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Falsche Patrioten belügen das Volk
Ausgabe 5.0 - 01.08.2000
   

Krieg in der Kiste

Big Brother oder: Die Front im Wohnzimmer


Wir schreiben das Jahr 2000, Fernsehzeit. Schon wieder auswählen, ich bin erschöpft. Heute Mittag musste ich mich schon zwischen Haloumi-Käse, Pizza, Börek und Curry-Wurst entscheiden. Jetzt muss ich wählen zwischen Seifenopern, Talkshows, Menschen, die in Containern gefangen sind und Nachrichten von irgendeinem Krieg. Diesmal fällt die Wahl leichter: der bewaffnete Konflikt scheint am attraktivsten. Da muss ich mir wenigstens keine fiktiven Vorstadtprobleme, hysterischen Frauen oder tiefsinnigen Dialoge anhören. Schließlich will ich entspannen.

Doch die Wahl entpuppt sich als langweilig. Wieder archaisch flimmernde schwarz-weiß Bilder von Smart-Bombs, die sich auf schlecht beleuchtete Brücken stürzen, ohne Toneffekte, und dazu immer unscharf. Und dann kann ich nicht mal die kaputte Brücke sehen - so smart können die ja nicht sein. Die Bombenbauer scheinen jedenfalls seit dem Golf-Krieg nichts gelernt zu haben. Was ist aus den vertrauten Kriegsszenarios geworden, wie wir sie aus den vielen Filmen über den Zweiten Weltkrieg oder Vietnam kennen? Wird nicht mehr Mann gegen Mann gekämpft? Keine Panzervorstöße und Kampfjetszenen, kein machine-gunning aus den Hubschraubern, keine Folter, keine Vergewaltigungsszenen, keine Toten. Wo sind die ganzen Minenopfer und verwundeten Soldaten? [1] Und vor allem: wo ist der Feind? Damals gab es noch richtige Feinde: Russen, Japaner und natürlich uns, die Deutschen, später dann den Vietkong.

Ich frage mich, wo das noch hinführen soll mit der Kriegsführung [2]: vor 50 Jahren, im Zweiten Weltkrieg, da war noch alles anders, da standen die kriegsführenden Staaten noch dazu, dass sie im Krieg Menschen töten. Soldaten und Zivilisten und Frauen und Kinder. Heute werden keine Menschen mehr getötet, der Krieg ist 'sauber'. Ja, es heißt gar nicht mehr "Krieg", es wird von "bewaffnetem Konflikt" und von "Interventionen" gesprochen. In Vietnam hat es angefangen: seit My Lai scheint man ein schlechtes Gewissen zu kriegen, wenn man Zivilisten abschlachtet. Ist auch wirklich grässlich, ich hab's ja im Fernsehen gesehen. [3] Freunde von mir sind dann auch auf die Straße gegangen, um dagegen zu protestieren.

Damals war jedenfalls noch klar, wogegen man auf die Straße gehen soll. My Lai konnte man nicht so einfach hinnehmen, das war schmutziger Krieg. Aber wenn die heute mal aus Versehen einen Zug treffen, na ja, dann ist das auch nicht so toll, aber der Pilot hat das bestimmt nicht mit Absicht gemacht. Die Bomben gelten ja einem guten Zweck: die Schurken behandeln ihre Bevölkerung schlecht, und wir müssen den armen Serben gegen ihren Präsidenten beistehen. Die serbischen Soldaten werden von Slobodan und seinen Schergen gezwungen arme Bosnier oder Kosovaren abzuschlachten und zu vergewaltigen. Kann man das tolerieren? Es muss doch gegen Saddam oder Slobodan oder Sankoh vorgegangen werden! Und da niemand weiß, wo die sich gerade verstecken, die Schurken, machen unsere Bomber eben nachts ein paar Brücken und Fabriken kaputt - die Logistik des Feindes lahm legen nennt man das heute. Zu sehen bekomme ich dann, wie gesagt, ein paar schlechte Bilder davon, die sich ohnehin nicht von einem guten Videospiel unterscheiden lassen. [4] Folterszenen wären schon irgendwie spannender, aber die Serben filmen das ja nicht. Wie langweilig.

