"Seit der Wende ziehen die Touristen aus Wien oder Frankfurt oder Berlin durch Galizien, mit gesenktem Kopf, auf den Spuren des galizischen Judentums. Sie fantasieren sich in ein romantisches jiddisches Shtetl, sie befingern die alten Steine und lassen sich jedes alte Gemäuer als ehemalige Synagoge verkaufen, sie versinken vollkommen und genüßlich in einer träumerischen Wiedergutmachung. Sie heben den Blick nicht nach links, nicht nach rechts, nicht zur Gegenwart, nicht zu uns", klagt Jurko in dem 1997 erschienen Buch zur "Internationalen Solidarität im Dschungel der Widersprüche". Der Klagende stammt aus der westukrainischen Stadt Lemberg und verfügt über eine gute Beobachtungsgabe: Touristen, die heute seine Stadt besuchen, interessieren sich vor allem für die Geschichte, nicht jedoch für die Gegenwart. Beeindruckt zeigen sich alle BesucherInnen zunächst vor allem von der Namensvielfalt: Lwów, Lwow und Lemberg. Diese polnischen, russischen und deutschen Namen stammen aus den vergangenen Jahrhunderten, in denen die Stadt viel Fremdherrschaft erlebt hat.
Seit die Ukraine in Folge eines euphorischen Referendums 1991 die Unabhängigkeit erlangte, heißt die Stadt L´viv - was auch Ausdruck eines nachholenden, ukrainischen nation building ist. Schon 1990, als erstmals die Opposition ins Rathaus der Stadt einzog, ging die Verwaltung schnell dazu über, sämtliche Häuser mit der blau-gelben Nationalfahne zu versehen, die heute noch das sonntägliche Stadtbild prägt. Mit der Umbenennung von Straßen und Plätzen, mit dem Abriß alter und der Errichtung neuer Denkmäler sollte der plötzlich als fremd und aufoktroyiert empfundene sowjetisch-russische Charakter demontiert werden, den die Stadt seit dem Zweiten Weltkrieg angenommen hatte.
Im Rahmen dieser nachholenden Nationalstaatsbildung kommen mittlerweile auch einige sehr zwielichtige Gestalten der ukrainischen Geschichte zu Ehren. So heißt eine Straße in L´viv seit der Unabhängigkeit 1991 nach Stefan Bandera, dem Anführer der Organisation ukrainischer Nationalisten (OUN). Auch wenn Bandera gleich nach dem Einmarsch der Deutschen 1941 wegen der von ihm vertretenen Unabhängigkeitsbestrebungen in das Konzentrationslager Sachsenhausen geschafft worden war, so hatte die OUN in der mehrtägigen Übergangsphase zwischen der Flucht der Roten Armee und dem Einmarsch der Deutschen doch eines der schrecklichsten antisemitischen Pogrome durchgeführt, das die Stadt jemals erlebte. Mehrere tausend der damals etwa 160.000 jüdischen EinwohnerInnen verloren in diesen ersten Julitagen des Jahres 1941 ihr Leben. Zudem ermordeten die Truppen der OUN nach 1941 im Kampf gegen die deutsche Besatzungsherrschaft viele jüdische PartisanInnen. Nach Ende des Krieges setzten Banderas` Truppen den Kampf gegen die Sowjets fort. Ruhe kehrte erst ein, als Bandera von einem KGB-Agent in Wien Anfang der 50er Jahre erschossen wurde.
Die Frage nach dem Antisemitismus des neuen ukrainischen Nationalhelden, nach dem heute in jeder größeren ukrainischen Stadt eine Straße benannt ist, kontert die Lemberger Stadtverwaltung mit einem Vergleich: Im Prinzip sei die Organisation ukrainischer Nationalisten der nordirischen Sinn Fein sehr ähnlich - Unabhängigkeit sei immer ihr oberstes Ziel gewesen. Zudem habe damals Krieg geherrscht, und da lasse sich heute wohl kaum mehr nachvollziehen, wer da genau was angestellt habe. Selbst den Umstand, daß die jüdische Gemeinde in der rund 250 Kilometer entfernten Kleinstadt Czernowitz erfolgreich gegen eine geplante "Bandera-Straße" mobil gemacht hat, weiß man sich im Lemberger Rathaus zu erklären: Viele Juden seien erst nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Sowjetunion nach Czernowitz gekommen. "Die jüdische Gemeinde kann Bandera nicht leiden, weil er die Sowjets bekämpft hat", gibt ein Magistrat zu Protokoll.
Dieses äußerst fragwürdige Verhalten der offiziellen Stellen hat auch enorme Konsequenzen für den Kampf ehemaliger NS-Zwangsarbeiter aus der Ukraine um Entschädigungszahlungen aus Deutschland. So verweist die ukrainische Regierung bei allen Problemen, die mit dem Erhalt der Entschädigung in Verbindung stehen, auf die Stiftungsinitiative aus Deutschland. Was auf den ersten Blick vernünftig erscheinen mag - immerhin ist die Stiftung auch für diese Aufgaben mit Finanzmitteln ausgestattet worden -, erweist sich bei näherem Hinsehen als mangelnde Solidarität mit den Opfern. Auf dem möglichen Weg in die Europäische Union möchte in Kiew niemand in Streit mit Deutschland geraten.
Dabei haben es die ehemaligen ukrainischen Zwangsarbeiter besonders schwer, ihren unfreiwilligen Aufenthalt in Deutschland zu beweisen. Zusätzlicher Druck von seiten ihrer Regierung käme ihnen sehr zu Paß und würde Verfahrensfragen unter Umständen erheblich verkürzen. Zu den Schwierigkeiten, die akzeptierten Nachweise zu organisieren, kommen für die Betroffenen nämlich meistens noch Probleme mit den Dokumenten selber. Oftmals findet sich in den Arbeitskarten und Versicherungsscheinen der Opfer die Nationalitätsangabe "russisch", da damals häufig alles, was irgendwie mit der Sowjetunion verbunden war, einfach nur als "Rußland" bezeichnet wurde.
