Der Kapitalismus hat die große Geschichte zwar für beendet erklärt, aber kleine widersprüchliche Geschichten hält er stets noch bereit. So wissen wir spätestens seit der Dreigroschenoper, um welch' ausgeklügelte Kunst es sich bei der Bettelei handelt, obwohl Kunst und Geld doch eigentlich gar nicht zusammengehen. Der zunehmende Mangel an Dissertationsthemen, dem wir schon die wegweisende Durchleuchtung der "Verwendung von Blumennamen bei Hildegard von Bingen" verdanken, dürfte mittlerweile auch die wissenschaftliche Auslotung der Bettelei nach sich gezogen haben. Aber das ist nur eine Vermutung. Zudem lassen sich manche Grundregeln auch aus den im Alltag ganz unmethodisch beobachteten Bettelerfolgsquoten deduzieren. Danach nehme sich, wer auf das Betteln angewiesen ist, folgendes zu Herzen.
Mimik und Gestik seien ausgewählt und abgestimmt. Es könnte immer mal sein, daß irgend jemand doch nicht wegguckt. Daher sollte das Outfit auf Geldmangel hindeuten, aber bloß nicht auf hoffnungslose Armut. Das sieht nach zuwenig "Eigeninitiative" aus. Wohlbedachter noch gewählt als solcherlei Äußerlichkeiten seien die Aufführungsorte. Als solche scheinen in den (vermeintlichen) Metropolen dieser Welt vor allem die Treppen vor Supermärkten, viel mehr noch die öffentlichen Massenverschaffungsmittel geeignet zu sein - besonders die stationsweise neues Publikum liefernden Waggons mit ihrem ausweglosen Interieur. Zudem sind sie einigermaßen schallisoliert, so daß das wichtigste Arbeitsinstrument halbwegs zur Entfaltung kommen kann - die Stimme.
Deren Anlage sei um Himmels Willen nicht zu penetrant, aggressiv oder gar fordernd, dann gehen die Schotten sofort dicht. Die Pariser Métro-Linie 2 beispielsweise wird allmorgendlich von jemandem frequentiert, der jedesmal damit auftritt, lauthals und aggressiv sein Recht darauf einzufordern, nicht verhungern zu müssen. In 48 von fünfzig Fällen geht der Mann mit genauso leeren Händen aus dem Waggon raus, wie er reingekommen ist. Und jedesmal wird er stetig lauter, während er durch den Waggon wandert. Nach zwei Dritteln der Strecke ruft er nur noch: "Das darf doch nicht wahr sein." Und während er dann an der letzten Tür auf die nächste Station wartet, um dort in den nächsten Waggon umzusteigen, brüllt er fortwährend und lauthals: "DAS DARF DOCH NICHT WAHR SEIN!!!" Sein Kinn legt er dabei auf die Brust, guckt aus dem Fenster gegen die vorbeirauschende schwarze Wand und schlägt seine Stirn zunehmend fester gegen die Scheibe. Wer sich auf diese Weise selbst fertig macht ist chancenlos im Kampf um die begrenzte Summe Centimes, die der durchschnittliche Métro-Nutzer am Tag sich rauszurücken angewöhnt hat. Die Konkurrenz von musikbegleiteten Puppenspielern, mit verstärkten Mikroports ausgerüsteten Musikern, von Zeitungsverkäufern und Kabarettisten ist schlicht zu stark. Einer dieser Entertainer, der auf der Linie 4 seinem Handwerk nachgeht, verkündet beim Eintreten - und während dessen werden alle Gesichter erstmal noch finsterer und abwesender als sonst schon üblich - , er verlasse den Waggon nicht ehe er ein Lächeln auf das Gesicht eines jeden einzelnen gezaubert habe. Dafür wolle er allerdings von all jenen einen Franc haben. Sein Stundenlohn dürfte den eines Facharbeiters locker überschreiten. Und dazu noch - ich höre die Stimme der Neider - steuerfrei.
Aber zurück zur Stimme. Nicht zu vorlaut oder aggressiv sollte sie sein, aber genausowenig sei sie duckmäuserisch und leise. Denn dann fällt es den konzentriert Löcher in die Einkaufstüten ihres Gegenüber starrenden "Kunden" wohlmöglich zu leicht, dem Vortrag einfach nicht zu "bemerken". Dieser wirke zudem nicht auswendig gelernt und einem alten Tonband gleich leiernd, sondern sei recht kurz, peppig und prägnant gehalten. Sowas in Richtung Infotainment und Tragödie mit antizipierbarem Happy-End kommt immer gut. Die Marke "Pech habe ich gehabt, aber meine Dynamik lasse ich mir nicht nehmen, ich schaffe es und bald seht ihr mich hier nicht mehr" wäre genau das Richtige.

Aber selbst, wenn man all dies beherzigt, sollte man sich seiner Sache niemals zu sicher sein. In der Nähe der Kölner Domplatte etwa steht regelmäßig jemand vor drei dieser eklig-magentafarbenen Telefonzellen. Er steht da, weil er "mal ganz dringend telefonieren muß" und bittet deshalb um "ein bißchen Kleingeld" oder "ein paar Groschen". Ein grundsätzliches Problem, jedenfalls für den verhinderten Telefonierer, besteht nun darin, daß in jenen drei Zellen ausschließlich Kartentelefone hängen. Ihm geht somit ein Teil seiner Glaubwürdigkeit verloren, was sich wiederum sehr nachteilig auf seine Einkünfte auswirkt. Zwar hat sich gezeigt, daß eine gewisse Unglaubwürdigkeit ohnehin unterstellt wird, daß vielmehr die Darbietung entscheidet. Und die ist trefflich, ganz locker, ohne jegliche Bitternis. Doch zu offensichtlich belügen lassen wollen sich die Leute dann doch auch wieder nicht. Belogen werden ist zwar prinzipiell okay, da glauben sie ohnehin dran, daß sie ständig beschissen werden. Was ja auch stimmt, wenn auch weniger durch Bettler. Aber mit der Nase drauf gestoßen werden, wollen sie hier wie da nicht. Das beleidigt ihre Intelligenz. Sie wollen es sich nur ganz pfiffig denken, nicht wissen.
Eine Lösung für den Mann an den Telefonzellen könnte jedenfalls aus Skandinavien kommen, wo derzeit das Gratishandytelefonieren qua zwischengeschalteter Werbung erprobt wird. Ist doch für ihn wie gemacht: Unter jeder Brücke erreichbar und wenn schon hungern, dann wenigstens Maggi-Werbung dabei hören. Da war wieder einer, einer dieser verflixten Widersprüche.
