Nachvollziehbar zu machen, was Flüchtlinge auf ihrer Flucht alles ertragen müssen, ist das Ziel der "interaktiven Ausstellung" Un voyage pas comme les autres (Eine Reise nicht wie alle anderen), die unter der Schirmherrschaft des UN-Hochkommissariats für Flüchtlinge (UNHCR) und anläßlich des fünfzigsten Jahrestages der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte am 10. Dezember 1948 in Paris im dortigen Parc de la Vilette stattgefunden hat. Unter Mitwirkung von zehn Schauspielern haben zehn humanitäre Hilfsorganisationen dort einen Horrortrip organisiert, der die Besucher auf die Spuren des lebensdrohlichen Spießrutenlaufs jener modernen Vogelfreien schickt, die noch nicht jede Illusion über den zivilisierten Okzident verloren und sich auf den Weg dorthin gemacht haben.
Zu Beginn scheint alles nur ein Spiel, denn schließlich ist es das ja - ein Rollenspiel. Dennoch macht sich bei den wartenden Besuchern eine gewisse Nervosität breit. Klar, sie schlüpfen in die Haut eines Flüchtlings, von jemandem, der nichts anderes versucht, als eben diese Haut zu retten. Sie nehmen dessen Identität an, die sie aus zwölf realen Fällen ausgewählt haben. Zunächst verinnerlichen die Besucher die Geschichte ihres neuen "alter ego" und informieren sich über die Situation in ihrem neuen Herkunftsland, etwa über Algerien, China, Kolumbien, Rußland, Somalia oder die Türkei. Haben sie verstanden, wieso-weshalb-warum sie wovor und vor wem fliehen müssen, verschwinden die solchermaßen instruierten Amateurflüchtlinge langsam in den Tiefen des Großraumzeltes.
Da sich die Ausstellung möglichst eng an der Realität orientiert, sind die Fälle so ausgewählt, daß nur die wenigsten am Ende in Frankreich Asyl finden werden. Ein solcher Fall ist Luis, der 1995 im Alter von 34 Jahren aus Kolumbien flüchtete. Er lebte als Händler in Cali und hatte eine heimliche Beziehung mit dem Sohn eines Kolonels. Als dessen Familie von der Liäson erfährt, gehen bei Luis mit unschöner Regelmäßigkeit Morddrohungen ein. Regelmäßig findet er die Schaufenster seines Ladens mit Beschimpfungen und Beleidigungen überdeckt. Da in Kolumbien bewaffnete Milizen all jene umzubringen pflegen, die sie als "sozial unerwünscht" ansehen, und er als Homosexueller zu einer ihrer bevorzugten "Zielgruppen" gehört, nimmt er die Aggressionen ernst. Die Polizei für seinen Fall zu interessieren, bleibt jedoch ein aussichtsloses Unterfangen. Sie steht den Verfolgern näher als dem Verfolgten.
Als Luis versucht auszureisen, bekommt er noch zusätzlichen Ärger. Von Schauspielern verkörperte Bürokraten und Ordnungskräfte beschimpfen die Besucher, die Luis' Identität angenommen haben, nach allen Regeln der Kunst. "Wenn ich die Zeit hätte, dann würde ich mehr nur zu gerne um dich kümmern, du Sau. - Kinderficker. Die Hände an die Wand. Wo sind deine Drogen?" Wahrscheinlich treffen die Darsteller deswegen den Ton so gut, weil viele von ihnen in ihrem eigenen Leben selbst Flüchtlinge sind und so über einen reichhaltigen Schatz von Erfahrungen verfügen. Als zwei Milizionäre versuchen, Luis zu verschleppen und er mit knapper Not entkommt, entschließt er sich zur Flucht. Dank eines Freundes, der bei einer Fluggesellschaft arbeitet, fliegt resp. flieht er letztlich nach Frankreich.
