Logo
titel inhalt update archiv links impressum mail
suchen
Falsche Patrioten belügen das Volk
Ausgabe 2.2 - 15.12.1999
   

"Geschäft, Horatio, Geschäft ..."

Neue Feuilletons in der Humorkritik


Die beiden mit Abstand ernüchterndsten Dauerrubriken des gerade seinen Zwanzigsten feiernden "endgültigen Satiremagazins" Titanic treten Monat für Monat in Gestalt von Walter Boehlich und Hans Mentz auf. Der eine bemüht sich redlich, vermutlich sogar kenntnisreich, um die sehr prinzipielle Kommentierung des Weltgeschehens (so genau weiß ich das aber nicht, denn in zehn Jahren habe ich keine einzige von Boehlichs Kolumnen zu Ende gelesen), der andere vermochte mir mit seiner "Humorkritik" immerhin den ein oder anderen nützlichen Literatur- resp. Geschenktip zu verschaffen. Aber selbst ein seliges Lächeln meines nationalsozialistisch (originalverpackt!) gesinnten Schwiegervaters in spe, vermag die stimmungshemmende Dauerlektüre von Mentz im nachhinein kaum in den Stand einer nutzbringenden Angelegenheit zu versetzen. Monat für Monat mache ich mich in den Rubriken von Boehlich und Mentz zum Opfer meines Vollständigkeitswahns in Lektürefragen.

Um so schwerer wog die Erkenntnis: Eckard Henscheid ist Hans Mentz ist Eckard Henscheid. Ich schwöre und bekenne sogleich: Ich hab es nicht gewußt, auch wenn Klaus Bittermanns Edition Tiamat dieses Wissen als selbstverständlich vorauszusetzen scheint. Und das vielversprechend klingende Werk Meine Jahre mit Sepp Herberger daher zur Hälfte mit selbstredend unlesbaren Ausschnitten aus Humorkritik-Kolumnen vollknallt. Hätte ich es aber wissen können? Vielleicht. Bei der Lektüre von Henscheids vermeintlich Neuen Feuilletons fiel mir sogleich eine zweite Kategorie von Texten auf, die einzig durch einen Zustand fortgeschrittener Mißglücktheit auf sich aufmerksam machen konnten: in Titanic unter dem Namen "Eckard Henscheid" veröffentlichte Texte, die ich größtenteils schon einmal gelesen haben mußte, an die sich aber jede Erinnerung erübrigt zu haben schien. Wie also rechtfertigt sich das im Grunde genommen vernichtende Urteil des renommierten Literaturmagazins essen & trinken, bei Henscheid handele es sich um "den furiosesten Schimpfkopf der deutschen Literatur, den wortmächtigsten Satiriker und den zartesten Idylliker"?

Erstaunlicherweise durch einen Großteil der nicht in Titanic erschienenen Texte: je älter desto besser, je länger sowieso. Steht "Sport" auf dem Programm, ist Henscheid in seinem Element, egal ob es um Schach, Lillehammer oder die Frankfurter Eintracht geht. Aber immer ist er auch ein Stück zu nah dran, und immer erliegt er auch der Verklärung der Heroen seiner deutschen Jugend, besonders deutlich in "Sepp Herberger und ich". So sind es vor allem sein Selbstversuch "Ich, Mönch für vier Tage", die biographische Skizze des "einsamen Amokläufers" Günter Görlitz, das Freilegen des Innenlebens der "Christlich-Bayerischen Volkspartei" und das Nachzeichnen der Rezeptionsgeschichte des Jennerwein-Mordes, welche der Hervorhebung lohnen. Allesamt in den 70ern veröffentlicht, liefern sie partikuläre Studien zur bayerischen Kulturgeschichte resp. der hiesigen politischen Kultur, was für Henscheid aber ohnehin dasselbe ist.

Warum aber wird derlei als "neu durchgesehen" wiederverwertet? Henscheid selbst gibt die Antwort, wenn auch verklausuliert als Kritik an den Recyclingstrategien wissenschaftlicher Buchverlage: "Auf Altdeutsch: Geschäft, Horatio, Geschäft..." Denn im Prinzip, das weiß auch Henscheid, existieren lediglich zwei Kategorien von One-Author-Sammelwerken: herkömmliche und lesenswerte. Und letztere gibt es bislang nur von Max Goldt.

Eckard Henscheid. Meine Jahre mit Sepp Herberger. Neue Feuilletons. Edition Tiamat. Berlin 1999. 262 Seiten. 39,80 DM

Max Goldt: Okay Mutter, ich nehme die Mittagsmaschine. Beste Kolumnen. Haffmanns Verlag. Zürich 1999. 501 Seiten. 36,00 DM




 
   
   
O&V