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Der Einkaufspark vor den Toren der Stadt
Ausgabe 12.1 - 01.07.2005
   

Macht und Musik

Viele Versuche, wenig Treffer: Das öffentliche Singen revolutionärer Lieder führt nicht zwangsläufig zur Revolution oder: Zum Zusammenhang von Tonhöhe und Kraft beim Gewichtheben / Von Paul Bruns


Musik packt Menschen fast körperlich. Sie trifft eher den Bauch als den Kopf. Auf diesem Weg kann sie Tanzen machen und Gefühle schüren, Zusammengehörigkeit evozieren und Identität stiften. Gerade unter Jugendlichen dient sie als mitunter entscheidendes Distinktionsmerkmal. Inhaltlich jedoch bleibt der Zugang zu Musik eher auf individueller, privater, alltäglicher Ebene verhaftet. Es ist ein in der Breite vor allem politikfreier Raum.

Allenfalls rechtsextreme Musik erfreut sich als Folge medial beachteter, ausländerfeindlicher Straftaten zuweilen einer gewissen Konjunktur in den Feuilletons. Die resultierenden Betrachtungen werfen dann allerdings einen eher pädagogischen als politischen Blick auf die Musik, ganz ähnlich den dann ebenfalls abgehaltenen "Rock gegen rechts"-Konzerten. Diese sind Symbol durch die Versammlung massierter Menschenmassen, der dann dargebotene "Rock gegen rechts" darf hingegen in allergrößten Teilen als apolitisch bezeichnet werden.

Somit entzieht sich Musik als Fortsetzung von Politik mit anderen Mitteln weitestgehend der öffentlichen Wahrnehmung. Dies dürfte nicht zuletzt der Komplexität des Gegenstands selbst geschuldet sein. Eine Bestandsaufnahme dessen, was die moderne Wissenschaft über das Verhältnis von Musik und Politik weiß liefert nun der von fünf Historikern herausgegebene, interdisziplinäre Sammelband "Die Macht der Töne. Musik als Mittel politischer Identitätsstiftung im 20. Jahrhundert".

Dazu ob, und wenn ja, wie musikalisch untermalte Texte, ganz zu schweigen die Töne selbst wirken, gibt es bisher nur wenige gesicherte Erkenntnisse. Nicht nur recht putzig anmutende frühere Forschungen wie etwa nach den Zusammenhang von "Tonhöhe und Kraft beim Gewichtheben" blieben ohne Ertrag. Vielmehr vermittelt der Band grundlegend die Erkenntnis, wonach es "keine einfach zu berechnende Wirkung von Musik gibt." Denn die jeweils konkreten Ausprägungen hängen vom Musikgeschmack ab. Ergo adé, allgemeingültige musikalische "Hausapotheke" mit berechenbaren Wirkungen.

Nichtsdestotrotz, die Einzelbeiträge des Bandes bieten einen mehr als nur kursorischen Überblick der politischen Geschichte von Musik und zeigen recht übereinstimmend, wie sowohl Organisationen und Institutionen als auch zahlreiche Komponisten "ihrer" oder der Musik des "Gegners" eine nachhaltig politische Wirkung zuschreiben. Veranschaulicht wird dies sowohl anhand von Komponistenportraits, von Analysen einzelner Kompositionen wie auch grundsätzlicherer Betrachtungen der amerikanischen folk music aus der Zeit der New Deal-Politik, der politischen Avantgarde-Musik der sechziger und siebziger Jahre sowie der verordnenden und verbietenden DDR-Musikpolitik

Auffällig bleibt jedoch stets der allenthalben mehr oder minder große Abstand zwischen der erhofften und der dann real messbaren Wirkung verschiedener Musikstile. Dies gilt exemplarisch, wie Tillmann Bendikowski in seinem Beitrag "Öffentliches Singen als politisches Ereignis" richtigerweise schreibt, für das Schicksal revolutionärer Lieder, "von denen so viele komponiert und getextet wurden – und von denen tatsächlich so wenige einmal eine Revolution begleitet, geschweige denn in Gang gebracht haben."

Fruchtbarer als die Archäologie realpolitischer Wirkungsgeschichten von Musik scheint aber ohnehin die gewissermaßen werkimmanente Deutung von Musik im historischen und intellektuellen Kontext ihrer Entstehung. Den gelungensten, wie wohl auch anspruchsvollsten Beitrag "Komponieren nach Auschwitz. Die Verarbeitung des Holocaust in der Musik" hierzu liefert Dirk Pöppmann.

Anhand von drei Kompositionen – Arnold Schönbergs Kantate "Ein Überlebender aus Warschau" (1947), Dmitriy Schostakowitschs Symphonie Nr. 13 "Babij Jar" (1962) und Krzysztof Pendereckis "Dies irae" (1967) – zeigt er eindrücklich, wie sehr gerade auch Musik in erinnerungspolitisch stark umkämpften Feldern von je geltenden, nicht zuletzt politisch dominierten Konventionen des Erinnerns – hier konkret in den USA, der Sowjetunion bzw. Polen der jeweiligen Zeit - geprägt wird.

Aber auch als Teil der Selbstinszenierung von Parteien kann Musik politische Geschichte schreiben. So erinnert Bendikowski an die Historie der SPD-Parteitagslieder, deren Aufzählung sich wie eine prägnante Zusammenfassung der SPD-Vergangenheit nach dem 2. Weltkrieg ausnimmt: Alles Begann mit dem Kampflied "Auf Sozialisten, schließt die Reihen", doch schon seit 1952 erklang weit weniger kämpferisch "Brüder, zur Sonne, zur Freiheit".

Auf das Godesberger Programm folgte dann "Wann wir schreiten Seit` an Seit`" (ab 1960), bevor sich die SPD ab 1964 der CDU anschloss und die 3. Strophe des Deutschlandliedes anstimmte. Nach dem Regierungsverlust 1982 folgte zunächst wieder "Wann wir schreiten Seit` an Seit`", 1988 einmalig ergänzt um das friedensbewegte "Das weiche Wasser", bevor sich die SPD der "neuen Mitte" 1998 mit "Lasst uns die neue Zeit beginnen" auch eine neue musikalische Identität gab.

Musik fördert zwar Gruppenbindungen, soweit herrscht dann doch Einigkeit bezüglich ihrer Wirkung. Sie verfügt zudem über emotionale Wirkkraft und spricht sogar, ganz analog zu starken Rauschdrogen wie Heroin und Kokain, das körpereigene limbische Selbstbelohnungssystem an. Ob Teilnehmer von Parteitagen die von ihnen selbst dargebotenen Lieder jedoch jemals als Selbstbelohnung empfunden haben muss an dieser Stelle jedoch ausdrücklich in Frage gestellt werden.

Bendikowski, Tillmann / Gillmann, Sabine / Jansen, Christian / Leniger, Markus / Pöppmann, Dirk (Hrsg.): Die Macht der Töne. Musik als Mittel politischer Identitätsstiftung im 20. Jahrhundert. Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 2003, 221 S., 24,80 €



 
   
   
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