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Ausgabe 4.0 - 01.05.2000
   

Führer war alles besser

Impressionen aus dem fastenden Niederbayern


8. März, 7:47 Uhr. Ankunft mit der Regionalbahn aus Landshut. Heute ist Weltfrauentag, aber das interessiert hier niemanden. Am Bahnhof nur Männer. Zwei Polizisten beäugen gelangweilt das Geschehen. Kein Grund einzugreifen, wie schon in den letzten Jahren. Eine ausgelassene Schwere liegt in der Luft. Gestern noch Gaudi bis zum Anschlag. Heute wendet man sich wieder den ernsthafteren Dingen zu - wenn auch mit den selben Mitteln: Politischer Aschermittwoch. Willkommen in Niederbayern.

Geisenhausen, ein von der Weltgeschichte bislang verschonter Marktflecken. Fünfeinhalbtausend Stammgäste, drei Metzgereien, ein angeschlossenes Gymnasium. Auf dem Weg zu den "Brauhausstuben" kreuzt niemand meinen Weg, alle gehen nur in eine Richtung. Vor dem Veranstaltungsort abermals zwei Polizisten - Parkplatzsuchverkehr. Drinnen jetzt schon 200 Leute, nachher werden's 700 sein. Die zweitgrößte Veranstaltung ihrer Art an diesem Tag, nahezu unter Ausschluß der Öffentlichkeit: "Lieber keine Presse, als eine, die alles verdreht!" Zahl der Gegendemonstranten: Null.

Im Festsaal noch der Restschmuck (auch von glorreich verlorenen Schlachten), lange Tischreihen, senkrecht zur Rednertribüne. Ansonsten Empore. Der Tribun läßt noch auf sich warten, seine Schergen sammeln bereits Einzugsermächtigungen für noch nicht gedrehte Videos. Andere bringen T-Hemden unters Volk, für schlappe 15 DM pro Stück. Haider-Konterfei mit Subtext: "Mein Freund ist Ausländer". Die Stimmung ist - den Umständen entsprechend - gut.

Denn Warten macht durstig. Und Ungeduld mögen sie hier gar nicht erst aufkommen lassen, bei Deutschlands schweigender Mehrheit. Bier gibt's nur im Liter-Gebinde, ohnehin praktischer, weil weniger Rennerei. Durchsichtiger Maßkrug. Stoibers Trick mit dem Salbeitee würde hier sofort auffliegen. Ja, so sind sie hier: Offen heraus. Und auch herein. 2 Maß Bier sind hier der Standard, zwischen 8 und 13 Uhr, wohlgemerkt. Dazu Weißwurst und Brezel, ab 11:30 Uhr dann Fischessen. Noch 39 Tage bis zum Ende der Fastenzeit. Vergelt's Gott. Sanitärfachleute wie Kläranlagenbetreiber schieben heute Sonderschichten. Der Ausbildungsberuf des "Ver- und Entsorgers" wurde wohl in solchen Sälen geboren. Die Abflüsse kapitulieren trotzdem - noch bevor ein einziges Wort gesprochen ist. Man vertreibt sich die Zeit mit Galanterien vor der Damentoilette. Im Hintergund Blasmusik.


Plötzlich Defiliermarsch. Einzug der Funktionärsclique samt Oberhaupt, in zweieinhalb Minuten erledigt. Der Vorsteher der niederbayerischen Provinzen darf anfangen, versagt aber schon bei der Vorstellung der Ehrengäste. Die Existenz seines Landesvorsitzenden unterschlägt er beharrlich. Und Rolf Schlierer wird gar nur als "Fraktionschef der REPUBLIKANER im baden-württembergischen Landtag" eingeführt. Man scheint vergessen zu haben, daß das Milchgesicht auch Bundesvorsitzender seiner Partei ist - und daß das niemandem auffallen würde, so ohne jeden Hinweis.

Nach dem Bezirksfürsten darf ein echter überparteilicher Bauer ran, dessen Kenntnisse der Hochsprache sich auf das Wort "Haider" beschränken. Man versteht sich. Dann wieder Blasmusik, danach der Landesstatthalter Gärtner. Einschwören der niederen Chargen auf die nächsten Landtagswahlen im Jahr 2003. Hoffnung keimt auf. Der BuVo und seine Stellvertreterin lassen es sich derweil bei einem Stapel antisemitischer Zeichnungen gutgehen, die ihnen ein älterer Herr während Gärtners Rede zugesteckt hat.


Die Reden recht niveaulos. Jeder Anflug von Intellekt und Faktenwissen wird mit Applausentzug bestraft. Das lassen sie vor allem den Doktor Schlierer spüren. Und so versucht er vergeblich, eine politische Grundsatzrede zu halten, beschließt er doch jedes Politikfeld mit dem sattsam bekannten Theoriemix aus "Deutsches Geld für Deutsche Interessen" und "Einwanderung stoppen". Die Menge goutiert derlei zunächst mit rasendem Wohlwollen. Die Veranstaltung strebt unaufhaltsam ihrem Höhepunkt zu.

Die Fischessen werden ausgeteilt, auch links und rechts von Schlierer. Der ist spät dran, legt einen Gang zu, sein Gesinde spachtelt auf der Tribüne um die Wette. Der Sieger kriegt das Mahl des Milchbubs, denn Rolfi kommt zu spät. Heute gibt's nichts mehr. Lustlos noch einige Beschwörungsformeln, doch siehe da, das Volk ist gestärkt und verlangt nach härterem. Frenetischer Applaus, Fahnenschwenken verlorener Ostprovinzen, "Zugabe, Zugabe". Schlierer: der Mann, der nicht "Nein" sagen kann. Noch ein bißchen Jugend, Familie, Internet. Die Blaskapelle wird in Anschlag gebracht. Hand auf's Herz, jetzt reicht's. Kollektives Ausstoßen der Hymne, mangels Textkenntnis nur die Strophe 3. Eine kleingeistige Partei großdeutscher Nation steht bereit - bereit für den "friendly takeover" aus der Ostmark. Führer war eben alles besser.




 
   
   
O&V