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Ausgabe 4.0 - 01.05.2000
   

In memoriam Wirtschaftswunder 1945ff.

Eine Studie untersucht, was von Kombinaten und Werktätigen übrig blieb


Als vor gut zehn Jahren die Mauer fiel, da beschwor ein mittlerweile in Verruf geratener Berufspolitiker die berühmten "blühenden Landschaften". In memoriam Wirtschaftswunder 1945ff. dachte er damals sicher nicht nur an Raffinerien, sondern vor allem an einen flott florierenden Mittelstand. Der galt schließlich nicht nur der Politik, sondern genauso der Wissenschaft als unabdingbarer Schrittmacher eines reibungslosen Übergangs von der Plan- zur Marktwirtschaft. Dementsprechend eilig machte sich die Treuhandanstalt daran, die "Volkseigenen Betriebe" (VEB) erst zu zer-, und dann loszuschlagen. So verwandelten sich die neuen Bundesländer binnen kürzester Frist in eine industrielle Wüste, und ganze Belegschaften fanden sich traumatisiert auf dem Arbeitsamt wieder. Von den daraus resultierenden Befindlichkeiten der eingemeindeten Kundschaft Ost künden mittlerweile halbe Bibliotheken.

Doch wie geht es eigentlich denen, die bis heute in Lohn und Brot stehen, nicht mehr in "ihren" VEBs, sondern in kleinen und mittleren Privatbetrieben? Um das herauszufinden hat die Volkswagen-Stiftung eine Studie spendiert, die nun unter dem Titel "Vom Kombinat zum Kleinbetrieb. Die Entstehung einer mittelständischen Industrie. Ein deutsch-tschechischer Vergleich" erschienen ist. Basierend auf Gesprächen mit Unternehmern und ihren Untergebenen haben Herrmann Kotthoff und Ingrid Matthäi analysiert, unter welchen Bedingungen aus planwirtschaftlichen Großbetrieben erfolgreiche marktwirtschaftlich Kleinbetriebe werden konnten - oder woran sie scheiterten.

Die entscheidende Frage lautete, inwieweit es in den Betrieben gelungen ist, anstelle der DDR-typischen "zentral-bürokratischen" Sozialorganisation eine "produktivistisch-kooperative" Sozialform zu etablieren, wie sie aus den westlichen "Familienbetrieben" bekannt ist. Schon früh war klar, dass den ehemaligen Werktätigen immense Anpassungsleistungen abverlangt werden würde, um ihr real-sozialistisches Arbeitsverständnis abzulegen und in ihre neue Rolle als Humankapital zu schlüpfen. Die Studie zeigt jedoch, dass die Betroffenen, entgegen dem sehr verbreiteten Klischee einer weiterhin verharrenden Einheitsarbeitskultur Ost, sehr flexibel auf die Veränderungen reagierten.

Keineswegs, so Kotthoff und Matthäi, seien alle Werktätigen "Gefangene ihres "sozialistischen" Habitus" und ihrer ""veralteten" Verhaltensweisen" geblieben. Vielmehr sei vielen der Übergang vom sicherheitsgewohnten Werktätigen zum engagierten Arbeitnehmer gelungen, der zufrieden seine Haut zu Markte trägt. Dies sei vor allem dann geschehen, wenn die regideren Arbeitsbedingungen nicht als erzwungenes Opfer, sondern als sinnvolle Investition in die Zukunft gedeutet wurden. Wenn sich das Gefühl eines gerechten Verhältnisses von Geben und Nehmen etablieren konnte, dann waren es nicht die neuen Zwänge und Existenzängste, sondern die Herausforderungen und Freiheiten der neuen Arbeitswelt, die das Bewußtsein prägten.

Dennoch legen sich laut Kotthoff und Matthäi selbst in den funktionierenden Betrieben soziale Unsicherheiten weiterhin als "Graufilter" über das kollektive Gemüt und verhinderten nahezu jegliche Form kollektiver Interessenorganisation. Im Zweifel stehe gerade auch bei den Betriebsräten - sofern vorhanden - immer die Rettung des Betriebes im Vordergrund, wofür sie nahezu jeden "Kompromiß" zu schließen bereit seien. Man hatte es fast geahnt: "Die Befragten sind keine klassenbewußten Arbeitnehmer."

Waren die ehemaligen Werktätigen somit grundsätzlich in der Lage, sich zuweilen ganz prächtig den marktwirtschaftlichen Gegebenheiten und Zwängen anzupassen, so liegt der Studie folgend der Schlüssel für Erfolg oder Mißerfolg letztlich bei den Existenzgründern. Die rekrutierten sich keineswegs, wie im Westen üblich, aus dem Milieu jüngerer Facharbeiter, sondern sowohl aus dem Reservoir altgedienter Westmanager auf der Suche nach einer letzten Herausforderung, als auch aus der ehemaligen Elite ostdeutscher Wirtschaftskader, die ihre soziale Position retten wollten. Von diesem illusteren Senioren-Kreis hing demnach ganz maßgeblich die Entstehung einer motivierten Belegschaft ab.

