Das konkrete Verhalten der AnthroposophInnen im Nationalsozialismus spielte in der öffentlichen Diskussion zumeist nur eine untergeordnete Rolle. Es wurde allenfalls zur Stützung der These vom strukturellen Rassismus der Lehren Steiners herangezogen. Dabei sind entsprechende Verstrickungen bereits 1984 diskutiert worden. Damals hatte die taz erstmals über Verbindungen von Weleda zur SS berichtet. Die Reaktion des anthroposophischen Kosmetikherstellers kann bis heute als symptomatisch für die innerantroposophische Diskussionsbereitschaft in Sachen "eigene Vergangenheit" gelten: "Es scheint wohl ein Zeitphänomen zu sein, daß man generell nur nach negativen Aussagen und Berichten sucht und alle positiven Erscheinungen beiseite schiebt. Man möchte sich wirklich wünschen, daß gerade junge Menschen nicht diesen Trend der heutigen Medien mitmachen und damit eine Gleichgültigkeit gegenüber Schicksalen und die Kriminalität fördern." So blieb es auf anthroposophischer Seite abermals Arfst Wagner und seinem Umfeld vorbehalten, Aufklärendes zutage zu fördern.
Die nun vorliegende Studie von Wolfgang Jacobeit und Christoph Kopke kann wohl als erste geschichtswissenschaftliche Untersuchung gelten, die das Verhältnis der Anthroposophen zum NS-Regime in einem Teilbereich ausführlich analysiert. Dabei verwahren sich die Autoren an mehreren Stellen davor, in die politischen Debatten um die Anthroposophie eingreifen zu wollen - interessanterweise mit dem Verweis auf in Kürze erscheinende Studien von anthroposophischer Seite. Ihr Zugang ist ein anderer. Im Zentrum ihrer Arbeit steht die 1939 gegründete SS-Organisation Deutsche Versuchsanstalt für Ernährung und Verpflegung (DVA), deren Versuchsgüter unter anderem an die Konzentrationslager Ravensbrück, Dachau und Auschwitz angegliedert waren. Die Autoren arbeiten heraus, daß der DVA eine spezifische Stellung in der nationalsozialistischen Landwirtschaftspolitik zukam. Diese war ideologisch zwar weitgehend auf die "Blut und Boden"-Mythologie zugeschnitten, doch in der Praxis der "Erzeugungsschlacht" setzten die staatlichen Stellen weiterhin auf die industrielle Modernisierung der Landwirtschaft. Die SS verfolgte mit der Gründung der DVA das Ziel, die Weichen für eine grundlegende Umgestaltung hin zu einer "natürlichen" Landwirtschafts- und Ernährungspolitik zu stellen. Eine solche sollte aber erst nach einem erfolgreichen Abschluß des Krieges in Angriff genommen werden. Die entsprechenden Versuche orientierten sich praktisch an der von Rudolf Steiner begründeten "biologisch-dynamischen" Anbauweise, nach deren Richtlinien im Jahr der DVA-Gründung bereits 2000 landwirtschaftliche bzw. gärtnerische Betriebe bewirtschaftet wurden. Diese Anbaumethode lehnt die Anwendung von Kunstdünger und synthetischen Pflanzenschutzmitteln kategorisch ab und forciert statt dessen die natürliche Düngung mit hofeigenem Stallmist, der durch die Beigabe von heilmedizinischen Präparaten zur nachhaltigen Gesundung des Ackerbodens verwendet werden soll.