Die in der Haut von Luis steckenden Besucher teilen für ungefähr zwei Stunden das Schicksal eines der nach Angaben des UNHCR weltweit fünfzig Millionen Flüchtlinge. In der Ausstellung wird dabei sehr schnell deutlich, wie herzlich wenig es den Flüchtlingen oft nützt, unter das Mandat der UNHCR zu fallen, selbst nachdem sie es in eines der sogenannten zivilisierten Länder geschafft haben. Denn am vermeintlich sicheren Ziel ihrer Reise angelangt, zeigen ihnen die - in diesem Fall - französischen Grenzer, Bürokraten und Richter umgehend, daß ihr Leidensweg allenfalls begonnen hat. Wenn diese Diener des Staates wollen, dann können sie geschützt durch und gestützt auf Gesetze und Verordnungen jedem Flüchtling das Leben zur Hölle machen.
Am Flughafen wird Luis zunächst mit freundlicher Kälte in den Wartebereich verwiesen, erhält dann irgendwann das Recht, französischen Boden zu betreten und einen Asylantrag zu stellen. Es folgt eine elendig lange Rennerei von Amt zu Amt zu Amt zu Amt, von einer Warteschlange in die nächste, um letztlich nichts als ein Formular zu ergattern, dessen Sinn sich ihm in keinster Weise erschließt, da es leider in keiner ihm verständlichen Sprache vorrätig ist. Für Ausstellungsbesucher stellt es sich an dieser Stelle als ganz eigene Erfahrung heraus, vollkommen ratlos vor einem arabischen Antragsformular zu hocken, von dem man zudem nur vermuten kann, daß es sich um ein solches handelt, und nicht etwa um die Verhaltensregeln im Warteraum.
Mit fremder Hilfe gelingt es Luis schließlich, alle adminstrativen Willkürlichkeiten erfolgreich durchzustehen. Während er auf seinen Bescheid wartet, arbeitet er rechtlos und illegal in einer Schneiderei, von der er um seinen knappen Lohn auch noch betrogen wird. Nach monatelanger Ungewißheit wird sein Asylantrag abgelehnt und er taucht endgültig ab in die Illegalität. Dort schlägt er sich bis heute als einer der, entgegen der Versprechungen der Regierung Jospin immer noch nicht "regularisierten", 60000 Sans-papiers durch. Luis befindet sich weiterhin auf der Flucht. Jetzt vor den Häschern des französischen Staates, der sich so zum verlängerten Arm von Luis´ kolumbianischen Verfolgern macht.
Für den Besucher endet die Ausstellung mit Luis´ Gang in den Untergrund: Was am Ausgang bleibt, ist zunächst ein flaues Gefühl in der Magengegend. Mag so ein Rollenspiel letztlich einer Info-Broschüre immer noch unendlich viel näher sein als dem realen Schicksal von Flüchtlingen, so bleibt dem Besucher doch das ungute Gefühl, als hätte er gerade ein sehr, sehr wichtiges Spiel verloren. Eines, bei dem die Karten von vornherein gezinkt waren, und auf das man sich mangels Alternative in der Hoffnung eingelassen hat, vielleicht doch eine Chance zu haben. Nun ist das Spiel vorbei, verloren, und gibt niemanden zu dem man gehen könnte, um sich zu beschweren. Was bleibt, ist eine fiese kleine ohnmächtige Hilflosigkeit.
So erklären sich wohl die Eindrücke, die viele Besucher in einem am Ausgang ausliegenden Buch hinterlassen und manche gar in einem Akt der Überidentifikation mit ihren Flüchtlingspseudonymen unterzeichnet haben: "Was uns angeht, wollen wir keine Fremden sein, denn empfangen zu werden, wie wir empfangen worden sind - nein danke!"; "Interessant sich auf der anderen Seite wiederzufinden."; "Nichts als Fragen und innerer Aufstand..."; "Der Ausgang ist eine wirkliche Befreiung." Andere bekennen, es gar nicht bis zum regulären Ausgang geschafft zu haben.
