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Ausgabe 13.0 - 01.12.2006
   

Marx vs. Nazi

Gerhard Hanlosers Studie zu Krise und Antisemitismus


Alle avancierten Antisemitismustheorien behaupten einen Zusammenhang zwischen Krise und Antisemitismus, ohne diesen je theoretisch auszuarbeiten. Marxsche Fetisch- und Krisentheorie zur "Analyse der ideologischen Verarbeitung und Wahrnehmung der Rolle des Geldes in der Krise" zusammenzuführen, ist daher ein richtiger Ansatz; doch die vorliegende Fassung bleibt ungenügend.

Zunächst rekonstruiert Hanloser Marx' Geld- und Krisentheorie, wobei er en passant ein neues Argument für den Bruch zwischen Früh- und Spätschriften liefert: "Marx selbst ist von einer oberflächlichen Ablehnung des Geldes in einem theoretischen Lernprozeß zu einer fundamentalen Kritik gelangt." Bereits die Kritik an Proudhons Utopie geldlosen Tauschs sei als "Vorahnung" des Zusammenhangs zwischen Fetischismus und antisemitischer Ideologie, als "Exorzismus, das Übel aus dem kapitalistischen Körper, an dessen Gesundheit man bislang geglaubt hat, auszutreiben" zu lesen.

Der Verfasser konstatiert "Grenzen der marxistischen Krisentheorie" - die unterlassene Einarbeitung von Geld- und Kapitalfetisch in die Krisenkonzeption und das "Hoffen auf einen revolutionären Automatismus in der Krise" - kommt aber über Allgemeinplätze nicht hinaus. Vielmehr teilt er selbst - ideologietheoretisch erweitert - die beanstandete "orthodoxe Krisentheorie". Fragwürdig ist seine Behauptung, Marx' Ausführungen zur Krise würden "in dem Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate münden", denn im dritten Band des Kapital werden Überlegungen dazu noch vor der Darstellung des Kredits angestellt, der das Konstituens kapitalistischer Krise ist. Absurd ist der Zusatz, der tendenzielle Profitratenfall habe "seinen Grund im Wertgesetz selbst". Hier wird in traditioneller Manier das äußerst fragwürdige Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate mit der Existenz der Kritik der politischen Ökonomie selbst gekoppelt. Marx selbst aber macht einige diesem 'Gesetz' "entgegenwirkende Ursachen" (vgl. MEW 25, S. 242ff.) aus. Davon abgesehen liegen seiner Argumentation einige zweifelhafte Annahmen zu Grunde: die Wertzusammensetzung des Kapital steige schneller als die Mehrwertrate, die Steigerung der Wertzusammensetzung würde die durch Produktivkraftwachstum erhöhte Mehrwertrate aufwiegen und die Verbilligung der Produktionsmittel kompensiere nicht ihre Vermehrung. Michael Heinrich hat gezeigt, dass der Nachweis dieser Behauptungen wenn überhaupt nur durch eine konkrete historische Untersuchung möglich ist, sich also keineswegs begrifflich ergibt und daher das Gesetz des tendenziellen Profitratenfalls mitnichten als ein conditio sine qua non der Kritik der politischen Ökonomie angesehen werden kann (vgl. Michael Heinrich: "Die Wissenschaft vom Wert. Die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie zwischen wissenschaftlicher Revolution und klassischer Tradition", Münster 1999, S. 327ff.). Außerdem ist in dieser Perspektive der Nachweis eines tendenziellen Profitratenfalls allein durch das Herausstellen der kapitalistischen Entwicklung der Produktivkräfte nicht möglich. Genau dies behauptet Hanloser aber: "Als System, das aufgrund des Wertgesetzes immer lebendige Arbeit im Produktionsprozess vernutzen muss, um Mehrwert zu schaffen, auf der anderen Seite aufgrund der allgemeinen Konkurrenz gezwungen ist, die organische Zusammensetzung beständig zu erhöhen, also lebendige Arbeit durch Maschinen zu ersetzen, ist der Kapitalismus ein soziales Verhältnis, das eigentlich nicht funktionieren kann, es aber trotzdem tut."

