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Ausgabe 2.0 - 15.10.1999
   

Rache an Napoleon

Was nationalistische Befreiungsbewegungen mit ökologischem Tourismus zu tun haben


Korsika ist nicht unbedingt ein Symbol blindwütigen Fortschritts. Mit der Napoleon Bonaparte, benannt nach dem wohl berühmtesten Inselabkömmling, verfügt die französische Fährgesellschaft zwar seit einem Jahr über eine der größten und modernsten Autofähren der Welt - viel Glas und kitschiger Schöner-Wohnen-Luxus bestimmen das flanellene Feel-Good-Ambiente -, doch schon die Fahrt entlang der Küste bis in den Hafen von Calvi zeigt ein eher rückwärts gewandtes Bild der Insel. Der Baubestand verharrt in vielen Gegenden auf dem Niveau der siebziger Jahre - je nach Lage des 18., 19. oder 20. Jahrhunderts. Daß die korsischen Hänge trotz des touristischen Mittelmeerbooms weiterhin unberührt sind, verdanken sie seit den siebziger Jahren dieses Jahrhunderts vor allem der Nationalen Korsischen Befreiungsfront (Front de Libération nationale de la Corse - FLNC). "Die Freiheit oder der Tod" lautet deren Slogan, und bezieht sich ursprünglich auf das Streben nach Anerkennung der KorsInnen als Volk und der Unabhängigkeit von Frankreich. Davon sind die FLNC samt aller anderen nationalistischen Gruppierungen jedweder Coleur zwar weiter entfernt denn je, zumal sie im Sommer 1999 nahezu einheitlich verkündeten, künftig den Weg an Runde Tische zu suchen. Doch möglicherweise gebührt ihnen immerhin der Ruf, eine der erfolgreichsten Umweltschutzbewegungen aller Zeiten zu sein.

Denn jedesmal, wenn ein Bauherr vom Festland anfing die Mauern seines neuen Domizils in die Höhe zu ziehen, sprengten die Inselnationalisten schon den Rohbau in die Luft. Im Jahr 1974 brachten sie es auf noch bescheidene 111 Anschläge, 1980 waren es schon 463. Immer traf es auch Symbole und Institutionen der französischen Zentralgewalt. Doch vor allem zerbarsten jene ans Meer betonierten, architektonischen Offenbarungseide. Menschen wurden hingegen lange Zeit verschont. Jede Bombe wurde telefonisch angekündigt. Dennoch entwickelte sich ein Ambiente, das dem Beiruts offensichtlich kaum nachstand. Irgendwann verloren dann die Investoren den Geschmack an diesem unerbaulichen Spiel.

Selbst wenn sich die FLNC mittlerweile - wie jede regional-nationalistische Bewegung - mit dem einen oder anderen Gründungsmythos aus den vorvergangenen Jahrhunderten versorgt hat, so begann ihr eigentlicher Kampf erst in den 70er Jahren. Damals fingen aus dem Algerien-Krieg heimkehrende Franzosen an, die sogenannten pieds noirs, mit tatkräftiger Unterstützung der Pariser Zentrale größere Landstriche Korsikas aufzukaufen. Das daraus resultierende Gefühl der Kolonialisierung entlud sich in der Folgezeit gegen die chronisch korrupte Lokalpräfektur. Die orientierte ihren recht eigenwilligen Regierungsstil dem Vorbild des seit langem auf Korsika installierten Systems der Clanwirtschaft. Die Machthaber in Paris unterstützten dieses System, indem sie um des lieben Friedens in der Peripherie willen - der Insel mancherlei Unterstützung angedeihen ließen. So schufen sie eine überdimensionierte Zahl von Funktionärsposten, die dann von den Clans an ihre Mitglieder verteilt wurden. Die monatliche Überweisung vom Staat sollte der Unabhängigkeitsbewegung die Luft nehmen.

Schon damals beherrschte es die korsische Bevölkerung virtuos staatliche Quellen anzuzapfen. Schon Ende der siebziger Jahre bestand fast die Hälfte der korsischen Bevölkerung aus Invaliden. Auch in die EU-Förderprogramme arbeiteten sich die Insulaner sehr bald ein. Alles begann 1974 mit der Milchkuh-Prämie zum Abbau des sich türmenden "Butterberges", gefolgt von zahllosen weiteren Subventionen und Hilfen in den 80er Jahren. Schon 40 Kühe brachten 40.000 Francs Prämie. In dieser Zeit verdreifachte sich der korsische Kuhbestand auf 80.000 Stück. Der bürokratische Parcours zur Erlangung der Finanzspritzen war zwar kompliziert, doch wohlmeinende Lokaladministrationen leisteten wertvolle Unterstützung. Überprüfungen fanden nicht statt. Und wenn doch, so teilten sich einzelne Dörfer schon frühzeitig ein oder zwei Kuhherden, um sie je nach Bedarf über die verschiedenen Wiesen und Höfe zu treiben. Irgendwann wurde dann klar, daß auf der Insel nur ein Zehntel der offiziell geförderten Kuhbestände weideten.

