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Ausgabe 4.1 - 00.00.0000
   

Der Rassismus-Baukasten

Wie Rassen konstruiert werden


Wulf D. Hundt beschreibt Rassismus als "Die soziale Konstruktion natürlicher Ungleichheit", was sich bereits dem gleichlautenden Titel seines Buches entnehmen läßt. Eine rassistische Argumentation beruht demnach auf der Vermischung natürlicher mit sozialen Tatsachen und von Beobachtungen mit Interessen und Vorurteilen. Rassen sind somit das Resultat eines Konstruktionsprozesses, bei dem die natürlichen Elemente nur eine untergeordnete Rolle spielen.

Hund beschreibt diesen Zusammenhang so: "Rassistische Konstruktion heißt nicht Erfindung, sondern meint jenen Prozeß, in dem Elemente unterschiedlicher Herkunft und Qualität zu einem diskriminierenden Stereotyp verschmolzen werden, das nicht zuletzt deswegen funktioniert, weil es immer auch Elemente der Wahrnehmung des anderen enthält" (S.12). An einer anderen Stelle heißt es: "Rassistische Konstruktionen sind weder bloße Einbildung noch reine Erfindung. Und sie setzen so regelmäßig auf die angeblich unmittelbar sinnliche Erfahrbarkeit ihrer Behauptungen, daß der Rassismus sogar eine »visuelle Ideologie« genannt worden ist" (S. 46). Die Rassen sind das Ergebnis dieses Prozessen und nicht deren Voraussetzung.

Nach Hund sind die zwei zentralen Kriterien rassistischer Argumentation Naturalisierung und Ausgrenzung. Funktion des Rassismus ist die Legitimation sozialer mittels natürlicher Unterschiede. Herrschaftsansprüche können so gesichert werden. Gleichzeitig enthält der Rassimus eine disziplinierende Drohung für die arbeitende Klasse: "Wer nicht arbeiten will, sieht sich von der Geschichte mit Sklaverei oder Ausrottung bedroht. Der faule Neger und der untüchtige Indianer sind dem armen Arbeiter als stete Mahnung beigesellt, fleißig weiter zu arbeiten" (S.126).

Wenn auch heute wieder auf den Unterschied von "schaffendem" und "raffendem" Kapital verwiesen wird, dann bezieht man sich dabei auf eine Unterscheidung mit antisemitischen Untertönen, welche sich bereits bei klassischen sozialistischen Theoretikern findet. Insbesondere Charles Fourier, Pierre-Joseph Proudhon und Auguste Blanqui attestiert Hund "...die impertinente Vermengung von Rassismus und Antikapitalismus" (S. 54).

Dem Beitrag sozialistischer Vordenker zur Eugenik widmet Hund ein eigenes Kapital. Darin zitiert er beispielsweise den sozialdemokratischen Theoretiker Karl Kautsky, der in seiner Abhandlung Vermehrung und Entwicklung in Natur und Gesellschaft eine zunehmende "Entartung der Menschheit" konstatiert. Diese begründet er mit einer Tendenz, die "...immer mehr die Rasse zu verschlechtern droht: die zunehmende Ausschaltung des Kampfes ums Dasein, die wachsende Möglichkeit auch für die Schwächlichen und Kränklichen, sich zu erhalten und fortzupflanzen" (S. 97). Folgerichtig sieht Hund in der Aufklärung keine Garantie gegen rassistisches Denken. Dies verdeutlicht er durch seine lesenswerte Analyse des Beitrags Immanuel Kants zur Entwicklung des wissenschaftlichen Rassismus.

Hund, Wulf D. 1999: Rassismus. Die soziale Konstruktion natürlicher Ungleichheit.

Münster (Westfälisches Dampfboot). 173 S. 29,80 DM




 
   
   
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