Max Weber hat es kommen sehen. Schon 1910 sagte er in seiner Skizze "Zu einer Soziologie des Zeitungswesens" voraus, dass eine profitorientierte Medienwirtschaft nahezu zwangsläufig Konzentrationsprozesse nach sich ziehe, die auf Dauer der Meinungsfreiheit, -vielfalt und damit der Demokratie nicht unbedingt zuträglich sein würden.
Heute nun bilanziert Lutz Hachmeister im Vorwort des von ihm gemeinsam mit Günther Rager herausgegebenen Kompendiums "Wer beherrscht die Medien? Die 50 größten Medienkonzerte der Welt. Jahrbuch 2000": "Medienkonzerne agieren heute im Grunde ohne jede Opposition, sie können sich nur gegenseitig im Weg stehen." Dank seines Rufes, für Wachstum, Wohlstand und Beschäftigung zu sorgen, bleibt der technologisch-mediale Komplex als global dominanter Wirtschaftssektor heute tatsächlich von der Medienpolitik weitgehend unbehelligt und genießt weitgehende Narrenfreiheit. Lediglich, wenn sich ein paar Multis endgültig vom Oligopol zum Monopol entwickeln wollen, kommt vielleicht noch einmal ein "Njet" von den Kartellbehörden.
Grundsätzlich aber wimmeln die Medien- und vor allem Wirtschaftsseiten nur so von Übernahmen und Fusion, Wachstumszahlen und Rekordprofiten im Medienbereich. Allerdings ist es, ganz abgesehen vom gemeinen Medienkonsumenten, selbst für Landesmedienanstalten und sonstige Experten häufig genug unmöglich, die jeweiligen Konzernstrukturen mit hunderten Tochterfirmen und Beteiligungen auch nur halbwegs zu durchschauen. Um so heroischer mutet da die Leistung von Hachmeister, Rager und ihren zwölf Mitstreitern an, die sich nach 1997 ein zweites Mal durch den Wust der medialen Verflechtungen gekämpft haben, und nun eine vollständig überarbeitete Fassung ihres Standardwerkes vorlegen.
Die wenig überraschende Entwicklung seit der Erstausgabe von 1997: Zwischen 1995 und 1998 hat sich das Umsatzvolumen der 50 größten Medienkonzerne um 60 Prozent auf 505 Milliarden Mark gesteigert. Alleine die zehn größten Unternehmen vereinten dabei 1998 nicht weniger als 263,4 Milliarden Mark auf sich, ein Anstieg um 86 Prozent in nur drei Jahren. Das die Zahlen des Geschäftsjahres 1999 in dem Band nicht vorkommen, ist sicherlich den notwendigerweise umfangreichen Recherchen geschuldet, doch macht ein Jahr in diesem extrem dynamischen Sektor einiges aus. So könnte man meinen, durch die fehlende Aktualität verfehle das Buch seinen wesentlichen Zweck.
Doch weit gefehlt. Denn selbst wenn es sich - bis auf ein paar öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten - formal um recht einheitliche, rein profitorientierte, vertikal und horizontal integrierte Medienkonzerne handelt, so zeigen die fünfzig Firmenportraits des Bandes doch darüber hinaus, dass sich die jeweiligen Firmenphilosophien und Strategien weiterhin maßgeblich voneinander unterscheiden können. Dank der mitgelieferten Eckdaten zu Firmengeschichten und Führungspersonal, Aktionärszusammensetzungen und Entwicklungsstrategien ist es möglich, sich ein differenziertes Bild der einzelnen Unternehmen zu machen. Ob dann jedoch, basierend auf diesem Wissen, "politische und publizistische Alternativen" entwickelt werden können, wie Hachmeister nahelegt, darf hingegen bezweifelt werden.
Ausgestattet mit einem ausführlichen Sach- und Namensregister eignet sich das Buch letztlich doch vor allem als Nachschlagewerk. Was wem gehört, und was das dann in Zahlen bedeutet, läßt sich dank des Registers schnell herausfinden. Gerechnet nach dem Medienumsatz führte 1998 Time Warner mit 24,1 Milliarden Euro dieRangliste an, gefolgt von Walt Disney (20, 7 Mrd.), Viacom (17 Mrd), Bertelsmann (14,8 Mrd.), News Corp. (13,7 Mrd.) und Microsoft (13 Mrd.). Auf Platz elf landet die ARD, die weiteren deutschen Vertreter sind Kirch (16. Platz), der Axel Springer Verlag (34.), die Zeitungsgruppe WAZ (42.), Holtzbrinck (45.) und Bauer (50.).
Nun mag es auf den ersten Blick verwundern, wenn in den Top 50 kein Internet-Unternehmen auftaucht. Schließlich ist Time Warner, der Gigant der Giganten, doch kürzlich vom Internet-Provider AOL geschluckt worden. Hat sich gegenüber 1998 soviel geändert? Sind die reinen Internet-Unternehmen in der kurzer Zeit so sehr gewachsen? Keineswegs, denn die Rangliste basiert auf den Medienumsätzen, nicht dem Börsenwert der Unternehmen. Zwar haben die Internet-Firmen auf diesem Gebiet mittlerweile exorbitante Wertsteigerungen erreicht, doch ihre Umsätze nehmen sich im Vergleich zu den "klassischen" Mediengruppen bis jetzt so mickrig aus, daß es - bis auf AOL mit Time Warner - keines von ihnen heute auch nur in die Nähe der Umsatz-Top 50 schaffen würde.
Dementsprechend, und nicht zuletzt aufgrund der jüngsten Kurseinbrüche im Bereich der Neuen Medien, spricht einiges für die folgende These von Hachmeister: "Im Ergebnis könnte der scheinbare Sieg der 'neuen Ökonomie' so aussehen, dass sich die traditionellen Medien-Oligopole Spekulationskapital auf der einen, neue Distributionswege auf der anderen Seite einverleiben. (...). So kann man davon ausgehen, daß die Konvergenz der elektronischen Medien letztlich die Marktmacht der existierenden großen Konglomerate stützt. Sie lassen die Entwicklungsarbeit an neuen Technologien so lange von jungen Start-Up-Firmen erledigen, bis sich eine Beteiligung oder Übernahme ohne großes Risiko lohnt." Dies scheint um so wahrscheinlicher, da es - wie das Buch zeigt - nahezu keines der traditionellen Medienunternehmen mehr gibt, daß nicht schon seit einiger Zeit massiv im Internet-Bereich investiert.Ob die klassischen Medientrusts tatsächlich als Sieger aus dem Kampf mit der new economy hervorgehen werden, zeigt sich erst in ein einigen Jahren, in der dann hoffentlich nächsten Ausgabe von "Wer beherrscht die Medien?".