Der biologisch-dynamische Landbau, der heute unter dem Label Demeter vermarktet wird, stellt innerhalb der Anthroposophie nur einen praktischen Teilbereich im Versuch der Umsetzung ihres kosmischen Weltbildes dar. Insofern standen die Förderer dieser Anbauform - unter ihnen Himmler, Heß und Darré - vor dem Problem, sie von ihren zahlreichen anthroposophischen Versatzstücken reinigen zu müssen, damit sie nicht in Konflikt mit der NS-Ideologie geriet. Die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft war bereits 1935 wie die meisten Waldorfschulen verboten worden. Mit Hilfe eines Teils der NS-Eliten konnte sich der von Erhard Bartsch geführte Reichsverband für biologisch-dynamische Wirtschaftsweise bis 1941 gegen die Angriffe aus chemischer Industrie und Landwirtschaftsverwaltung verteidigen, nach Heß' Englandflug kam aber schließlich das Verbot, trotz der bis zu diesem Zeitpunkt intensiven Kooperation mit der DVA. Die Versuche der DVA wurden unter dem Label "lebensgesetzliche Anbauweise" jedoch auch nach 1941 fortgesetzt, mangels Fachkräften verliefen die Experimente aber im wesentlichen erfolglos. Erfolgreich arbeiteten lediglich die Gewürz- und Heilkräuterplantagen des KZ Dachau, was "zum einen mit dem Tod von hunderten ausgebeuteter Häftlinge, zum anderen durch eine fachmännische Anleitung durch nationalsozialistische Ernährungswissenschaftler erreicht" ( S. 124) werden konnten. Letztere führten darüber hinaus im Auftrag der DVA Ernährungsversuche an KZ-Häftlingen durch. Einerseits mit dem Ziel, deren Arbeitskraft länger ausbeuten zu können, andererseits aber auch, um die Truppenverpflegung qualitativ zu verbessern.
Im Mittelpunkt des Interesses der Autoren steht zweifelsfrei die DVA und ihre Rolle im System der Konzentrationslager. Die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise ist für sie nur vermittelt von Interesse, und zwar in der Art und Weise, wie die DVA sich auf diese bezieht. In ihrer Darstellung führt dies allerdings zu einem spürbaren Ungleichgewicht. So erscheint die Subsumierung der Dachauer Kräuterplantage unter "biologisch-dynamisch" problematisch, auch wenn diese Bezeichnung von der DVA selbst gewählt wurde. Wie Wolfgang Jacobeit und Christoph Kopke selbst ausführlich darstellen, ist der Heilkräuteranbau ideologisch in einer breiten Bewegung von interessierten Laien, Ärzteschaft und Ernährungswissenschaftlern zu verorten, die ihren Ursprung letztlich in der Lebensreformbewegung der Weimarer Republik hat. Jenseits der Anstellung des vormaligen Weleda-Obergärtners Franz Lippert finden sich in der Studie keinerlei Hinweise auf spezifisch biologisch-dynamische Anbaumethoden in Dachau, ebensowenig auf die damit notwendig verbundenen Auseinandersetzungen ideologischer Art. So breit die Autoren die Entwicklung einer völkischen Heilpflanzenkunde referieren, eine ähnliche Darstellung des biologischen Landbaus lassen sie vermissen. Die spezifisch spirituelle Dimension der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise lassen sie fast völlig unberücksichtigt, sie glauben sich gar auf eine briefliche (!) Zusicherung stützen zu können, der biologisch-dynamische Landbau sei in der Praxis ohne Bezug auf Steiner durchführbar. Die vorliegende Studie arbeitet also nicht heraus, wie die biologisch-dynamische Praxis in den DVA-Gütern konkret aussah, inwieweit der Landbau tatsächlich von Steiners Kosmologie "gereinigt" werden konnte, oder inwieweit man sich in der DVA dem Studium der Anthroposophie widmete, wie es heute jeder Demeter-Hof tun muß. Die Quellenlage läßt solche Aussagen bislang wohl nicht zu, für die Frage nach der Art der partiellen Verquickung der Anthroposophie mit dem Nationalsozialismus, die in anderen Bereichen durchaus nachweisbar ist (etwa in den Beziehungen von Weleda zur SS oder in Rudolf Heß' Engagement für den Erhalt der Waldorfschulen) wäre solche Details aber durchaus von Belang. Wolfgang Jacobeit und Christoph Kopke soll keineswegs angelastet werden, diese Fragen nicht gestellt zu haben, denn die Rolle der Anthroposophie im NS steht nicht im Mittelpunkt ihres Forschungsinteresses. Dort aber, wo ihre Studie Fragen dieser Verknüpfung dennoch berührt, vermittelt sie ein verkürztes Verständnis dieser Zusammenhänge.