Doch in Kiew und auch in L´viv schenkt man diesem Problem wenig Beachtung. Die Lemberger Stadtverwaltung wagt sich gar nicht zu beziffern, wie viele der ehemaligen Zwangsarbeiter noch in ihrem Einzugsbereich leben. Nur vermuten möchten man, daß wohl noch viele am Leben sind. Dies erscheint plausibel, immerhin leben von insgesamt etwa zweieinhalb Millionen betroffenen UkrainerInnen heute noch etwa 600.000.
Diese könnten das wenige Geld in der Regel sehr gut gebrauchen. In Städten wie L´viv liegt die offizielle Arbeitslosigkeit bei vierzig Prozent und die Zahl derjenigen, die de facto ohne Arbeit und Verdienst sind, wird auf etwa sechzig Prozent geschätzt. Hinzu kommt eine zunehmende Altersarmut. Ein Rentner erhält umgerechnet rund 50 Mark im Monat. Oftmals wird aber selbst diese Unterstützung monatelang nicht gezahlt.
Dabei ist die Region um L´viv von dem Niedergang der Schwerindustrie besonders betroffen. Die strukturelle Stärke der ukrainischen Wirtschaft hat sich mit dem Ende der Sowjetunion in ihre Schwäche verwandelt: 40 Prozent der Rüstungsproduktion der UdSSR fanden hier statt, davon ein erheblicher Teil in der Umgebung von L´viv. Der Teil der Industrie, der heute noch produziert, ist größtenteils privatisiert und hat sich neue Absatzmärkte gesucht. Erst kürzlich konkurrierten ukrainische Unternehmen bei der Lieferung von 1.000 Panzern an die Türkei mit Deutschland.
Wer in den noch funktionierenden Fabriken arbeitet, kann sich glücklich schätzen, wenn überhaupt noch Gelder ausgezahlt werden. Einfache ArbeiterInnen werden von den Betrieben - wenn es sich denn nicht um Waffenschmieden handelt - nämlich oftmals nur mit den von ihnen hergestellten Produkten bezahlt. Dennoch bietet der Verkauf dieser Waren im grenzübergreifenden Handel in Südostpolen vielen reale Verdienstmöglichkeiten. Völlig abgesichert ist diese Verdienstquelle jedoch keineswegs. Als im Herbst 1998 hohe Zölle auf polnische Importwaren verhängt wurden, brach ein Teil der schon recht professionell agierenden Handelsketten zusammen. Bedrohlich wirken solche Szenarien, wie sie sich für L´viv möglicherweise aus der EU-Osterweiterung ergeben, allemal. Die Grenze zu Polen könnte wie zu sowjetischen Zeiten geschlossen werden, der jetzt noch visafreie Verkehr wäre nicht länger möglich.
Noch schwieriger stellt sich die Situation für Angestellte des öffentlichen Dienstes dar. Bei oft mehrmonatigen Zahlungsrückständen helfen oft nur Verbindungen aufs Land oder finanzielle Zuwendungen von Verwandten und Bekannten, die in den Westen geflohen sind. Arbeitslosen bleibt oft nur noch die Stadtflucht, um sich auf dem Land durch Subsistenzwirtschaft über Wasser zu halten.
Dabei ist die allgemeine Versorgungslage auf dem Land oftmals noch viel schlechter als in der Stadt. Wo es in Städten wie L´viv wenigstens sechs Stunden pro Tag zu festgelegten Zeiten fließend Wasser gibt, sind viele Höfe im Umkreis der Stadt auf Brunnen angewiesen. Zudem ist das Transportwesen in einem katastrophalen Zustand. Vielfach sind die Eisenbahnschienen nach Unwettern unterspült. Züge müssen umgeleitet werden oder entgleisen. Selbst ein Schnellzug fährt im Durchschnitt nicht schneller als 50 Kilometer in der Stunde. Seit zehn Jahren ist kaum mehr in das Schienennetz investiert worden. Und dennoch können diejenigen, die einen Zugplatz ergattern von Glück reden: An den Provinzbahnhöfen warten Reisende oft zwei Tage ehe sie einen Platz bekommen. Wer es sich leisten kann, fährt mit dem Auto. Doch auch hier ist die Versorgungslage dramatisch. Nur noch jede dritte Tankstelle im Land führt Benzin. Öllieferungen aus Rußland werden oft zurückgehalten. Somit befindet sich die Ukraine auch in Energieabhängigkeit des vormaligen Bruders im Osten.
Ein Weg aus der Krise sieht auch Jurko nicht: "Von einem Gehalt eines Lehrers oder eines wissenschaftlichen Angestellten kannst du heutezutage in der Ukraine nicht mehr leben, wenn denn das Einkommen am Monatsende überhaupt bei den Empfängern ankommt. Und das findet zu Zeit immer seltener statt. Also kümmern wir uns um Valuta und machen den Westmenschen schöne Augen. Und wenn die etwas gut finden, dann sagen wir 'ja' und 'gewiß doch', damit sie irgendein Projekt finanzieren. Wenn z.B. ein Abgesandter aus Brüssel kommt und erklärt, ökologische und feministische Projekte hätten allergrößte Priorität, dann sind wir alle Ökologen und Feministen. Voilà, es geht zu wie in alten Zeiten."
Man könnte dieses Verhalten wohl Opportunismus nennen, oder aber aus alltäglicher Not geborene praktische Intelligenz.
