Einen Beitrag zur Meinungsbildung über die Rolle des Internets für die Politikberichterstattung versucht nun die von Lutz M. Hagen herausgegebene empirische Studie Online-Medien als Quellen politischer Information. Sie konzentriert ihr Interesse vorrangig auf die Aktivsten der Nutzer und deren Motive, da sich die Autoren auf dieser Weise erhoffen, mehr über die Rolle der Online-Medien bei der Meinungsbildung und ihren Einfluß auf die politische Öffentlichkeit zu erfahren. Daß sich ihre Ergebnisse aufgrund der flinken Entwicklung dieses Sektors nur als Momentaufnahme betrachten lassen, versteht sich dabei von selbst.
Um es vorwegzunehmen: große Überraschungen liefert der Band nicht. Informationen aus dem Internet sind der Studie zufolge tendenziell noch unausgewogener, parteiischer und irrelevanter als die in den Massenmedien, aber dafür gibt es von diesen viel, viel mehr. Wissensklüfte werden eher verstärkt als abgebaut. Selbst wenn auch nur in den Industrieländern alle sozialen Klassen gleichermaßen partizipieren könnten, was die Studie mit Blick auf die USA mittel- bis langfristig für möglich hält, blieben die zwischen ihnen herrschenden Bildungsunterschiede weiterhin erhalten. Dies klingt insofern logisch, als es zur sinnvollen Verarbeitung der reichlich vorhandenen Informationen sicherlich zunächst eines Wissensgerüstes bedarf, in die diese dann eingeordnet werden können.
Analog dazu hält die Studie fest, daß sich Menschen, die sich weder privat noch professionell um "die da oben", sprich um Politik scheren, durch einen Internet-Anschluß kaum von "Couch potatoes" in "Cyber-Aktivisten" verwandeln werden. Daher mutet es so unlogisch wie aus der Luft gegriffen an, wenn Hagen aus heiterem Himmel die Bemerkung fallen läßt, eine Vereinbarkeit von "Panopticon und ökonomische(r) Konzentration" mute zwar "utopisch" an, aber "potentiell" sei sie "möglich." Daran ist nicht nur die Tautologie astreiner Unsinn: Denn im angesprochenen Zusammenhang gibt die Studie selbst einen aufschlußreichen Hinweis darauf, daß die Allverfügbarkeit von Wissen für den Einzelnen nicht unbedingt zu einer Belebung des politischen Lebens führt. Denn entgegen der vielbeschworenen neuen Nähe zwischen Bürgern und Politiker sowie Verwaltung hält sie fest, daß bis heute keinerlei zusätzliche Kontakte dieser Art feststellbar seien. Allgemeiner formuliert gilt, daß bei den Online-Medien eine selektivere Mediennutzung stattfindet als dies häufig beim Fernsehen der Fall ist und daß die Auswahlkriterien prinzipiell von den ins Netz getragenen Interessen der Nutzer abhängt, die gleichzeitig von diesem hervorgerufen werden. Hinzu kommt, daß selbst politisch überdurchschnittlich Interessierte Online-Nutzer sich im Internet fast nur dann um Politik kümmern, wenn es aus beruflichen Gründen nützlich erscheint.
Was die Nutzer grundsätzlich angeht, so unterscheiden die Forscher den Typus "kommunikativer Innovator" vom "introvertierten Technikfan", wobei unter Typ eins vor allem die alleinlebenden beruflichen Anwender, die politisch Interessierteren und die kommunikativ Aktiveren fallen. Aus welcher Motivation heraus auch immer sie die neuen Techniken nutzen, die, die sie nutzen, sind eher männlich, jung und höher gebildet. Gerade letzteres potenziere sich nochmals bei der Inanspruchnahme von Online-Medien, denn so haben beispielsweise gerade mal 10% der Nutzer der Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung kein Abitur. Bliebe die Frage, wie groß der Anteil der Leser der Papierausgabe ist, die kein Abi haben: Die SZ scheint vorerst jedenfalls in ihrer Existenz nicht bedroht zu sein, denn knapp die Hälfte der Nutzer der Internet-Ausgabe lebt im Ausland.
Unter den politischen Journalisten, besonders in der Wochenpresse und beim Fernsehen, erfreut sich die Online-Recherche mittlerweile offensichtlich sehr großer Beliebtheit. Allerdings recherchieren sie anscheinend weniger bei Parteien oder Verbänden, sondern vor allem bei der Konkurrenz, von der sie sich wahlweise inspirieren oder unter Druck setzen lassen. In beiden Fällen lauert hier ein Faktor, der zu einer noch weiterer Vereinheitlichung der Medien beitragen kann, auch wenn die Redakteure meinten, die Online-Recherche werde tendenziell nur als flankierende Maßnahme für die traditionellen journalistischen Informationssuche fungieren.
