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Ausgabe 3.1 - 15.03.2000
   

Die Fluten der Nullinformation

Ignacio Ramonet sucht Wege aus der Kommunikationsfalle


Ignacio Ramonet ist Chefredakteur der französischen Monatszeitung Le Monde diplomatique. Angeführt von seinen Editorials zieht das Blatt seit Jahren in den Kampf gegen alle Ausläufer des "neoliberale Einheitsdenken". Seine eigentliche Profession, die Kommunikationsforschung, hat Ramonet darüber lange Zeit nur noch nebenher betrieben. Nun jedoch hat er seine Artikel zum Thema überarbeitet, ergänzt, und herausgekommen ist sein jüngstes Werk "Die Kommunikationsfalle. Macht und Mythen der Medien". Der deutsche Allerweltstitel beschönigt dabei noch sein mehr als gespanntes Verhältnis zum Gegenstand seiner Kritik. Im französischen Orginal heißt das Buch "La tyrannie de la communication" (dt. Die Tyrannei der Kommunikation), und genau dieses Empfinden versucht Ramonet zu vermitteln: Bitte fühlen Sie sich tyrannisiert - und wehren Sie sich.

Um die geläufigen Kritikpunkte kommt Ramonet dabei zunächst nicht herum. Die Liste der von ihm eloquent zusammengeschriebenen Selbstverständlichkeiten ist lang. En passant mokiert er sich über die stetig steigende mediale Einflußnahme von Wirtschaft, Marketingabteilungen und PR-Agenturen. Journalisten würden so zu anonymen Medienarbeitern gemacht, die nur noch ungeprüfte Agenturmeldungen aufpeppten, und statt in Recherchen fließe alle journalistische Energie in Pseudo-Ereignisse wie den Tod Dianas oder die Lewinsky-Affäre. Als Ergebnis bleibe das gedankenfreie Defilee belangloser Personalien, die auf dem medialen Laufsteg keinen Platz mehr ließen für die wirklich wichtigen Dinge. Es sei denn, es herrsche Krieg, zumal Golfkrieg. Obwohl es dort nicht seinem üblichen Personenfetisch gefrönt habe, sei das Fernsehen dort endgültig zum Leitmedium geworden. Die Inszenierung eines realitätsfernen, menschenlosen Krieges sollte den Eindruck erwecken hier würde die Realität sichtbar gemacht. Diese ist nach Ramonet jedoch abstrakt, und damit per definitionem nicht abbild- bzw. filmbar. Schon im 18. Jahrhundert habe die Aufklärung die Gleichsetzung von Sehen und Verstehen als Aberglauben zurückgewiesen. Seit damals führe der Weg zur Erkenntnis nicht mehr über die Sinne. Vielmehr werde er gemeinhin mittels Vernunft und Denken erlangt. Doch genau diesen geistigen Fortschritt mache das Fernsehen nun wieder zunichte. Der Glaube an die Wahrheit der Bilder bedeute die Rückkehr zu hemmungsloser Irrationalität. Erneut siegt so die Emotion über die Ratio.

Bedauerlicherweise habe die Mehrzahl der Zuschauer diese Lektion nur zu gut gelernt. Nicht länger wollten sie die Tragweite von Ereignissen erfassen, sondern vielmehr vom Lauf der Bilder erfaßt werden. Erkenntnis und Verstehen treten hinter dem Wunsch nach Partizipation an den Bildschirmen zurück. Tatsächlich bemißt sich der Wert einer Information schon lange nicht mehr an ihrem Wahrheitsgehalt oder ihrer Wichtigkeit, sondern nur noch an der Zahl der Menschen, die sich für sie zu erwärmen wissen. Verstärkt wird dieser Mechanismus noch durch die vollständige Emotionalisierung der Inhalte. Wer an die Nachrichtensprecher denkt, die mit freudenfeuchten Augen verkünden, der DAX sei um 27 Punkte gestiegen, weiß was gemeint ist. Friedensabkommen reduzieren sich nach diesem Schema nur noch auf zwei schiefe Lächeln und einen Handschlag. Sind die dabei transportierten Gefühle gut genug spürbar, so verifizieren sich die noch parasitär an ihnen hängenden Informationen von selbst.

Interessant wird Ramonets Buch aber letztlich erst dort, wo es sich mit seiner Kernidee beschäftigt. Die besagt, dass die vormalige Vorstellung von der Information - gleichbedeutend mit Freiheit und Demokratie - im Zeitalter der kommunikativen Tyrannei obsolet geworden ist. Zwar gebe es keine "autokratische Zensur" mehr. Doch ihre moderne Variante ist, folgt man Ramonet, noch um einiges wirkungsvoller. Da sie nicht länger auf der Unterschlagung von Informationen beruhe, sondern vielmehr in ihrem Überfluß, funktioniere sie vorbewußt und unsichtbar. Das Ergebnis sei eine jede Differenz vernichtende Übersättigung mit fragmentierten Infohäppchen.

Tatsächlich gibt es mehr Informationen und Informationsangebote denn je, jedoch war es noch nie so schwierig informiert zu sein. Die rasante Folge zusammenhangsloser Nichtigkeiten hat für Ramonet den hybriden Effekt der Über- und damit Desinformation. So führt immer mehr Kommunikation zu immer weniger Information. Dies scheint einsichtig, gehen doch in den Fluten der organisierten Nullinformation die wichtigen Informationen entweder unter, oder aber ihr vollständiges Fehlen fällt einfach nicht mehr auf. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu bezeichnete diesen Vorgang einmal treffend als "Verstecken durch Zeigen".