Da die konkreten Artikulationen antisemitischer Ideologie nur historisch untersucht, nicht kapitallogisch deduziert werden könnten, folgt der Rekonstruktion Marxscher Theorie ein dreigliedriger empirischer Teil. Klassische Analysen vernachlässigten oft den subjektiven Faktor, daher will der Autor sich hier von einem 'Regulationsmodell' leiten lassen. Neben dem irrigen Vorwurf, der Begriff 'Akkumulationsmodell' würde dazu einladen, "das Kapitalverhältnis zu etwas Statischem und Starrem zu verdinglichen", ergeht hier ein viel zu pauschales Lob an die Regulationstheorie.

Jedenfalls soll das Regulationsmodell "subjektiv-politische Strategien zur Kriseneindämmung" artikulieren, und im Gründerkrach 1873, dem ersten Beispiel, für Personalisierung der Krise verantwortlich zeichnen. Doch die "sozialreformerische Komponente des Antisemitismus", d.h. die Vorstellung eines krisenfreien Kapitalismus, der Klassengegensätze im Zaum hält, sei durch den Bismarckschen Sozialstaat weitaus geschichtsmächtiger geworden, als eliminatorische Elemente antisemitischer Ideologie.

Diese kämen erst nach der Weltwirtschaftskrise, dem zweitem Beispiel, zur Geltung. Zu Recht wird hier festgehalten, dass sich die Ineinssetzung von ökonomischem Zusammenbruch und proletarischer Revolution an den gesellschaftlichen Folgen der Krise von 1929 "blamierte". Kritisiert werden auch weitergehende Ansätze wie die von Horkheimer oder Postone, an dessen fragwürdiger Abstrakt-Konkret-Dichotomie der Verfasser indes festhält. So verwundert kaum, dass in der Analyse der NS-Wirtschaftspolitik die eine oder andere Sohn-Rethelei unterläuft: erst im (deutschen) Fordismus habe "die 'abstrakte Arbeit' sich selbst zu ihrem Begriff" entfaltet. Doch nicht nur der Rückfall in entfremdungstheoretischen Konkretismus wo Marxsche Formtheorie am Platze wäre, sondern auch einiger staatstheoretischer Unsinn zeichnet diesen Teil des Buches aus. Das System des "deutschen Keynesianismus" bleibt ökonomietheoretisch an der Oberfläche, daher kommt auch der Gedanke, die 'Endlösungs'-Politik stelle "eine Kompensation der krisenhaft verlaufenden 'neuen Ordnung' des NS" dar, nicht über eine Behauptung hinaus.

Die Behandlung des dritten Beispiels beginnt mit der steilen Aussage, Gründerkrach, Weltwirtschaftskrise und Gegenwart ähnelten sich, "weil sie den Gedanken an die immerwährende Prosperität und den baldigen Verlust dieser Gewissheit hervorgebracht haben". Dieser Teil des Buches ist nicht der "spekulativste", sondern schlichtweg unbestimmt.

Manchmal ist weniger mehr. Hanloser hätte sich mit einer historischen Untersuchung begnügen sollen. Die abschließend präsentierte These, dass "der Antisemitismus ein Phänomen war, das zur Moderne gehörte und nun sich abgenutzt habe", ist wenig plausibel. Wer sich mit Kippa in einem Pariser Vorortzug setzt oder in Jerusalem zufällig in den falschen Bus steigt, wird sich vom durchschlagenden Gegenteil überzeugen können.

Hanloser, Gerhard, Krise und Antisemitismus. Eine Geschichte in drei Stationen von der Gründerzeit über die Weltwirtschaftskrise bis heute, Unrast, Münster 2003 (136 S., br., 13 Euro)



 
   
   
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