Ich zappe rüber in den Container, wenigstens wirkliche und reale Menschen, die ich hier zu sehen bekomme - und deutlich erkennbar. Hier sind wenigstens vernünftige Kameras installiert, die sind smart. Keine verwackelten Bilder, kein Rauschen und gute Tonqualität. Vier Typen malen eine Holzkuh im Garten an, nachdem sie sich den ganzen Tag schon über Sex und Ex-Freundinnen unterhalten haben. Diese Containerbewohner scheinen zu verblöden und zur Konversation gezwungen zu werden. Das hat sogar fast schon was von Folter. Aber vielleicht wird man auch so, wenn man zu lange ohne Fernseher leben muss. Wir werden es wohl nie herausfinden. Ich zappe zurück zum Krieg.


Was ist das jetzt? Eine aufgewühlte Menge von Schwarzen - schlecht angezogen und genauso bewaffnet -wimmelt durch die überfüllten, nicht-asphaltierten Straßen einer unordentlichen Stadt. Wenigstens sehen manche aus wie Rambo: Camouflage-Hosen und Sonnenbrillen mit roten Kopfbinden, Maschinengewehren und freiem Oberkörper, wenn auch nicht so vielen Muskeln. Kein Wunder, bei der schlechten Ernährung da. Sie knüppeln und erschießen andere schlecht angezogene Schwarze. Hektische Reporter. Wo ist das denn? Und warum bringen die sich gegenseitig um? Hutus, Tutsis? Eine Stimme erzählt irgendwas von Afrika. Ein Fluss, Hunderte von Leichen schwimmen drin. Wo sind denn jetzt die Smart-Bombs, die die Brücken zerstören? Hier gibt es nicht mal Brücken! Irgendwas stimmt hier nicht - das ist doch kein vernünftiger Krieg mehr!

Woher wissen die in dem Gewimmel denn, wer wen zu töten hat? Die haben ja keine Uniform an, scheinen ja ohnehin alles Zivilisten zu sein. Und warum töten sie sich überhaupt? Und vor allem: Warum töten sie sich nicht nur, sondern schneiden sich gegenseitig die Ohren, Finger oder Hände ab, oder verbrennen sich gegenseitig? Ich habe da zum Beispiel neulich eine Reportage über die 'Rebellen' in Sierra Leone gesehen. Dieser Sankoh soll ihr Anführer sein. RUF [5] nennen die sich. Deren Job ist es, Diamanten aus den Minen im Norden des Landes über Liberia nach Antwerpen zu schmuggeln. Dafür werden sie von Europa ganz gut bezahlt. [6] Da die Ausbeutung der Diamantenminen aber nicht ganz legal ist, haben sie noch einen Nebenjob: die Bevölkerung des Landes muss in Angst und Schrecken versetzt werden, damit niemand auf die Idee kommt, gegen die 'Rebellen' vorzugehen. Das hat die RUF ganz effektiv im Griff, und zwar so: Du machst erst ein Dorf nieder und schlachtest auf möglichst unmenschliche Weise die Erwachsenen ab. Dann nimmst du einige traumatisierte Kinder mit. So ab acht Jahren vielleicht, die wachsen ja noch. Auf jeden Fall sind sie genügsam und einfach zu halten. Du gibst ihnen Drogen und Waffen, die du mit dem Geld aus Belgien finanziert hast. Die Jungs müssen Dienst an der Waffe leisten, für die Mädchen gibt es andere Dienste. Und damit die Kleinen nicht auf den Gedanken kommen, wieder abzuhauen, zwingst du sie dazu, etwa ihren Großeltern im Dorf die Ohren oder Finger abzuschneiden. Dann wollen sie nicht mehr nach Hause. Und Kinder sind die besseren Kämpfer, sie sind unberechenbar: eine Straßensperre, die von traumatisierten Neunjährigen unter Drogen bewacht wird, ist um einiges angsteinflössender als eine, die von gelangweilten Alt-Rebellen bewacht wird. [7]