In jedem Fall vermittelt die Ausstellung einen ersten Eindruck davon, daß die Behandlung von Flüchtlingen und EinwandererInnen sich europaweit mittlerweile auf niedrigstem Niveau angeglichen hat - und weiter sinkt. Sie sitzen nicht nur in den gleichen Booten - hier solchen, die tatsächlich voll sind - um ihr Land zu verlassen, sondern sie kriegen es, wenn sie diesen Teil der Reise überleben, im Ankunftsland mit der gleichen Spezies von Polizisten und Bürokraten zu tun, durchlaufen häufig den gleichen administrativen und alltäglichen Hindernislauf.
Auf dem Papier garantiert die Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 den Flüchtlingen zwar den Schutz der "internationalen Gemeinschaft", doch ist nach den restriktiven flüchtlingspolitischen Maßnahmen der letzten Jahre und Jahrzehnte nicht mehr viel übrig geblieben von dem wenigen, was von den schon damals hehren Worten zwischenzeitlich Realität geworden war. Und während noch nie über die EU-weite Umsetzung der UN-Flüchtlingskonvention verhandelt wurde, gehen die Arbeiten an einer weiteren Perfektion des EU-weiten Systems der Flüchtlingsabwehr weiter, vor allem im Rahmen des Schengener Abkommens.
Dabei ist der Ausstellung sicherlich anzulasten, die hinter den restriktiven Flüchtlingspolitiken stehenden Ideologen und Ideologien, Akteure und Interessen kaum zu benennen. Sie bleibt selbst in ihrem reichlich ausgelegten Informationsmaterial vor allem deskriptiv und setzt auf die implizite Kritik der Sichtbarmachung von Leiden und Miseren. Tatsächlich versteht sich die Veranstaltung als insbesondere für Jugendliche konzipiertes pädagogisches Projekt ohne erhobenen Zeigefinger. Daher setzt sie eher auf Erfahrungen und nachwirkende Emotionen, die die Problematik dauerhaft in den Besuchern verankern sollen, und weniger auf die didaktische Aufbereitung schon anderswo aufbereiteter Informationen und Analysen. Der Weg zum Kopf führt sozusagen über den Bauch der Besucher, denen dann ein Teil der Denkarbeit selbst zugemutet wird.
Möglicherweise trägt sie so dazu bei, ein Stück jener Gleichgültigkeit abzubauen, mit der die inzwischen sozialdemokratisch wählenden Bevölkerungen Europas - die aufgrund ihrer sozialen Herkunft mit ihren Kindern den Großteil des Publikums gebildet haben dürften - die Abschaffung menschlicher Grundrechte in ihren Ländern hinnehmen. Oder diese im Namen einer neoliberalen Standortrhetorik fordern, die zwar den freien Verkehr von Kapital, Waren und Dienstleistungen anvisiert und von Menschen höchstmögliche Flexibilität und Mobilität verlangt, jedoch gleichzeitig versucht, den freien Verkehr dieser Menschen mit allen Mitteln zu verhindern. Sich darüber noch zu verwundern, hieße jedoch nichts anderes, als zu vergessen, daß der neoliberale Globalisierungsdiskurs und seine Rhetorik der individuellen Verantwortlichkeit schon immer Hand in Hand ging mit einer Law-and-Order-Ideologie, die die Schuld an gesellschaftlichen Miseren ebenfalls ausschließlich jedem einzelnen selbst in die Schuhe schiebt.
Die Ausstellung war schon in Belgien und Italien zu sehen und wird auch nach Deutschland kommen, wo ähnliche Projekte bereits jetzt existieren. Gehen sie dann nicht am Wochenende hin. Dann ist es sehr voll und die Schauspieler haben es noch einer langen Woche mit ihresgleichen so satt, daß sie zwar ebenfalls lieblos, aber sehr kurz abgefertigt oder einfach für einige Stunden im Abschiebeknast vergessen werden. Aber keine Sorge, mit Toreschluß geht zwar auch hier das Licht aus, aber sie werden vorher durch den Ausgang abgeschoben.
