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Ausgabe 3.1 - 15.03.2000
   

Natur und Gesellschaft - ein reichlich gestörtes Verhältnis

Heute: Von den ökologischen Blindstellen der Soziologie


Welche Schlüsse sind aus der globalen ökologischen Krise zu ziehen? Ist die Menschheit bei Strafe des Untergangs dazu verurteilt, sich bewußtlos »Naturgesetzen« zu unterwerfen, oder bestehen noch Spielräume für eine emanzipative Gestaltung der Gesellschaft? Wer sich mit dem Verhältnis von Gesellschaft und Natur beschäftigt, der kommt an diesen Fragen nicht vorbei.

Christoph Görg, Soziologe an der Universität in Frankfurt am Main, untersucht in seinem Buch "Gesellschaftliche Naturverhältnisse", wie sich wichtige Theoretiker der Soziologie dazu gedacht haben. Die von ihm explizit unter die Lupe genommenen Soziologen sind Herbert Spencer, Karl Marx, Emile Durkheim, George Herbert Mead, Talcott Parsons, Theodor Adorno, Niklas Luhmann und Ulrich Beck.

Sein Gang durch die Geschichte der Soziologie zeigt dabei zunächst vor allem, dass die Naturthematik mit der Zeit immer stärker an den Rand gedrängt worden ist. Angesichts des heutigen Ausmaßes der ökologischen Krise stellt sich daher schon hier die Frage, ob der Soziologie noch eine Bedeutung zukommt, wenn sie der Natur immer weniger Raum einräumt. Die soziologische Wissenschaft ist also, wie die gesamte Gesellschaft, durch die Krisenhaftigkeit der Beziehungen zwischen Gesellschaft und Natur vor eine entscheidende Herausforderung gestellt.

Dabei könnten die Marxsche sowie die kritische Theorie durchaus als Ausgangspunkte für eine Soziologie dienen, welche die gesellschaftlichen Naturverhältnisse in fruchtbarer Weise in ihre Reflexion einbezieht, denn sie betonen noch die Wechselwirkungen zwischen Gesellschaft und Natur. Nach Görg hat die Kategorie "gesellschaftliche Naturverhältnisse" ihren Ursprung eben in der Marxschen Theorie. So machte Marx bereits in der Deutschen Ideologie darauf aufmerksam, dass die Natur doppelt vermittelt sei, zum einen durch ihre praktische Umgestaltung, und zum anderen als Erkenntnisobjekt.

Insbesondere die Arbeit nimmt bei Marx einen prominenter Platz ein bei der Bestimmung des gesellschaftlichen Naturverhältnisses, nachzulesen im ersten Band des Kapital: "Die Arbeit ist ... ein Prozeß zwischen Mensch und Natur, ein Prozeß worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigene Tat vermittelt, regelt und kontrolliert." Bedauerlicherweise unterliegt der Arbeitsprozeß in kapitalistischen Gesellschaften jedoch dem Verwertungsprozeß, die Produktion dient der Erzeugung eines Mehrwerts, und daher werden die Naturverhältnisse von den Produktionsverhältnissen dominiert. Im Anschluß daran kritisiert Görg jedoch an Marx dessen Festhalten am Ideal technischer Beherrschbarkeit. Um diesen Mißstand zu beheben schlägt Görg vor, die Marxsche Kritik durch eine Wissenschafts- und Technikkritik zu ergänzen, und auch den Einfluß der Kultur auf die Vergesellschaftung von Natur zu berücksichtigen.


Die kritische Theorie betont den gesellschaftlichen Charakter von Emanzipation und die destruktiven Wirkungen der Naturbeherrschung. Die Emanzipation des Menschen ist für sie somit nicht gleichbedeutend mit der Herrschaft über die Natur. Ein Emanzipationskonzept, welches die gesellschaftlichen Naturverhältnisse beachten will, muß also versuchen, den Abbau innergesellschaftlicher Herrschaft mit der Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen der menschlichen Gesellschaft in Einklang zu bringen. Anders gesagt: Sowohl die sozialen als auch die Naturverhältnisse müssen gleichermaßen reflexiv gestaltet werden. Zurecht kritisiert Görg die fehlende Beschäftigung der kritischen Theorie mit Naturwissenschaft und Technik.

Im abschließenden Kapitel, und quasi als Moral von der Soziologie-Geschichte, fordert Görg dann eine interdisziplinär orientierte Umweltforschung. Diese müsse insbesondere Erkenntnisse aus der feministischen Umweltforschung, aus der Wissenschafts- und Technikkritik, Untersuchungen zum Verhältnis von Produktions- und Reproduktionsarbeit sowie Untersuchungen struktureller Formen der Aneignung der Natur berücksichtigen.

Da Görgs Buch in einer mit "Einstiege" betitelten Reihe erschienen ist, wäre eigentlich eine größere Verständlichkeit zu erwarten gewesen. Leider aber hat er es im typisch unverständlichen Wissenschaftskauderwelsch belassen. Ebenfalls irreführend ist der Titel, weil die Zuschneidung des Themas auf die Soziologie dort mit keiner Silbe erwähnt wird. Wer sich allerdings die Mühe macht, sich intensiv mit dem Inhalt zu beschäftigen, der erfährt viel Wissenswertes über das Verhältnis von Gesellschaft und Natur in den Theorien klassischer Soziologen.

Christoph Görg: Gesellschaftliche Naturverhältnisse. Münster 1999. Verlag Westfälisches Dampfboot. 198 S. 29,80 DM.



 
   
   
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