Unterstützung bei dieser Online-Recherche verspricht das Buch Internet für Journalisten von Clasen, Wallbrecht und Rommerskirchen. Vor der Beschaffung dieses Werkes ist dringend zu warnen, denn bei seinem Titel handelt es sich um Etikettenschwindel in Reinkultur. Mehr als eine - nicht mal besonders erhellende - Einführung ins Internet ist es nicht. Langatmige 170 Seiten ergehen sich die Autoren in der Klärung dessen, was denn das Internet eigentlich sei, wie es funktioniert, wo es herkommt, und was in Zukunft von ihm so zu erwarten ist. Kurz, es ist die gleiche "begeistert-ahnungslose Schreibsoße"(Christian v.Ditfurth) mit der die Ratgeberseiten von Britgitte bis Berliner Zeitung ihre Leserschaft schon seit Jahren beglücken. Auch nur der geringste spezifische Bezug dieses Teils zum Titel Internet für Journalisten ist selbst beim besten Willen nicht auszumachen. Für die Hinweise zu den im Untertitel versprochenen Online-Recherchen im Netz der Netze bleiben dann noch knapp 100 Seiten, auf denen sich für alle, die schon länger als drei Wochen einen Internet-Anschluß haben, nichts finden wird, was sie nicht schon selbst rausgefunden hätten. Denn dieser zweite, sich anwendungsbezogen gebende Teil, besteht lediglich aus einer nur teilweise kommentierten, absolut willkürlichen Aneinanderreihung von wenigen Internet-Adressen zu den Themen Suchmaschinen, Medien im Internet, Archive, Datenbanken, Politik und Wirtschaft. Jedes durchschnittliche Fachmagazin bietet so etwas fast wöchentlich. Ein erkennbarer Nutzwert - für wen auch immer - läßt sich dem im neckischen Taschenkalender-Format erschienenen Büchlein nicht attestieren. Dies ist um so verwunderlicher, als mit Thomas Rommerskirchen immerhin der Verleger der Fachzeitschriften journalist, prmagazin und InSight als einer der Autoren verantwortlich zeichnet. Für satte 44 Mark ein bißchen Internet-Alltagswissen herauszuschleudern, das beim Buchladen um die Ecke genauso gut für fünf Mark vom Grabbeltisch zu fischen ist, grenzt an puren Nepp.
Unter dem gleichen Titel und mit dem gleichen Anspruch beweist hingegen Christian von Ditfurth, wie sich praktische Informationen über das Internet als ideellem Gesamtdealer für alle Informationsjunkies zuweilen doch mal zwischen zwei Buchdeckel verirren können. Warum ins Internet, und nicht so weiter wie bisher? Ditfurth antwortet: "Weil es Ihre Zeit und Ihr Geld (oder das Ihres Verlages) kostet. Weil es unbequem ist. Weil häufig Recherchelücken bleiben. Weil es keinen Spaß macht, sich die Hacken nach Kleinkram abzulaufen. Weil die Konkurrenz zu oft zu schnell ist. Und vor allem: Weil Sie den größten Datenberg der Weltgeschichte ignorieren. Wenn Sie das Internet nicht nutzen" Wer auf diese Logik anspringt, findet bei Ditfurth, was er braucht. Der beschränkt sich im technischen Teil erfreulicherweise auf das Wesentliche. Das Buch ist praxisbezogen, klar geschrieben und hervorragend strukturiert. Je größer der Erfahrungsstand der Leser, desto später können sie in das Buch einsteigen. Die wichtigtuerische Informatik-Phraseologie fällt weg - zugunsten von zahllosen Tips und Beispielen.
Was sich hinter den genannten Internet-Adressen verbirgt, erklärt Ditfurth präzise und prägnant, seine Auswahl strickt zweckgebunden und trotzdem so reichlich, daß selbst Kenner und Könnerinnen hier und dort noch auf was Neues im Netz stoßen können - zu so verschiedenen Bereichen wie Suchmaschinen, Experten-Makler, Newsgroups, Mailing-Listen, Selbstvermarktung von Artikeln, Medien-Links, Medienliteratur, Jobs, Ausbildung etc. Und, man höre und freue sich, Ditfurth ist jemand, der mit der ewigen Ideologie von der verbraucherfreundlichen Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft wenigstens mal ernst machen und die Angaben seines Buches im Internet ständig aktualisieren will. Zu überprüfen unter: http://home.t-online.de/home/cdifurth/cditfurth.htm.
