen unserer Schulen brechen die beiden Romane - der eine in der Auseinandersetzung mit den Tätern, der andere aus der Opferperspektive - die Paralyse auf, die die Erzählungen vom Schrecken allerorten ergriffen hat. Sich der Vergangenheit erinnern ohne sie zu monumentalisieren - jenseits von Historikerdebatten, verständlich für ein breites Publikum und besser als mit der Naumannschen 1-Million-Bücher-zum-Holocaust-Bibliothek - mit diesen Erzählungen könnte so etwas möglich sein.
