Logo
titel inhalt update archiv links impressum mail
suchen

Ausgabe 12.0 - 01.03.2004
   

Was hat der Krieg im Irak mit dem Wetter zu tun?

Antworten von Zeitgenossen im virtuellen Interview. Gemischt von TJ Heiko Balsmeyer.


O&V: Wo sind die Ursachen für den Krieg gegen Irak zu suchen?

George Bush, kein Schauspieler - trotzdem Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika: Zur Verteidigung unserer großen Nation werden wir Tod und Gewalt in alle vier Himmelsrichtungen tragen.

Arundhati Roy, indische Autorin und Aktivistin: Es hat sich gezeigt, daß es bei dem Krieg gegen den Terrorismus in Wahrheit nicht um den Terrorismus geht und bei dem Krieg gegen den Irak nicht nur um Öl. Es geht um das selbstzerstörerische Streben einer Supermacht nach Dominanz, nach uneingeschränkter Macht, nach globaler Hegemonie. Die wahre Gefahr, die allergrößte Bedrohung ist die Kraft, die die politische und ökonomische Lokomotive der amerikanischen Regierung antreibt, die gegenwärtig von Bush gelenkt wird. Auf ihn einzudreschen macht Spaß, weil er ein so lohnendes Ziel ist. Gewiß, er ist ein gefährlicher, geradezu selbstmörderischer Lokomotivführer, aber viel gefährlicher als er selbst ist die Maschine, an deren Hebeln er sitzt.

Leutnat David Luckett, Sprecher des US-Oberkommandos in Katar: Wir unternehmen alles, um die natürlichen Ressourcen Iraks und das Hab und Gut der Bevölkerung für das irakische Volk zu bewahren.

Deutsche Bank, Zentrale des rheinischen Kapitalismus: Auf Grund ihres gewaltigen politischen Gewichts sind wir der Meinung, dass die Gesellschaft ExxonMobil voraussichtlich eine wichtige Rolle in einer vom 11. September geprägten Geopolitik spielen wird.

O&V: Wird es nach dem Krieg eine neue Ordnung geben?

Alain Joxe, Direktor des französischen Zentrums für Frieden und militärische Strategien: Der von Bush angekündigte "endlose Krieg", der mit der Militärintervention im Irak begonnen hat, ist ein Krieg ohne Sieg und ohne Frieden, und wahrscheinlich auch ohne wirklichen Wiederaufbau. Man ist zufrieden, dass Zerstörung und Wiederaufbau Unternehmensgewinne generieren.

O&V: Wie sieht das praktisch aus?

Frankfurter Rundschau, durch eine Bürgschaft des Landes Hessens finanziell abgesicherte Tageszeitung: Eine Tochterfirma des zweitgrößten US-Rüstungskonzerns Northrop Grumman hat den Auftrag erhalten, den Kern einer neuen irakischen Armee auszubilden. Das US-Verteidigungsministerium teilte mit, die Northrop-Tochter Vinnell mit Sitz im US-Bundesstaat Virginia habe sich bei dem 48-Millionen-Dollar-Auftrag gegen vier weitere namentlich nicht genannte Bewerber durchgesetzt.

Vandana Shiva, indische Publizistin und Aktivistin: Die über den Wiederaufbau von der Zerstörung profitierenden Konzerne wie Bechtel bestätigen, dass die bewaffnete Auseinandersetzung die konsequente Fortsetzung der Globalisierung mit anderen Mitteln ist.

O&V: Kann über die zukünftige Kriege schon etwas gesagt werden?

Joseph Rotblat, emeritierter Physikprofessor und Mitbegründer von Pugwash: Die USA entwickeln unter dem Namen "robust nuclear earth penetrator" einen neuen Atomsprengkopf mit niedriger Sprengkraft, der besonders tief in Beton eindringen soll.

O&V: Wechseln wir das Thema und werden wir etwas selbstbezüglicher. Wie ist die Rolle der Medien im Krieg zu beurteilen?

Alexander Osang, Schönschreiber: Neben Homeruns werden gern Tote gezählt.

Stephan Kloss, Reporter bei der Außenwette: Es ist Krieg. Ich bin dagegen, in dieser Zeit Unterhaltungssendungen auszustrahlen. Ich finde das pietätlos.

Jens Balzer, Publizist: Eigentlich sollte auf allen Kanälen ohnehin nur noch "Dr. Seltsam" in der Endlosschleife rotieren.

