Diese Botschaften klären sich im historischen Kontext: Österreich, besetzt von den Alliierten, strebte nach Neutralität und Eigenständigkeit. Diesem politischen Ziel wird in jenem Machwerk Rechnung getragen. Die Geschichtsschreibung trat in den Dienst des Staates, schrieb Österreich eine kontinuierliche, legitimierende (neutrale) Vergangenheit zu. Auf jenem Konstrukt läßt sich (intendierte) Identität und Nationalbewußtsein gemächlich aufbauen. Neben politischen Phrasen an Festtagen, Jubiläumsfeierlichkeiten, unzähligen Auslandsreisen des Burgtheaters, der Sängerknaben und der Lippizaner wurde auch dieses Buch Teil eines performativen Kraftaktes, dem durchaus Erfolg beschieden war. Das konstruierte Bild der Nation verselbständigte sich, wurde zur (gedachten und gesagten) Wirklichkeit. Die gewünschte Realität wurde herbeigeschrieben. Die jüngere Vergangenheit störte dabei eher und wurde dementsprechend ausgeklammert.
Das Bild vom weichen, vollbusigen Österreich fand nicht nur bei den Einheimischen Anklang, sondern auch bei den alliierten Botschaftern und Diplomaten, an die man dieses Büchlein konsequenterweise verteilte. Es war ganz im Sinne des Staates, wenn auch die Außenwelt jenen Mythen Glauben schenkte. Es hatte seinen Nutzen, wenn die auswärtigen Politiker mit diesem Bild von Österreich in die Neutralitätsverhandlungen gingen: 1955 wurde Österreich die Neutralität zuerkannt; das Nationalbewußtsein stieg stetig: 1956 wurde Österreich schon von der Hälfte der Bevölkerung als eigenständige Nation betrachtet, 1964 glaubten nur mehr 15%, dieses Land könne nicht eigenständig (sondern nur mit Deutschlands Unterstützung) existieren. Einigkeit nach innen, Abgrenzung nach außen.
Österreich ist keine Ausnahme. Loyalität gegenüber dem Staat und Nationalbewußtsein baut immer auf Konstrukte und Mythen - Geschichte ist dabei hilfreich. Sie ist komplex. Ihre Instrumentalisierung erfordert selektive Wahrnehmung. So berufen sich etwa Portugal und Spanien auf "das Goldene Zeitalter" ihrer Expansion, des Wirtschaftsaufschwunges im 16. Jahrhundert. Daß das nur mit dem Abschlachten und Unterjochen von Millionen von Ureinwohnern möglich war, wird gern vergessen. Frankreich hat Jeanne d'Arc und seine Résistance, Holland Wilhelm von Oranien, Deutschland seine verschwitzte protestantische Macherethik, - in keinem Land mangelt es an Geschichtsmythen.. Jedes "Volk", jeder Staat, jede Nation hat - aufgestöbert in der Fundgrube der Geschichte - seine Volkshelden und nationalen Heiligtümer.
Serbien hat die Schlacht am Amselfeld (Kosovo polje), in der sie - "die Serben" - 1389(!) den Osmanen unterlagen. Schon mit dem Aufkommen der Geschichtsschreibung durch die nationale Brille im 19. Jahrhundert wurde der Kosovo zunehmend zum Schrein nationaler Verehrung stilisiert, der Kosovo als das "Jerusalem der Serben" verehrt. Legion ist die Zahl identitätsstiftender Erzählungen und Opfermythen rund um ihn. Doch daß die Niederlage am Amselfeld Ursache der jahrhundertelangen Fremdherrschaft der Osmanen in Serbien war, ist ein Mythos, den der britische Historiker Noel Malcolm in seinem 1998 erschienen Buch Kosovo - A Short History überzeugend entzauberte. Faktum ist, daß in dieser Schlacht auch der Führer der Osmanen, Murat, starb, worauf sich die osmanischen Heere zurückzogen - "insofern ließe sich sogar behaupten, daß die Serben die Schlacht gewonnen haben; andererseits war die serbische Macht schon vor der Schlacht weitgehend desintegriert, der Abwehrkampf gegen die Osmanen verloren, der Vormarsch nur eine Frage der Zeit." Auch spielt Kosovo wohl eine bedeutende Rolle im mittelalterlichen Serbien - aber er war weder das politische Zentrum noch die Wiege der orthodoxen Religion.
Malcolms Darstellung, die auch die Mythen der jüngeren Vergangenheit Schritt für Schritt widerlegen, treffen ins Mark, gilt doch der Kosovo für die Serben wie auch die Albaner schon seit dem frühen 19. Jahrhundert als Hauptbezugspunkt der Nationalgeschichte. Dobrica Cosic, der einstige Titogefolgsmann und spätere Stichwortgeber der Nationalisten, bringt die Gegenwart der Historie auf den Punkt: "Unser geistiges Sein wird von der Religion und der nationalen Mythologie zusammengehalten, vor allem vom Kosovo-Mythos." Matija Beckovic, motenegrinisch-serbischer Dichter, formulierte knapp: "Die Mythen sind unsere Religion", und in letzter Zeit werden jene wieder besonders forciert. "Die Serben sind ein Volk", so eine Selbstdiagnose eines serbischen Studenten, "das keine Gegenwart hat und deshalb in der Vergangenheit lebt." Stützte sich die Religion auf Ursprungsmythen, beruft sich der Staat nun auf die Geschichte. Selektierte Vergangenheit ersetzt Religion, Geschichtsschreibung wird zur säkularisierten Religion.