Sind Informationen über Jahrhunderte rar und kostspielig gewesen, so beklagt Ramonet nun ihre zunehmende Entwertung und Verunreinigung. Angetrieben von dem boomenden Wirtschaftssektors schlechthin schreite ihre planlose Multiplikation unaufhaltsam voran, und ziehe die gnadenlose Überforderung der Menschen nach sich. So enthalte schon ein einziges Exemplar der New York Times mehr Informationen, als ein kultivierter Mensch im 18. Jahrhundert während seines ganzen Leben hätte ansammeln können.

Doch haben Humboldts Vorstellungen von der Allgemeinbildung bekanntlich schon seit langem ausgedient, so droht laut Ramonet nun nicht mehr nur der Aufnahmekapazität der Menschen der finale Kollaps. Denn auch als Sender seien sie zunehmend eingebunden in den schier unbezwingbaren Strom telekommunikativ übermittelter Worte, Zeichen, Zahlen und Bildern. Wandten sie dafür 1985 schon fünfzehn Millarden Minuten auf, so werden es 2005 schon 95 Milliarden Minuten sein - Tendenz steigend.

Doch was im Kleinen noch überschaubar scheint, ist es im Großen nicht mehr. Ähnlich dem Finanzsystem flottiert das globale Informations- und Kommunikationssystem ohne Steuermann. Der nach dem Schneeballprinzip funktionierende Nachahmungszwang zwischen den Medien habe eine Informationslawine in Gang gesetzt, für die niemand mehr verantwortlich zu machen sei. Die zunehmende Kommunikation verdrängt die Information: egal was, wichtig scheint nur dass es jemand wahrnimmt. Die allgegenwärtige Konkurrenz bewirke dabei jedoch paradoxerweise kein differenzierteres Angebot, sondern totalitäre Gleichheit und Identität.

Auch wenn Ramonet es nicht ausführt, steckt dahinter doch ein richtiger Gedanke: Simplifzierung und Uniformierung des medialen Diskurse schreiten gerade in dem Maß voran, in dem sich die Welt weiter verkompliziert. Hatte die mediale Vereinfachung über lange Zeit eine legitime Orientierungsfunktion, so werden die Medien, indem sie sich in chaotische Uniformität auflösen, ihrer öffentlichen Aufgabe immer weniger gerecht. Denn mit ihrer Vorliebe für das Individuum und das Lokale wollen sie mehrheitlich nur noch eins sein, die vox populi, die ideelle Gesamt-Bild-Zeitung. Als alleiniges Ziel bleibt ihnen, der größtmöglichen Zahl von Menschen das zu liefern, was die ohnehin schon denken. Der "strukturelle Opportunismus"(Thurnher) des Mediums gegenüber seinem Publikum kommt so zu seiner höchsten Blüte.

Unter Berufung auf George Orwell und Aldous Huxley skizziert Ramonet letztlich recht pauschal das Horrorszenario globaler Medienkonzerne, die sich im Namen des fortschreitenden Freihandels zentralistisch organisieren. Diese Tendenz ist paradox, ähnelt die Organisation doch in frappierender Weise derer in den einst realsozialistischen Ländern. In subtiler Weise richte die so entstandene planetare "Gedankenpolizei" die Gehirne zu, und zwar entsprechend einer allgegenwärtigen, neoliberalen Einheitsideologie. Das Verhältnis zwischen den Medien reduziere sich neben der wechselseitigen Kopie auf stilles Einvernehmen und gegenseitige Neutralität. Eine wechselseitige Kontrolle finde nicht mehr statt. Die selbstverliebte Nabelschau der Medien beschränkt sich somit vor allem auf narzißtische Autoaffirmation als Ausdruck der Zufriedenheit mit sich und der Welt. An die Stelle von berechtigter Kritik an herrschenden Ungerechtigkeiten ist die Empörung über die schlechten Wetteraussichten getreten.

Ein derart mit Ärger saturiertes Buch verbietet es eigentlich, am Ende auch noch gut gemeinte Ratschläge zum Besten zu geben. Ramonet tut es trotzdem, und er hat recht damit. Denn auch wenn die Medien - wie er unterstellt - auf nicht absehbare Zeit ihre demokratische Rückradfunktion eingebüßt hätten, so bliebe als Ansatzpunkt noch immer das ominöse Publikum. Dies will Ramonet aus dem Laufrad befreien, das alle zum mitlaufen zwingt. Still auf dem Sofa zu sitzen und sich seinen Teil zu denken reicht für Ramonet nicht aus, denn dies halte die Illusion anstrengungsfreier Information aufrecht. Um in intelligenter Weise am demokratischen Leben teilzunehmen sei jedoch vielmehr die aktive Suche nach alternativen Informationen notwendig. Doch selbst dieses Interesse für kommunizierte Inhalte reicht ihm noch nicht, wenn es sich nicht mit dem für die Kommunikation selbst paare. Sein Buch könnte auf jeden Fall dazu dienen, ein solches Interesse zu wecken.

Ignacio Ramonet: Die Kommunikationsfalle. Macht und Mythen der Medien. Aus d. Franz. v. Gabriela Zehnder. Rotbuchverlag Zürich. 36.00 DM. 192 Seiten. 1999.



 
   
   
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