Dabei jedoch handelt es sich um eine komplizierte Angelegenheit. Denn nur die Chefs, die es schafften, sich als engagierte Mitglieder einer Produktions- und Interessengemeinschaft zu präsentieren, und die in gleicher Weise die ökonomische "Arbeit am Markt" und die integrative "Arbeit am Menschen" bewältigten, hätten der Studie zufolge ihre Mitarbeiter statt zu "vor Ehrfurcht erstarrten Lehrlingen" zu produktiven, "selbstbewußten Autodidakten" mit festem Glauben an die Leistungsgesellschaft machen können. Teilweise ist dies ganz ausnehmend gut gelungen, wie das Beispiel einer Vorarbeiterin beweist, die sich mehr als zufrieden damit zeigt, dass endlich mal "wirklich aussortiert" worden sei, nachdem man ja damals zu DDR-Zeiten jedes "Gesocks" habe übernehmen müssen.

Es mutet schon seltsam an, dass sich vor allem ehemalige Werktätige, die im Zuge eines Management Buy Out Betriebe nur deswegen übernommen haben, um ihren eigenen Arbeitsplatz zu retten, sich bis heute stärker dem Gemeinsinn und der Belegschaft verpflichtet fühlen als so mancher ihrer Mitarbeiter. Bitterer noch: Gerade diejenigen, die im Zuge des allgemeinen Personalabbaus keine "Olympia-Mannschaft" zusammenstellten, und statt nach Leistungs- nach sozialen Kriterien über Entlassungen entschieden haben, betreiben heute, wie Kotthoff und Matthäi konsterniert feststellen, kaum noch wettbewerbsfähige "Sozialstationen".

Unter ökonomischen Gesichtspunkten und für die Herausbildung der von ihnen als Leitbild angesehenen "produktivistisch-kooperativen" Sozialform westlichen Typs sei es somit um so besser gewesen, je klarer die Veränderungen "als unhintergehbarer Zusammenbruch, als crash, als harter Schnitt und bitteres Ende" erlebt worden seien. Denn nur in der "Leere über den Trümmern" habe sich die notwendige Offenheit für die neue Situation entwickeln können. Da dies jedoch nur in etwa einem Drittel der untersuchten Betriebe der Fall gewesen sei, funktionierten viele Ex-Kombinate noch immer wie "miniaturisierte Großbetriebe".

In voller Größe sind diese kombinatsähnlichen Konglomerate bis heute noch in Tschechien zu bewundern. Diesem Land widmet sich der zweite, wesentlich kürzere und weit weniger ergiebige Teil der Studie, der den dortigen Transformationsprozeß nach der Wende mit dem der neuen Bundesländern abgleicht. Der Vergleich lag nahe, waren die Ex-DDR und Tschechien doch die einzigen ehemaligen sozialistischen Bruderländer, die nach der Wende eine schlagartige Liberalisierung der Güter- und Kapitalmärkte sowie die umgehende Privatisierung des Eigentums an Produktionsmitteln durchführten.

Da jedoch in Tschechien der Staat und die alten Seilschaften mit Hilfe von Fonds die industriellen Hebel weiterhin in der Hand behielten, seien eben jene notwendigen Einschnitte ausgeblieben, die den Großbetrieben ihre Monopolstellungen hätten nehmen können. Als Ergebnis seien kleinere und mittlere Betriebe nur als Neugründungen entstanden, die sich in der tschechischen Marktwirtschaft "ohne Adjektive" häufig in Marktnischen ansiedeln mußten, weil ein verläßlicher institutioneller Ordnungsrahmen fehlte und der Zugang zu Förder- und Subventionsprogrammen unzureichend blieb. Bis heute müssen sich vieler dieser Unternehmen als Garagenbetriebe durchwurschteln.

Dennoch, oder gerade deswegen, fanden Kotthoff und Matthäi dort jene "Gemeinschaftlichkeit" und "optimistische, unverzagte Grundstimmung", die sie in den neuen Bundesländern häufig vergeblich suchten. Trocken resümieren sie: "Hier in Tschechien erlebt man eine Aufbruchsstimmung. In Ostdeutschland haben wir viel von Abbruch gehört." Die erstaunliche Diskrepanz erklären sie damit, dass in Ostdeutschland seit jeher der Vergleich mit dem Westen gesucht werde und nicht, wie in Tschechien, mit den anderen ehemaligen Bruderländern. Enttäuschung entsteht halt vor allem aus fälschlich geweckten Erwartungen, wie etwa denen von "blühenden Landschaften".

Hermann Kotthoff, Ingrid Matthäi: Vom Kombinat zum Kleinbetrieb. Die Entstehung einer mittelständischen Industrie. Ein deutsch-tschechischer Vergleich. Edition Sigma. Rainer Bohn Verlag Berlin. 1999. 310 Seiten. 36.00 DM.



 
   
   
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