O&V: Wie ließe sich die manipulative Kraft der Medien beschreiben?

Stephan Kloss, unser Mann in Bagdad: Die schlimmsten Bilder sind bei den täglichen Berichten gar nicht zu sehen. Aus Rücksicht vor den Hinterbliebenen zeigen wir keine toten und verstümmelten Kinder. Das ist kein sauberer Krieg.

Herfried Münkler, Politikprofessor HU Berlin: (Es ist notwendig) die mediale Steuerung der Konjunkturen moralischer Empörung kritisch ins Auge zu fassen, die wir in diesen Tagen beobachten können: erstens weil anlässlich der Fokussierung der Aufmerksamkeit auf den Krieg am Golf und seine Opfer die vielen anderen Kriege in Schwarzafrika und Zentralasien, denen wahrscheinlich tagtäglich sehr viel mehr Leben zum Opfer fallen, in Vergessenheit geraten. Zweitens weil die durch die Anwendung militärischer Gewalt Getöteten offenbar eine viel größere Aufmerksamkeitsprämie erhalten als jene, die Opfer der wirtschaftlichen Strangulierung geworden sind: Sie sterben einfach dahin, ohne dass sich eine Hand für sie rührt, geschweige denn, dass es zu Demonstrationen Hunderttausender in den großen Städten Europas und Nordamerikas kommt. Aber tatsächlich sind sie ebenso Opfer interventiver Politik wie die durch Waffeneinwirkung Getöteten.

Judith Butler, feministische Professorin für vergleichende Literaturwissenschaft und Rhetorik: Die Bildberichterstattung gleitet rasch über die Realität des von den USA verursachten Todes hinweg. Sie säubert den Horror. ... Man hat den Eindruck, investigativer Journalismus sei an sich schon zu einem "unpatriotischen" Untrieb mutiert. ... Kritik und Meinungsfreiheit scheinen nicht länger jener Idee von Demokratie zu sein, die hier "verteidigt" wird.

Harun Farocki, Dokumentarfilmer und Autor: Wir sind als Zuschauer in die Rolle des Sicherheitspersonals versetzt, vor dem diese Bilder ablaufen. In jedem Film sind die Leute vor diesen Kontrollschirmen elende Idioten und kriegen eins auf die Mütze beim Überfall. Sie werden wenigstens bezahlt fürs Absitzen, wenn auch schlecht.

Boris Groys, ästhetischer Theoretiker: Die Bilder vom Irak-Krieg sind allerdings auch interessant, weil die meisten in der Ästhetik der dänischen Dogma-Filme ausgeführt wurden, wackelige, grobkörnige Bilder, mit der Handkamera aufgenommen.

Lars von Trier, dänischer Filmregisseur: Zu viel Ästhetik empfinde ich als vulgär.

Boris Groys: Sie zeigen Leute im Sand, sehr langweilig, niemand versteht überhaupt, was passiert. Das heißt, auf der Ebene der Medien ist der Krieg, im Unterschied zum Terrorismus auf eine unglaubliche Weise unspektakulär. Krieg das ist das Gegenteil von Terror, nämlich langweilig.

Henning Mankel, schwedischer Romancier: Die wichtigsten Bilder haben wir nicht gesehen. Dieser Krieg (ist) in Wahrheit nichts anderes als der Beginn eines anderen Krieges, und nicht in der Hauptsache das Ende von Saddams Regime. Man hat uns nie erlaubt, den organisierten Wahnsinn aus der Nähe zu beobachten. Doch ich bin ziemlich sicher, dass das, was wir gesehen haben, der Anfang weiterer Kriege ist, die schlimmer, übler, verheerender sein werden.

Harun Farocki: Kein Feind kann für die Ausdehnung der Sendezeit und die Vermehrung der Kanäle verantwortlich gemacht werden. Nach der Theorie des Partisanen versucht der Schwache, den Starken zu schwächen, indem er dessen Aufmerksamkeit bindet. In der selbst auferlegten Zerstreuung beim Dauerfrühstück ist ein Gegner entworfen, dessen Bild nicht zu fassen ist.

Michael Moore, US-amerikanischer Dokumentarfilmer: Wir lieben Non-Fiction, weil wir in einer fiktiven Welt leben, die von einem fiktiven Präsidenten bestimmt wird, der durch ein fiktives Wahlergebnis an der Macht ist und einen fiktiven Krieg führt. Shame on You, Mister Bush!

