Einst. Der Osten. Eine Dekade ist es her, da mußte die Geschichte mal wieder kräftiger aufstoßen. Über Stock und Stein machten sich so offensichtlich gelangweilte wie orientierungslose Kleinbürger über Ungarn und Österreich auf den Weg die germanisierten Mittelmeerinseln einzunehmen, um dort - und nur dort - fortan vereint mit ihren westlichen Blutsbrüdern deutsches Brauchtum zu pflegen. Denn wo kein Kopf, da keine Mauer. Am Ballermann lallen alle Dialekte gleich, und der es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis dieses Stadium auch in urheimatlichen Gefilden die Szenerie beherrschen wird.
Neues ist zum Thema kaum zu sagen, doch wenn das Ende der Geschichte einen runden Geburtstag feiert bemächtigt sie sich nahezu naturnotwendig der medialen Bewertungs- und Bewältigungsmaschinerie. Der von ihr entfachte Schein einer Erinnerungslawine gleicht dabei eher einer alkoholischen Vergessensamplitude - mit jedem Schluck wird mehr geredet und weniger gesagt. Die feuilletonistisch aufgeblasene Legion verfügbarer Klischees vom Lauf der Dinge und des Menschen Wesen stinken dabei schon von den Füßen. Die narzißtische Wichtigtuerei der Kommentatorengilde, die aus den Massen ihres detaillierten Unwissens hohltönende Leersätze destilliert, verhindert schon im Ansatz jeden halbwegs ernst zu nehmenden Gedanken.
Eine nicht von vornherein zum Scheitern verurteilte Perspektive haben hingegen Andres Maus und Peter Burkhard in Drüben. Alltagsgeschichten aus Ost und West gefunden. Sie bieten eine Serie von Doppelportraits Ost- und Westdeutscher aus unterschiedlichen Sphären der Gesellschaft. Aus Sicht der Porträtierten erzählt, zeichnen sich die Texte zuvorderst durch ihren explizit subjektiven Blick auf den jeweiligen persönlichen Alltag eingebettet im historischen Kontext aus. Jenes übliche a priori von der westlichen Normalität als Maßstab an das Mißratene fällt damit weg.
So erklärt Walter Ertmer wenig prätentiös warum er im Kaliwerk Bischofferode landete - und zwar "eher zufällig (...), es war, wie meist im Leben, eine Mischung aus Schicksal, Zufall und Pech." Aus diesen Worten spricht nicht eben der pure Optimismus. Seinerzeit kämpfte Kumpel Ertmer verbissen für den Erhalt seines miesen Arbeitsplatzes unter Tage. Doch wirklich "bewegt" habe der Kampf damals niemanden, denn dafür sei die Gesellschaft "auch 1993 schon viel zu satt und zufrieden" gewesen. Kräftig gelangweilt und genervt vom Frührentnerdasein bleibt ihm heute als Perspektive genau dies: "Ich kann keine Lebensplanung mehr entwickeln, sie ist mit der DDR zu Ende gegangen."
Sein Kollege Dieter Kalthoff, der "Philosoph von Reinhausen", zitiert einen Spruch vom "alten Krupp": "Arbeiter, trinkt keinen Schnaps, der macht euch aufsässig! Trinkt lieber Bier, das macht euch schön besoffen." Er erinnert sich an den - vermutlich unter Nordhäuser, und nicht unter DAB - erkämpften, "guten Sozialplan" für das Werk in Rheinhausen. Allerdings hätten sie dabei trotzdem nicht nur ihre Arbeitsplätze verloren, sondern auch das "Vertrauen in die Demokratie".
Wie bei Ertmer war bei Kalthoff mit dem Sozialplan der Sinn dahin: "Ich existierte, um zu arbeiten." Und er fährt fort: "Im Prinzip erging es uns auch nicht anders als den Kollegen und Kolleginnen in der DDR. Wir, die Bevölkerung der freien, demokratischen Welt, besaßen ebensowenig Einfluß auf unsere Entscheidungsträger wie jene auf ihre SED-Parteibonzen. Ein Plan wurde erstellt, verfügt, ausgeführt."
