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Das gute E-Journal für die Grenzen der Belastbarkeit
Ausgabe 5.0 - 01.08.2000
   

Ein deutscher Krieg

Über die Befreiung der Deutschen von Auschwitz im Krieg gegen Jugoslawien und davor


War die westdeutsche Gesellschaft der 50er und 60er Jahre in Bezug auf die nationalsozialistische Vergangenheit noch, wie Theodor W. Adorno bemerkte, durch die Atmosphäre des "kalten und leeren Vergessens" geprägt, kann seit Mitte der neunziger Jahre nicht mehr von einem kalten Vergessen gesprochen werden. Vielmehr herrscht seither ein "ohrenbetäubende(s) Geschwätz" (Kunstreich). Während die Verlierer von 1945 sicherheitshalber schwiegen, kommen die Gewinner von 1989 inzwischen ins Erzählen. Dabei hat diese Geschwätzigkeit jedoch mitnichten die "gründliche Zivilisierung Deutschlands" (Antje Vollmer) zum Ziel. Vielmehr ist sie Teil einer Normalisierungsstrategie, die Deutschland nach den Debatten um das Holocaust-Mahnmal, die Wehrmachtsausstellung, Goldhagen und die Walser-Rede kriegsfähig gemacht hat.

Forum 3. Weltkrieg - Teil 7: Re: Vergoldetes Zeitalter

Ich erwarte schon seit einiger Zeit die Emergenz einer neuen strukturellen Ebene, welche aus dem Zusammenwirken von Entitäten der zugrundeliegenden Ebene erwächst und in einem Prozeß der hyperzyklischen Kopplung dieses Zusammenwirken der Entitäten der zugrundeliegenden Ebene optimiert.

Das erwarte ich auch, aber ich denke, wir reden in unterschiedlichen Zeiträumen. Der Ebenenwechsel hat m.E. nicht mit dem allerwarteten "Goldenen Zeitalter" zutun. Letzteres bezieht sich meiner Meinung nach auf die dem Menschen in seiner empirischen Dimension und Dichte vorhandene, materielle Umgebung (also haben mehr Wohlstand, sind seltener krank etc.).

[Links zum Krieg 1]

Mit dieser Analyse hebt sich Tjark Kunstreich in seinem Essay "Ein deutscher Krieg" angenehm von anderen Analysen zum letzten Krieg ab. Der konsequente Blick auf die (deutsche) Software des Krieges verhindert glücklicherweise einen abstrus-ökonomistischen Erklärungsversuch des Kosovo-Krieges, der noch im letzten Wolkenkuckucksheim einen Tropfen Erdöl zu entdecken meint.

"Schon die Rechtfertigung des Krieges, er wäre geführt worden, um einen Völkermord zu verhindern oder zu beenden" so Kunstreich, "ist ein erster Hinweis auf Deutschland: Nur in einen moralischen Krieg konnte es Deutschland gelingen, militärisch wieder auf den Plan zu treten." Dabei haben sich die rot-grünen Moral-Apostel selbst übertroffen: Auschwitz wird nicht mehr - wie vormals in der Totalitarismustheorie - auf ein quantitatives Kontinuum mit anderem vermeintlichem Unrecht gebracht. Vielmehr ist dieses Kontinuum nun selbst Auschwitz. Die nationalsozialistische Barbarei findet sich also in Form von "Völkermord" und "Massengräbern" mittlerweile überall.

Der 3. Weltkrieg - Passage 2

Und an einen Weltuntergang glaube ich schon gar nicht. Es wird möglicherweise "nur" zum Dritten Weltkrieg in den nächsten 15 Jahren kommen, mit besonderer Betonung auf das Wort "möglicherweise", denn vielleicht sind auch alle Prophezeiungen nur erstunken und erlogen. Ausschließen kann man dies ja nicht. Aber ich habe ein verdammt unsicheres Gefühl, wenn ich die Nachrichten einschalte.

[Der 3. Weltkrieg - Passage 3]

So plausibel Kunstreich dies für die deutschen Diskurse der letzten Jahre nachweisen kann, desto weniger gelingt es ihm, zwischen unterschiedlichen deutschen Normalisierungsstrategien zu differenzieren. So unterscheidet sich ein Martin Walser mit seiner Forderung nach dem "Wegschauen" von der Geschwätzigkeit und den schon beinahe therapieförmigen Auseinandersetzungen mit der deutschen Vergangenheit durch Rot-Grün erheblich. Daher wäre die Frage zu stellen, ob nicht Rot-Grün eine zweite "geistig-moralische Wende" vollzogen hat, die die deutsche Kriegsfähigkeit erst bedingt hat.

Tjark Kunstreich (1999) Ein deutscher Krieg. Über die Befreiung der Deutschen von Auschwitz. Freiburg: Ça ira-Verlag. ca. 90 S., ca. 12,- DM



 
   
   
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