Der 3. Weltkrieg - Passage 6

Unter unserer Bevölkerung werden die schlimmsten Mörder, Vergewaltiger und Plünderer herumlaufen. Und dies wäre auch eine Art Feind. Man kann also nicht nur vor Soldaten davonlaufen, sondern muß sich auch vor diesen Strolchen verstecken. Dörfer und ganze Landstriche werden von solchen Menschen nach Opfern durchwühlt werden. Denkt nur an die Pädophile!!! Die armen Kinder werden wie Hasen gejagt, Männer und Frauen vergewaltigt. Ein Mann sollte sich also nicht so sicher fühlen, wenn er einen/mehrere Männer begegnet.

[Der 3. Weltkrieg - Passage 7]

Furchtbar, dachte ich, was können wir nur dagegen tun? Klar, das Naheliegendste ist Hilfsgüter zu senden. Die haben ja alle Hunger und müssen was essen, vor allem die 'Rebellen'. Terrorisieren ist ein harter Job. Das erinnert mich an die 'Rebellen'-Geschichte auf Jolo, die gerade 'in' ist: Da berichten die Geiseln glücklich, dass wenigstens ein kleiner Teil der Hilfsgüter bei ihnen ankommt und zuhause hofft man auf eine baldige Freilassung. Aber die Entführer können doch auch rechnen: Bis die Geiseln freikommen, werden emsig mehr Hilfsgüter geschickt, damit wenigstens der kleinste Teil der Lebensmittel durchkommt. Heute kämpft man also um Geld oder Produkte, nicht mehr wegen der Politik. Was würde Clausewitz dazu sagen?

Das sind zusammen ziemlich düstere Zukunftsaussichten auf den nächsten Krieg. Man kann wirklich von Glück sprechen, dass man nicht in Afrika das Licht der Welt erblickt hat. Manchmal frage ich mich, ob nicht alles besser wäre, wenn wir, eingesperrt in Europa und den Staaten, uns die Kriege und das Gemetzel, und eigentlich die Front selbst, nicht mit dem Fernseher ins Haus liefern lassen würden? Wir werden es wohl nie herausfinden. Ich zappe zurück in den Container.


Fußnoten :

[1] : Für eine beeindruckende Sammlung von Kriegsberichten, siehe: Hynes, Samuel. 1997. The Soldiers Tale. London.

[2] : Ein hervorragender geschichtlicher Überblick zur Transformation der Kriegsführung, siehe: Keegan, John. 1993. A History of Warfare. London.

[3] : Zum Einfluss der Virtualisierung des Krieges, siehe: Baudrillard, Jean. 1991. The Gulf War did not take place. Indiana; Ignatieff, Michael. 2000. Virtual War, Kosovo and beyond. London.

[4] : Zu Videospielen und Krieg, siehe: Der Derian, James. 1992. Antidiplomacy. Oxford; Virilio, Paul. 1989. Krieg und Kino, Logistik der Wahrnehmung. Frankfurt a. M.">

[5] : Revolutionäre Vereinigte Front

[6] : Siehe: "Diamanten finanzieren den Bürgerkrieg", In: Süddeutsche Zeitung, 09. Mai 2000. Liberias jährliches Exportvolumen an Diamanten wird hier auf 300 Mio. Dollar beziffert. Liberia selbst besitzt "fast keine" Diamantenminen.

[7] : Ignatieff schreibt u.a. über die Kriegsführung der Warlords in Kroatien. Das Beispiel mit der Straßensperre ist aus dem Essay "Croatia and Serbia", in: Ignatieff, Michael. 1993. Blood and Belonging. New York.




 
   
   
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