Irgendwann im Laufe dieses Jahres aber muss in den Redaktionsräumen des Hamburger Spiegel, wo man von Marx noch nie mehr als Honecker verstanden hat, die Idee gewachsen sein - die Idee, zu einer Titelstory, die in Sachen Kapitalismuskritik mit so viel Sachverstand aufwarten kann, wie eine Einführung in die Betriebswirtschaftslehre. Bundesweit kaufbar, müsste dem Zentralorgan für Sensationshunger à la carte damit ein Anteil von bis zu zehn Prozent am deutschen Wochenblattmarkt sicher gewesen sein. In Brandenburg und Sachsen wird wahrscheinlich sogar ein ganzes Drittel aller Wochenzeitungsleser die mit Marx in Gewinnerpose illustrierte Ausgabe gekauft haben.
Deren Dramaturgie ist einfach: ein Friedhofsrundgang, zwei Experteninterviews, drei-vier biographische und historische Fakten - und vor allem viel Falsches. Gerade von den Experten. Oskar Negt, dem zum Jürgen Habermas nur noch die nötige Prominenz fehlt, gibt zu Protokoll: "Die Linke hat sich diese Begriffe nehmen lassen: Freiheit, Solidarität, Emanzipation. Wir müssen den Kampf um die politische Sprache wieder gewinnen. Müntefering hat eine Tür geöffnet, wer weiß, warum. Vielleicht hatte er einen Traum." Sicher, einen Traum von politischen Mehrheiten in diesem Land, der zugleich ein Albtraum für alle ist, die nicht über den weinroten Pass verfügen. Träumen ohne böses Erwachen wollen aber die Initiatoren eines offenen Briefes an die Linkspartei, nach Selbstauskunft Gruppen und Personen, die "auf die eine oder andere Weise an nahezu allen linken Bewegungen, Mobilisierungen, Kampagnen und Protesten der vergangenen Jahre beteiligt" waren. Der Weg zur gewissensberuhigten Frühschicht-Agitation besteht im Vorformulieren des ausländerpolitischen Teils des zukünftigen Wahlprogramms der noch zu fusionierenden ost- und westdeutschen Sozialdemokratie. Auch wenn es kein Qualitätssiegel ist: neben Bahamas-Redakteur Karl Nele und Junge-Welt-Autor Peter Nowak ist Oskar Negt nicht unter den Unterzeichnern zu finden.
Die zweite Expertin ist Beatrix Bouvier, Historikerin der Hisbollah-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung. Sie kennt ihren Marx, vor allem persönlich: "Marx war ein Egomane. Marx war größenwahnsinnig. Marx war ein Zyniker. Marx war menschenverachtend." Schon allein weil das Private politisch ist, überrascht es also kaum, dass man mit Marx "unweigerlich in einem realen Sozialismus à la DDR" lande. Für solche Folgerungen reicht das Zeugnis ihrer Exzellenz Beatrix aber nun wirklich nicht hin; dazu bedarf es schon des Sachverstandes ihres konservativen Komplements Joachim Starbatty, Ökonom der eher dem christlichen Fundamentalismus zugewandten Konrad-Adenauer-Stiftung. Von seinem Parteifreund und Brandenburgischen Innenminister wissen wir, dass drüben "erzwungene Proletarisierung", Verwahrlosung und Gewaltbereitschaft zu verantworten hat. Ob man Marx' Schriften wegen des Aufrufs zu Kindermord aus dem Verkehr ziehen sollte? Mitnichten, geht es für Starbatty bei Marx doch eher um Kindesgeburt: "Er hat die proletarische Revolution als Geburtsvorgang gesehen, mit blutigen Wehen, aber nie genau beschrieben, wie es aussehen soll, das neue Kind."
Eher wieder Parteigänger des Islamismus, pardon: des "schiitischen Widerstandes", kommt nun noch Attac zu Word. Mitglied deren Berliner Campus-Gruppe, die neben Nele und Nowak den offenen Brief unterzeichnet hat, ist Martin Schmalzbauer. Wenn er sich nicht gerade bei Flugblattverteilen vor der Mensa die Beine in den knurrenden Bauch steht, bezieht er sein Wissen über Marx von dort, wo Denken schon seit einiger Zeit ein Ende hat: aus einem Vorlesungssaal des Otto-Suhr-Instituts für Politikwissenschaft. "Man brauche Arbeitszeitverkürzungen, meint Schmalzbauer, einen gesetzlich festgeschriebenen Mindestlohn und ebenjenen Grundbetrag, der Essen, Wohnung, Kleidung, Bildung, Freizeit und Gesundheit sicherstellt, der mehr ist als das Existenzminimum und der Teilhabe ermöglicht auch ohne Arbeit." Was ist wahrscheinlicher: Dass Schmalz-Stulle uns als Autor des sozialpolitischen Teils des Wahlprogramms der Linkspartei erhalten bleibt oder dass Marx in den Dahlemer Vorlesungen Gesine Schwans besser abgeschnitten hat als er es heute tut? Diese Frage wollen wir beiseite lassen.
Bevor der Vorhang fällt, der sich im Spiegel für Marx nie geöffnet hat, ist der Rest der Dramaturgie schnell erzählt: Man wirft Marx vor, was er gegenüber Proudhon, Lassalle und Bakunin tatsächlich immer hatte: "recht". Und schließlich solle sich Marx, würde er heute noch leben, ausgerechnet über Marion Gräfin Dönhoff und ihre Eloge auf die Solidarprinzipien des Marxismus "gefreut" haben können. Wahrscheinlich mit der gleichen Unbändigkeit wie auf eine Zeitschrift, deren Autoren mit noch weniger Verstand als Titel geadelt sind. Wer ähnliche Freude verspürt und vor allem, wer immer noch meint, allein mit der Rede vom Kapitalismus würden sich schon neue Perspektiven für dessen Überwindung bieten, dem sei Marx im Spiegel zur Lektüre empfohlen. Die Effekte dieses Diskurses sind mindestens so subversiv wie der Beitrag der Frau im Spiegel zur Untergrabung dominanter Geschlechterbilder. Eine letzte Kostprobe über den vielseitig interessierten Marx: "Würde er heute noch leben, würde ihn die Hirnforschung ebenso interessieren wie die Entschlüsselung des Genoms, die Triebkräfte der Globalisierung und die Klimakatastrophe, die Weltbank und das Wirken der Uno." Würde Marx heute noch leben, er schriebe über das theoretische Elend von allen, die auf die eine oder andere Weise die linken Bewegungen, Mobilisierungen, Kampagnen und Proteste der vergangenen Jahre getragen haben - und den Spiegel als ihren ideellen Gesamtvorsitzenden.