Die existierenden, ausgemergelt-mickrigen Kühe, die sich mit der Grazie invalider Laufstegköniginnen über die korsischen Nationalstraßen schleppen, liefern kaum Fleisch oder Milch. Damit sie überhaupt noch was zu fressen haben, um die Wanderung von Weide zu Weide zu überstehen, brennen regelmäßig die Wälder. Nicht nur im brasilianischen Urwald werden so frische Wiesen produziert. Früher machte man das im Winter, ohne Wind und Dürre, so daß die Feuer kontrollierbar waren, heute nicht mehr. 1992 erstellte ein ehemaliger korsischer Feuerwehrvorsteher eine Karte der Waldbrände zwischen 1986 und 1991. Das Ergebnis war: Anhand der drei Faktoren Feuerfrequenz, Verlegung von Herden und windreichen Tagen ließen sich die Brände des Jahres 1992 mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 Prozent vorhersagen. Somit war erstmals erwiesen, daß nicht reinliche Touristen die Feuer legten, indem sie in den Wäldern ihr gebrauchtes Toilettenpapier verbrannten, sondern Einheimische. Was lange Zeit niemand so recht glauben wollte - Korsen fakelten Korsika ab. Auch im Sommer 1999 kam es innerhalb weniger Wochen wieder zu etlichen Bränden.

Doch gefaßt wird kaum jemand. Zwar gibt es auf Korsika heute noch Familienfehden, die - so sich überhaupt jemand an ihren Ursprung erinnert - auf einen gestohlenen Hahn aus dem Jahr 1859 zurückgehen. Aber stärker noch als die Vendetta herrscht das Gesetz des Schweigens. Für nichts verpfeifen Korsen Korsen an Nicht-Korsen. Alle Probleme werden als innere Inselangelegenheit betrachtet, die alle anderen einen ziemlich feuchten Dreck angehen. Glaubt man den Büchern, so hatte Korsika mit seinen Klippen und Stränden das Prinzip der Nicht-Einmischung schon zum obersten Daseinsprinzip erhoben, als anderswo noch nicht mal die Grenze erfunden war. Doch nicht nur das Fortbestehen von Vendetta und Omerta zeigt, daß die Uhren auf der Insel etwas anders gehen als anderswo. "Im-Stehen-pinkeln-verboten"- Schilder haben es in der Postmoderne bekanntlich bis auf das Klo jedes westfälischen Bauernhofs geschafft. Zwar gibt es auch auf korsischen Aborten Hinweise für das richtige Urinieren, doch sie verbieten nichts, sondern fordern lediglich dazu auf gut zu zielen...

Nun könnte man meinen, auf eine solche Insel ließe sich leicht verzichten. Um so mehr, als sie Frankreich mehr Geld kostet als die Touristen wieder reinbringen. Auf der Insel gibt es lediglich eine Fabrik mit mehr als hundert ArbeiterInnen, dafür aber 13000 Unternehmen mit nur einem Angestellten. Die landwirtschaftliche Nutzung der auf über 2700 Meter aus dem Meer ragenden Berge ist begrenzt, die Holzbestände haben vor allem der Schiffbau und später die Feuer extrem dezimiert, und der Dienstleistungsbereich ist nicht dem anderer touristischer Orte vergleichbar, da es keine Hotelburgen gibt, sondern fast ausschließlich privat vermietete Datschen.

Die Kehrseite der gut erhaltenen Insellandschaft ist es, daß im Süden ein Großteil der französischen Polit-Elite über eine ansehnliche Sammlung von Ferienvillen verfügt. Diesem Clan wurde an den Großen Eliteschulen das inegrative Moment des Konzepts der republikanischen Grande Nation derart eingehämmert, daß für sie der freiwillige Verzicht auf einen ihrer Teile, und dann noch ihren bevorzugten Urlaubsort schlicht undenkbar ist. Der vorletzte Lokalpräfekt bezahlte seine harte Linie mit dem Leben, der letzte landete gar im Gefängnis - mit Option auf die Psychiatrie. Die Insel bleibt tendenziell unregierbar.

Napoleon zog aus, der französischen Elite das Fürchten zu lehren, Frankreich zu erobern und Europa unter seiner Führung zu einen. Heute treffen sich die französische Elite, Frankreich und Europa allsommerlich auf Korsika. Napoleon Bonaparte ist nichts mehr als der Name eines Verkehrsmittel.




 
   
   
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