Für die alten und neuen Staaten des östlichen Mitteleuropa ist beispielsweise Euroland das bevorzugte polit-ökonomische Ziel. Ihr mühsam konstruiertes Nationalbewußtsein müssen sie zum diesem Zweck nun sachte umleiten in eine so allumfassende wie bisher nicht-identifizierte "europäische Identität". Floskeln wie die vom "Europa der Regionen" oder die sinnträchtige Metapher "Wien bleibt Wien - Erdäpfelsalat bleibt Erdäpfelsalat" nehmen dem mündigen Europabürger dabei die Angst vor kultureller Nivellierung und dem Verlust scheinbar wertvoller nationaler Besitzstände.
Angelte die Geschichtsschreibung ab dem 19. Jahrhundert den werdenden Nationalstaaten deren Gründungsmythen aus dem Nebel der Vergangenheit (siehe O&V, Ausgabe 0), so versucht sie nun vielerorts dem neuen Paradigma "Europa" eine frische lange Tradition zu verschaffen. Als sinnstiftendes Unternehmen fischt sie jetzt nach dem Motto "Ohne Herkunft keine Zukunft" in der Vergangenheit um dort um jeden Preis ein neues altes Europa an den Hacken zu kriegen. Fleißig hält sie Ausschau nach potentiellen Ahnherren und versucht Europa eine legitimierende und geradlinige Geschichte zu verpassen.
Tatsächlich erscheinen auf diese Weise "present-minded" europäische Geschichten im Licht der Öffentlichkeit, die Europa regressiv den Mythos einer kontinuierlichen Vergangenheit andichten. So etwa bemüht sich Otto von Habsburg, Flaggschiff und Vordenker der Paneuropa-Bewegung, in der Biographie über seinen Urahnen Kaiser Karl V. eben diesen als Vorreiter einer alles umspannenden "Europa-Idee" darzustellen. Der "Weltenkaiser" und sein Programm von "Friede, Einheit und Glauben" soll nach dem Willen des Hobbyhistorikers Habsburg Pate stehen für ein geeintes Europa.
Nüchtern betrachtet ist dies Schwachsinn, und wir dürfen glücklich sein, daß wir nicht im Europa des "Weltenkaisers" Karls V. leben. Denn dessen Europa des 16. Jahrhunderts war bestimmt durch langjährige, blutige Kriege zwischen den Habsburgern, Frankreich und den von Osten anstürmenden Osmanen. Aus religiösem Fundamentalismus wurden Hunderttausende vertrieben, verbrannt und massakriert. Unterdrückung und Ausbeutung von Untertanen standen auf der Tagesordnung, die Pest wütete, und an den Küstenregionen starb man an Malaria... Kurz, besser als heute war es wohl nicht.
Doch im Jahr 2000 feiert "ganz Europa" den 500. Geburtstag Karls V. Krude Aktualitätsbezüge, Vergegenwärtigungsliturgien, Festreden und Phrasen im Pathos von "so wie damals, so auch heute..." kündigen sich bereits heute an, denn Triumphalismus ist Jubiläumsimmanent. (Der "Terror der Doppelnull" im allgemeinen und das Karl-Jahr 2000 im besonderen verdienen sich eine tiefere Auseinandersetzung; doch dazu ein andermal.)
Daß obige Skizze von der "Geschichte als Legitimationsideologie" nicht Ziel und Aufgabe einer kritischen Geschichtswissenschaft zu sein hat liegt auf der Hand. Doch zu welchem Ende betreibt man eine solche dann? Eine kurze Anekdote aus dem Leben Michel Foucaults kann dies vielleicht ein wenig erhellen: Als Foucault in einer Zeitung las, daß Häftlinge während einer Gefängnisrevolte Textpassagen seines Buchs "Überwachen und Strafen" aus ihren Zellen heraus ihren Mitgefangenen zugeschrien hatten, da freute er sich - es war Beweis, daß seine Arbeit eine seinen Intentionen gemäße Wirkung erzielt hatte.
Dabei ist Überwachen und Strafen kein Buch in dem ein Programm dafür formuliert wäre wie eine Veränderung des Strafwesens auszusehen und welche Form sie anzunehmen hätte, - die foucaultschen Analysen gehen nicht über das Ende des 19. Jahrhundert hinaus. Foucault wollte vielmehr den Nachweis liefern, daß das Gefängnis eine relativ junge historische Erfindung ist, und nicht eine vermeintlich "natürlich" gewachsene Form des Strafens darstellt. Laut Foucault veränderte alleine dieser Nachweis in der Gegenwart die Beziehung zur "Wahrheit" und damit zur Legitimität des Strafens. Sachverhalte wurden somit ihrer "Selbstverständlichkeit" und "Natürlichkeit" entrissen, und dem Urteilen und Denken neue Erfahrungen und Zugänge ermöglicht. Oder um es mit Hans Blumberg zu sagen: "Verstehen heißt sehen, daß das vermeintlich Selbstverständliche nicht selbstverständlich ist."
Foucault wollte nicht sagen "was nun zu tun ist", er wollte keine Anleitungen und Hilfestellungen bieten. Vielmehr ging es ihm darum, daß man "nicht mehr länger wußte, was zu tun ist", so daß Handlungen und Diskurse, die bis jetzt scheinbar selbstverständlich waren, problematisch, schwierig, mitunter auch gefährlich werden konnten. Es ist dieser Effekt der Störung, der kritische Geschichtswissenschaft von den harmonisierenden und idyllisierenden Darstellungen der Vergangenheit unterscheidet.
Albert Einstein meinte einst, daß das Atom alles bis auf das Denken der Menschen verändert habe. Aufgabe einer zeitgemäßen, kritischen Geschichtswissenschaft muß es hingegen sein, zur Veränderung dieses Denkens beizutragen, indem sie einerseits sehr wohl sich aus aktuellen Entwicklungen ergebende Fragen und Impulse aufnimmt, aber andererseits dazu beiträgt historisch gewachsenen Vorstellungen aus ihrer Selbstverständlichkeit zu lösen. Dazu gehört für sie unweigerlich bei sich selbst anzufangen und die ihr angestammte nationale Brille abzunehmen. Denn seit dem Ende des Mittelalters ist Europa mehr als eine bloß additive Aneinanderreihung von Ländern und Staaten.