Sony, wichtiger Vertreter der asiatischen Produktionsweise: War of the Monsters ist ein unkompliziertes Kampfspiel, bei dem man seinem spielerischen Zerstörungsdrang freien Lauf lassen kann. Die zehn riesigen Ungeheuer bewegen sich durch zwölf verschiedene, komplett zerstörbare Schauplätze.

O&V: Jetzt sollten die Experten noch einmal das Wort bekommen. Welche Schlüsse sind aus diesem Krieg zu ziehen?

Nikolas Busse, Journalist: Die Bundesregierung (sollte) genauer bedenken, wohin sie deutsche Soldaten schickt, die stets auch Türöffner für politischen Einfluß und künftige Geschäftsbeziehungen sind.

Arnold Schwarzenegger, politischer Schauspieler: Gratulation dafür, dass ihr 'hasta la vista' zu Saddam Hussein gesagt habt.

Franz Beckenbauer, Universalwerbeträger: Ich habe die Schnauze voll vom Krieg.

Jan Ullrich, Fahrradfahrer: Lance muss dieses Scheißwetter bestellt haben.

George Bush, zit. n. Lewis H. Lapham: Die Faust des Gerechten, Le Monde diplomatique, deutsche Ausgabe, Juli 2003

Arundhati Roy: Der Krieg - eine Anleitung für gewöhnliche Menschen. Die Operation "Irakische Freiheit", Tag für Tag am Fernsehen verfolgt mit den Augen einer Eingeborenen, Frankfurter Allgemeine Zeitung 3.4.2003

David Luckett zit. n. Plündern hat Konjunktur, Frankfurter Rundschau 9.4.2003

Bericht der Deutschen Bank vom September 2002, zit.n. Greenpeace: Der Tiger im Panzer, Frankfurter Rundschau 18.3.2003

Alain Joxe: Das gewollte Chaos, Le Monde diplomatique, deutsche Ausgabe, 16.5.2003

Frankfurter Rundschau 27.6.2003

Vandana Shiva: Die US-Armee zerstört – nun profitieren Firmen vom Wiederaufbau, Frankfurter Rundschau 4.7.2003

Joseph Rotblat: Es wächst die Gefahr, dass ein nukleares Wettrüsten beginnt, Frankfurter Rundschau 6.8.2003

Alexander Osang: Tote tragen keine Karos, Berliner Zeitung 18.10.2003

Stephan Kloss 21.3., zit. n. "Ich habe Angst", Berliner Zeitung 11.4.2003

Jens Balzer: Wenn wir es nur wollen, Berliner Zeitung 21.3.2003

Stephan Kloss 6.4., zit. n. "Ich habe Angst", Berliner Zeitung 11.4.2003

Herfried Münkler: Militärischer Sieg, politische Niederlage, Frankfurter Rundschau 7.4.2003

Judith Butler: Patrioten trauern nicht, Frankfurter Rundschau 22.4.2003

Harun Farocki: Experten und Projektile, Jungle World 9.4.2003

Boris Groys, Bin Laden ist im Grunde Videokünstler, Im Gespräch mit Michèle Binswanger und Susanne von Ledebur, Frankfurter Rundschau 25.4.2003

Lars von Trier im Gespräch mit Stefan Bachmann: Der Mensch ist ein krankes Tier, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19.10.2003

Boris Groys, Bin Laden ist im Grunde Videokünstler, Im Gespräch mit Michèle Binswanger und Susanne von Ledebur, Frankfurter Rundschau 25.4.2003

Michael Moore zit. n. Daniel Kothenschulte: Kaum Buhen für Columbine, Frankfurter Rundschau 25.3.2003

Pressemitteilung der Firma Sony lt. Frankfurter Rundschau 28.4.2003

Nikolas Busse: Nutzen und Schaden, Frankfurter Allgemeine Zeitung 24.10.2003

Arnold Schwarzenegger vor Soldaten im Irak, US-Truppen erschießen elf irakische Angreifer, Frankfurter Rundschau 5.7.2003

Franz Beckenbauer laut Sport-Informationsdienst, Frankfurter Rundschau 26.3.2003

Jan Ullrich, Süddeutsche Zeitung 28.7.2003




 
   
   
O&V