In gewisser Weise zieht sich eine gemeinsame Erfahrung wie ein roter Faden durch diese Alltagsanthologie - verarscht wird immer und überall. Und wenn Kalthoff von sich sagt: "Über Duisburg kam ich niemals hinaus", dann geht es ihm letztlich nicht anders als Ertmer, der nie wirklich über die DDR hinaus gekommen ist. Grundlegende Ähnlichkeiten wie zwischen den Kumpeln finden sich dann genauso in den anderen Doppelportraits, etwa in den Berichten der Familien Lorenz und Häusgen die sich in den Berliner Trabantenstädten Marzahn und Märkisches Viertel schon immer recht wohl gefühlt haben, oder beim Ökobauern und Sofamelker Gerhard Sommerfeld und dem Leistungspflüger Gottfried Pröhl.
Eine andere Herangehensweise hat Wolfgang Engler in seiner populärsoziologischen Betrachtung Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land gewählt. Wie schon der Untertitel andeutet, geht es dem Autor nicht um "die Ostdeutschen" nach der Wende, sondern um eine Art materialistisch fundierter Mentalitätsgeschichte der DDR, in der die Grenzen zwischen Annäherungen an Staat und Gesellschaft, Politik und Alltagsleben so fließend sind wie in der Realität, was dem dumpfen Zwang der Umstände jedoch nicht viel Macht nimmt.
Engler berichtet etwa von einem aus dem Westen gekommenen CDU-Landrat, den die Kumpel aus Bischofferode aufforderten zur Kali und Salz AG nach Kassel zu fahren, um die absehbare Übernahme und Schließung der Ostgruben zu verhindern. Dieser vormals ranghohe Bundeswehroffizier antwortete: "Wissen Sie, ... was die in der Chefetage der BASF machen, wenn der Landrat von Bald (sic!) Salzungen erscheint? Die schicken vielleicht den Pförtner oder eine kleine Schreibkraft. Nee, dort geht für unsereinen keine Tür auf." Engler kommentiert: "Das ist keine falsche Bescheidenheit, sondern Realitätssinn, Wissen um die Grenzen, die die Privatwirtschaft politischem Handeln und öffentlicher Einmischung zieht." Wo Maus und Burkhard bei der Individualgeschichte verharren, da fängt Engler erst richtig an. Anhand von Fünf-Jahres-Plänen und kulturellen Moden, Reformbewegungen und Geisteszyklen durchstreift Engler souverän fünf Jahrzehnte DDR-Geschichte, um aus dem Inneren dieses Staates heraus zu erklären warum er sich irgendwann - nicht zuletzt aufgrund der Widersprüchlichkeit der zwei letzten Reformflügel - selbst ein seiner Meinung nach notwendiges Ende setzte. "Die eine Fraktion wollte die Macht und übersah die Glaubwürdigkeitslücke in ihrem Anspruch. Die andere Fraktion wollte sich und das Volk gerade von der Macht befreien und ignorierte die Machtlücke in ihrem Wunsch. (...). (Die Spaltung, G.U.) legte die politische Initiative geradezu zwangsläufig in die Hände der ungeduldigen Mehrheit. Geistig und strategisch führungslos, wandten sich die Menschen in ihrem Vereinigungswunsch der politischen Führung der Bundesrepublik zu."
Der Rest ist bekannt. Als die Mauerstürmer bemerkten, daß sie zur Beteiligung an der Dauerokkupation deutscher Urlaubskolonien ein Minimum an Liquidem benötigen könnten, da hatte die Treudhandanstalt ihr Volksvermögen schon zu über 90% in den Besitz westdeutscher Konzerne verbracht. Aber immerhin haben jetzt auch die absorbierten Länder eine freie Öffentlichkeit, und letztere liefert nunmehr in gewohnter Permanenz die hübschen Reisebroschüren auch direkt in den Rostocker Briefkasten. Und an geistigen Getränken hat es ja noch nie gemangelt.
