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Ausgabe 3.0 - 01.02.2000
   

OL' Boys Network

Mittendrin statt nur dabei: Demokratie als männerbündischer Wettstreit beim Urinal



Hätte die Jungle World eine Leserbriefseite, sie wäre vermutlich angefüllt mit Meinungsschlachten um ihren Hauscartoonisten OL. Zwar hat die einst so verbiesterte taz-LeserInnenschaft den doch recht harmlosen TOM mittlerweile ganz liebgewonnen, und FIL hat das durch seinen Thunfisch-Gurken-Comic ausgelöste, mehrjährige Veröffentlichungsverbot in der Zitty dank "Didi und Stulle" schon längst vergessen gemacht. Doch vom Verschwinden einer moralisierend-textfixierten Linken kann deshalb noch lange nicht die Rede sein.

Sie ist wohl kleiner geworden, hat sich von taz und Zitty längst enttäuscht abgewendet, aber es gibt sie noch, die "dieses Wort/Bild ist sexistisch/rassistisch/behindertenfeindlich"-Fraktion, die jederzeit gerne bereit ist, von jedwedem sozialen und kulturellen Kontext abzusehen. Ihre Text- und Bildkritik bewegt sich auf dem Niveau von "aber-das-steht-da-doch-so"-Pennälertum, nicht anders als der Gehalt ihrer sonstigen Unmutsbekundungen.

Nun mag man einwenden, bei einer Wochenzeitung mit derart ausladendem Feuilleton sei eine entsprechende Leserschaft kaum zu vermuten, aber wenn selbst Redakteure der "harten" Ressorts (Inland, Euro und International) das Feuilleton mit jovialer Nicht-Beachtung zu bedenken pflegen, dann darf man ähnliches auch für einen Teil der Leserschaft vermuten - etwa für diejenigen, die die Jungle World als Ergänzung zur Interim begreifen, und denen für die Teilnahme am Online Pöbelforum der JW ganz klassich die Technik oder aber mindestens ein Mindestmaß an technischer Kompetenz fehlt.


Der in Sachsen-Anhalt geborene und heute in West-Berlin lebende OL ist mit derlei Politsektierertum inkompatibel. Er erspart sich ein Abarbeiten an aktueller Politik. Seine in der JW allwöchentlich reproduzierten Zeichnungen liefern vielmehr subtile bis brachiale, in jedem Fall aber treffsichere Meta-Kommentare zur deutschen Alltagskultur. Schmetterlinge im Bauch, OLs jüngste Cartoon-Anthologie, kann somit auch als Analyse des kulturellen Selbstverständnisses der Nach-Kohl-Ära gelesen werden: Mit der Regierungsübernahme durch Rot-Grün sollen die jahrzehntelang divergierenden kulturellen Zentren und Topoi dieser Republik - Bauarbeiter, Alkohol, Fernsehen, Techno, Sex und Innovation- nunmehr konsensuell in der Neuen Mitte wiedervereinigt werden. Das Scheitern dieses Vorhabens ist vorprogrammiert, doch nirgends wird dies so nachdrücklich in Szene gesetzt wie bei OL. Die Kombination aus ur-sozialdemokratischem Proleten-Kult und einer durch das grünliche Sammelsurium Neuer Sozialer Bewegungen kultivierten verbalen Konfliktlösungskultur gibt OL der Lächerlichkeit preis - und belegt so ganz nebenbei, daß kapitalistische Innovationsstrategien wie "lean production/management" in den habituellen Grundstrukturen der einheimischen Bevölkerung ebenso an ihre Grenzen stoßen wie die Enthierarchisierung heterosexueller Paarbeziehungen.

Für OL spielt es keine Rolle, welche Sauerei "die-da-oben" gerade konkret planen oder durchführen. Er zieht es vor, den Typus "Schröder" so zu zeigen, wie er vieltausendfach in den Kantinenklos dieses Landes sein Unwesen treibt. Ein geltungssüchtiger Macker, der seine gedrungene Statur mit der betonten Repräsentation von Potenz wettzumachen versucht. Der eben tatsächlich nicht kann, wenn jemand neben ihm steht. Der seine Frau - falls er den Konkurrenten nicht aus dem Pissoir zu drängen vermag - in einem kompensatorisch angelegten Affekt zum Teufel schickt. Findet sich dann keine andere, wird es höchste Zeit, sich ein neues Auto zuzulegen.


Doch der explizit politische Gehalt dieser Zeichnung erschließt sich erst in der Kontrastierung mit einer kulturhistorisch bedeutenden Vorlage - dem legendären DSF-Trailer "Mittendrin statt nur dabei". Hier steht der DSF-Moderator mittig, eingerahmt von zwei Spielern von Borussia Mönchengladbach, beim Urinal. OL aber hat diese Vorlage nicht einfach kopiert, sondern das Pißbecken zur Rechten verwaist gelassen. Dies läßt nur eine Interpretation zu: Der Neuen Mitte droht derzeit keine Gefahr von rechts, argumentativ verteidigen muß sie sich lediglich gegen links. Diese Verteidigung aber gebärdet sich als Drohung. Schröders "Ich kann nochmal!" muß als Ankündigung verstanden werden, im Konfliktfall weiter nach rechts zu rücken. "Ich kann nochmal", dann aber rechtsaußen! Der "demokratische Wettstreit" als männerbündische Schmierenkomödie am Pissoir. In diesem Meisterwerk zeigt sich die außerordentliche Tiefenschärfe von OLs Gesellschaftsanalyse.

OLs Protagonisten sind nicht selten von ausnehmender Häßlichkeit: schmerbäuchig, verwarzt, aber stets mit dünnen Beinchen. Hier bedient er in überzeichnender Weise das Klischee vom ekelhaften Proleten, an dem sich auch die Subkultur-Linke nur allzu gerne erfreut, dem OL selbst aber - so man Max Goldt in diesem Punkt Glauben schenken darf - zumindest in Ansätzen ähnelt. OLs eigentliche Stärke aber liegt in der Darstellung alltäglichster Normalität, jenseits ihrer Ausreißer nach unten oder rechtsaußen. Ob beim Arzt, vor der Glotze oder in der Schlange bei KAISER'S: OLs Kritik ist nicht angewiesen auf die Grobschlächtigkeit einer Argumentationsfigur, den politischen Gegner umstandlos zum Faschisten zu erklären. Während die neuesten Meldungen aus der gewöhnlich schlecht informierten Linksradikalengerüchteküche besagen, daß der KAISER'S-Konzernchef - "der alte Tengelmann" - ein Altnazi sei, der in seinen Filialen immer zum 20.4. die Preise senke, macht OL auf den alltäglichen Faschismus in deutschen Supermärkten aufmerksam. Verschwörungstheorien sind seine Sache nicht. Er hat den Blick, der den Wahnsinn deutscher Normalität durchschaut.


OL: Schmetterlinge im Bauch. Reprodukt-Verlag. Berlin 1999. 52 Seiten. 16,90 DM



 
   
   
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