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Kriegsbegleitende Instant-Geschichtsschreibung
Pierre Bourdieus Skizze einer internationalen und interdisziplinären Balkan-Arbeitsgruppe zur koordinierten Kritik einer de(sin)formierten europäischen Öffentlichkeit
Es war einmal vor langer Zeit, da fand im Kosovo ein nie erklärter Krieg statt. Über viele, viele Wochen hagelte es recht sinn- und offensichtlich auch ziellos Bomben in der Region. Was dort wirklich geschah, warum eigentlich und durch wen oder was, darüber war den offiziellen Militärlautsprechern nicht sonderlich viel zu entnehmen. Nicht nur wider besseres, sondern vor allem auch mangels Wissen und der ernsthaften Suche nach diesem, delektierte sich die unheilige Allianz aus Medien und Zuschauern täglich neu am Immergleichen. Kontextlos und scheinbar gottgegeben wie die vom Himmel gefallenen Bomben flossen so pitoreske Feuersbrünste, sich mühsam dahinschleppende Flüchtlingstrecks, müde vegetierende Lagerbevölkerungen und traurig tränende Kulleraugen über die Mattscheibe.
Doch auch diese Bilder waren mit der Zeit verschlissen. Verdrängt von der strukturell identischen Berichterstattung über die erdbebengeschüttelte Türkei schaffen es die banalen Bilder des alltäglich gewordenen Elends im Kosovo trotz all` ihrer human-interest-Tristesse bestenfalls noch auf Platz 6 der Kurznachrichten. Dort, irgendwo zwischen Sport und Wetter, werden sie mit gleichgültig heruntergeleierten Agenturmeldungen unterlegt, während dem Hals der AnsagerInnen ein empört-kritisches Tremolo entfleucht, wenn sie falsche Schiedsrichterentscheidungen und voraussichtliches Regenwetter zu unterbreiten haben.
Den Entschluß, den Versuch zu unternehmen genau dieses Vergessen zu verhindern, hat vor einiger Zeit eine illustre Runde von mehreren Dutzend PolitikerInnen und Intellektuellen aus nahezu allen Ländern Europas gefaßt. Am 15. Mai 1999, die Materialschlacht gegen das Böse ging gerade in die x-te Woche, versammelten sie sich in Paris und verabschiedeten den Aufruf >Für einen dauerhaften und gerechten Frieden auf dem Balkan<. In ihm forderten sie die sofortige Einstellung der Bombardements und die Wiederaufnahme von neuen Verhandlungen, nachdem von Rambouillet mutwillig in eine Sackgasse geführt worden seien.
Aus heutiger Sicht entscheidender an diesem Treffen scheint jedoch der seinerzeit fixierte Plan, sich langfristig auf europäischer Ebene zu organisieren, um sich in der Logik einer Kritik des sozial-neoliberalen Europa und seiner Kriegspolitik (sowie jener der Nato) bis in die Parlamente hinein eine Stimme zu verschaffen. Zu den UntersützerInnen und Teilnehmern des Projekts gehören Noam Chomsky, Ignacio Ramonet, Ken Loach, Edward Said, Frigga und Wolfgang Fritz Haug, Daniel Bensaid, Pierre Vidal-Naquet und viele andere. Als Leitfaden der Gruppe dient ein Bündel von Vorschlägen, das der ebenfalls beteiligte französische Soziologe Pierre Bourdieu an jenem Tag in einem einleitenden Vortrag machte, und den wir hier nachfolgend in Auszügen wiedergeben. Sie verlieren als durchaus auf andere Beispiele übertragbares Gesamtkonzept durch das (vorläufige) Kriegsende nicht an Kohärenz, selbst wenn dies auf Bourdieus abschließenden, anti-amerikanisch geprägten Ausblick auf ein federales und soziales Europa nicht unbedingt zutrifft.