Als Milosevic, selbst aufgewachsen im Kosovo, am 28. Juni 1989 vor mehr als einer Million Menschen die 600-Jahr-Feier der Schlacht am Amselfeld an historischer Stätte zelebrierte, verkündete er, nun befinde sich das serbische Volk wieder im Kampf, und weitere Kämpfe stünden bevor, die "auch mit Waffen geführt werden könnten." Er etablierte sich damit als führender Protagonist des serbischen Nationalismus und Patron der Nation.
Vuk Draskovic ist ein weiterer Meister serbischer Propaganda. Der Ex-Oppostionelle, Verfasser schlechter Romane, nun Vize-Premier und Hofnarr hinter Milosevic schiebt Serbien in die Rolle des Opfers und der Leidensbereitschaft: "Wir sind gegen niemanden, wir sind hilflose Opfer", beschwor er die Ungerechtigkeit der Welt. "Wir wissen, daß wir völlig unschuldig sind, unschuldig wie Jesus Christus." Und das Opfer hat, so wie Jesus Christus, immer recht. In seinem Roman Das Messer (Noz) schildert Draskovic die Faszination am Todesbringer: "Es gibt in unserem Volk ein Gerät, mit dem wir besser umgehen können als irgend jemand anderer auf der Welt. Wir sagen: das Messer (noz), und wenn wir das Wort hören, kommt Leben in uns, in den Augen flammt etwas auf, stürmisch schlägt das Herz ...in diesen drei Buchstaben liegt unsere ganze Geschichte."
Wären diese Legenden und instrumentalisierten Geschichtsmythen erstens nicht im Kontext von Gewalt, Brutalität und Krieg zu sehen und zweitens in ihrer Banalität nicht derart wirkungsvoll, - sie wären absurd und lächerlich. Könnte man nämlich aus der Geschichte, und vor allem aus einer, die 600 Jahre und länger zurück liegt, Berechtigung und Rechtfertigung für gegenwärtiges Handeln ziehen, so bestünde die Möglichkeit, jedes angestrebte Ziel, jede noch so abwegige Aktion durch sie legitimieren. Auf die Spitze getrieben könnte Österreich etwa Spanien angreifen, da es einmal im Besitz der Habsburger war (was umgekehrt natürlich die gleiche Berechtigung hätte), die ehemaligen (spanischen) Kolonien einfordern, Bayern, Südtirol und andere weitere Teile Italiens okkupieren, ja es könnte sogar Schweden annektieren um sich für die Belagerungen aus dem 30jährigen Krieg zu revanchieren.
Als "Jupiterhistorie" bezeichnete Michel Foucault die spätantike und mittelalterliche Geschichtsschreibung, der die Funktion zukam, die Macht des Souveräns zu rechtfertigen und zu verstärken. Seine Analyse dieses Geschichtsgebrauchs trifft den Kern jener nun modernen nationalgeschichtlichen Erzählungen: Foucault setzt jenen historischen Diskurs in Analogie zu Jupiter, dem zuhöchst machtdarstellenden Gott, dem Gott mit dem Band und mit dem Blitz. Die (damalige) Geschichtsschreibung hat(te)- schematisch gesprochen - die Aufgabe, die Untertanen durch das Geltendmachen von Verpflichtungen und die Intensivierung des Machtglanzes zu unterjochen. Band und Blitz, binden und blenden, darin liegt die Macht Jupiters. Verpflichten und beeindrucken - diese beiden Funktionen entsprechen auch den beiden Aspekten der Macht des Souveräns. Die Macht verbindet durch die Verpflichtung, durch den Eid, durch das Engagement und durch das Gesetz; andererseits hat die Macht eine magische Wirksamkeit - die Macht verblüfft, die Macht versteinert. Jene Geschichtsschreibung intensiviert(e) das Licht des Gesetzes und den Glanz des Ruhmes. Ihre Darstellung ist nicht nur ein Bild, sondern ein Verfahren zur Wiederbelebung. Sie gibt dem Souverän die Macht der Kontinuität, sie macht Taten zu Denkwürdigkeiten, zu Monumenten, die versteinerten und gewissermaßen gegenwärtig wurden. Sie kreiert Vorbilder, die die Beurteilung der Gegenwart lenken sollen. Diese Historie hat politische Funktion - als Ritual, als Weihe, als Totenfeier, als Zeremonie, als Legende. Sie dient der Stärkung und Legitimierung der Souveränität und deren jeweiligem politischen Streben und Ziel. Sie war und ist ein Machtfaktor in den Händen der Herrschenden. Nur ist sie nun durch ausgefeilte und gerissene Propagandamaschinerien und durch die erweiterten Möglichkeiten neuer Medien mancherorts noch subtiler und wirkungsmächtiger geworden.