Bourdieus Vortrag vom 15. Mai 1999:
"Man sollte nicht dem Beispiel der in Frankreich wie immer die vordersten Linien besetzenden Essayisten folgen und jenen narzißtischen Exhibitionismus vermeiden, der jeden dazu treibt (in den Medien) seine kleine Meinung (...) anzubieten, um grosso modo nur pfiffig herumzuschwatzen. Also lautet meine erste Aufforderung, kollektiv zu arbeiten. Das ist ein sehr schwieriges Problem und ich denke, daß jeder von uns gespalten ist, jeder hat widersprüchliche Gedanken, jeder von uns würde es zuweilen vorziehen, das Schweigen zu bewahren. Doch das Kollektiv ist in zweifacher Weise wichtig. Um trotz allem den Mut zu finden, etwas zu sagen und um zu versuchen, durch die Kompetenz der einen und der anderen kontrollierte Dinge zu sagen.
Wie könnte das Programm dieser Arbeitsgruppe aussehen? Es gibt eine gewisse Anzahl einfacher Ziele:
· Eine Untersuchungs- und Informationsarbeit. Die Journalisten fangen an zu erkennen, daß sie keinen Zugang zu den Realitäten haben. Aber sie fahren fort zu sprechen. Also handelt es sich darum, eine sofortige Geschichtsarbeit zu machen - in der Art einer freien und kritischen AFP (Agence France Presse, französische Presseagentur) an die jeder seine Informationen sendet.
· Ein Medienobservatorium, das sich prinzipiell dem widmet, was sich über den Kosovo sagen läßt und was nicht, das eine Sprachkritik macht.
· Eine kritische und interdisziplinäre Analysearbeit von Ökonomen, Historikern, Juristen, etc. Wir haben alle die Intuition, daß es eine Verbindung gibt zwischen der Bewegung hin auf den generalisierten Neoliberalismus und diesen lokalen Kriegen, zwischen der kapitalistischen Konzentration und der nationalistischen Zerbröckelung. Durch Arbeiten können wird diese Verbindungen begründen, z.B. die Verbindung zwischen dem IWF (Internationaler Währungsfond) und dem Zerfall Jugoslawiens oder anderen Auflösungen (...).
· Eine Arbeitsgruppe zur Geschichte des Balkans und den Verantwortlichen der europäischen Nationen. Hätten wir die vor zehn Jahren gehabt, in dem Moment als die demokratischen Serben revoltierten, wäre wahrscheinlich eine gewisse Anzahl von Dingen nicht geschehen, die wir heute beklagen. Es ist niemals zu spät eine solche Arbeit über die Genese der Nationalismen oder Rassismen zu beginnen, denn um nichts anderes handelt es sich hier (...).
· Eine ethisch-jursitische Forschung über das Universalrecht oder - so könnte man sagen - über die Unterordnung der Polizei unter die Justiz. Können wir fortfahren, die USA als Weltpolizisten zu akzeptieren? Wie die Einmischung definieren, oder die Grenzen der Einmischung? Wie in rationaler Weise über die Souveränität diskutieren? Es bräuchte einen juristischen Gehalt für unsere ethischen Seelenzustände und man müßte dieser Idee eines Universalrechts seriöse historische und juristische Fundamente geben (...).
Wir könnten wie eine Art think tank arbeiten, ein Wort, das im Allgemeinen nachteilig verwendet wird, um diese intellektuellen Unternehmen im Dienst der Mächtigen zu bezeichnen, aber warum dies nicht im Dienst der Opfer machen?
Europa und der Krieg im Kosovo: unter den versteckten Sinnen des Krieges im Kosovo befindet sich der Tod des - falls es jemals existiert hat - sozialen Europa in einem Moment, in dem die Sozialdemokraten und ihre grünen Freunde an der Macht sind, die Beerdigung des sozialen Europa zugunsten des militärischen Europa. Und was sich abzeichnet ist, daß man sich vom militärischen Standpunkt aus von den USA befreien muß, während aber niemand sagt, daß man sich von den USA vom ökonomisch-politischen Standpunkt aus befreien muß und von der wilden neoliberalen Politik, die den Ausgangspunkt der Probleme bilden könnte, die man nun mit Bombenangriffen löst. Das Problem eines sozialen Europa aufzuwerfen ist nicht folgenlos, denn wenn man eine Balkan-Föderation vorschlagen würde, dann hätte sie einen offensichtlich unterschiedlichen Sinn, wenn sie das Element einer sozialen europäischen Föderation wäre. Dies ist klar und deutlich utopisch, aber wir können auf ein gemeinsames historisches Ideal verweisen (...)."
Übersetzung: Gunnar Ulbrich
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