"Satan ist schwul!" "Diana lebt!" "Laure hat zwei linke Hände - und sie ist Rechtshänderin!" "Das Ende der Welt? 73 % der Franzosen wünschen es sich!" Als die Wochenzeitung Infos du Monde mal wieder Auferstehung feierte ging eine lange Durststrecke zu Ende. Drei Jahre hatte die Welt auf Überschriften dieses Kalibers verzichten müssen, nun hatte die westliche Welt ihre letzte seriöse Informationsquelle zurück. Wer nun meint, Bild-Zeitung oder Focus hätten einen seriösen französischen Ableger gegründet, der irrt.
Naheliegender scheint da schon der Gedanke, die katholische Kirche habe ausgeholt zum ganz raffinierten Schlag gegen die allseits grassierende Säkularisierung und Austrittswelle. Also einfach den sonntäglichen Kirchenboten kräftig aufgepeppt, um die noch nicht desertierte Anhängerschaft bei der Stange zu halten. Vieles spricht dafür. Denn die Feststellung "Satan ist schwul" unterstellt apriori nicht nur dessen Existenz, sondern setzt ihn zudem gleich mit einem anderen Prinzip des Grundbösen - der Homosexualität. Ob sich hier nicht ohnehin eine in der katholischen Priesterschaft tief verborgene Lust manifestiert? Schließlich wäre Gott im Bett seit Nietzsche sicher totlangweilig - mindestens für all' jene, die es nicht so mit der Nekrophilie haben. Beim leibhaftigen Satan ließe sich da vermutlich schon mehr erwarten. Und falls "Diana lebt", wenn auch in einer kleinen Zweiraumwohnung in der nördlichen Pariser Banlieue, dann wäre sie geoutet als verantwortungslose Mutter - und selbige Theresa doch die wahre Heilige.
Als vorläufige Synthese wäre die rechtshändige Doppellinkshänderin nicht eine Hexe, Ausgeburt der Hölle, mit Satan im Bunde, und deshalb mit wer weiß welchen sexuellen Vorlieben ausgestattet, sondern gleichzeitig extrem erbarmungswürdig. Nun, und selbst wenn Theresa tot ist, so darf die katholische Kirche auf dem Gebiet des Erbarmens doch wohl immer noch ein Kompetenzmonopol reklamieren. Dies selbst dann, wenn die edelste Form des Erbamens, die Inquisition, derzeit aus polit-folkloristischen Gründen ein wenig diskreditiert dasteht. Etwas billig erscheint in diesem Zusammenhang die geifernde, zu 73 Prozent gesättigte Begierde des Volkes nach dem - wie ebenfalls konstatiert wird - bald mal wieder anklopfenden "Ende der Welt".
Billig nicht nur, weil Johannes das Thema schon in der Bibel erschöpfend und mit einigem literarischem Anspruch abgehandelt hat. Auch nicht, weil der Spiegel seit seinem Bestehen wahlweise den Atomtest, -krieg, -unfall, den Klimawandel, wandernde Überbevölkerungen, oder sonstige Übel als gerade eben bevorstehende, gottgegeben-global-finale Rettungsschüsse ortet. Nein. Billig, weil sich doch selbst das belämmertste Schaf nicht mehr von solch billiger Angstmache in den kirchlichen Schlachthof treiben läßt. Die braven Schafe laufen heute doch viel lieber in die Arme der für jedes individuelle Bedürfnis zugeschnittenen Esoterik-Dienstleister. Und die erlebnishungrigen Schafe wollen den Weltuntergang ohnehin nicht verpassen, denn schließlich haben sie ja "schon den Anfang der Welt verpaßt", und außerdem wollen sie, daß "endlich mal was richtig Aufregendes passiert". Davon wollen sie dann ihren Kindern erzählen... Womit sie sich allerdings doch wieder eindeutig für die Kirchenmitgliedschaft qualifizieren, denn auch da gilt schließlich: glauben, nicht denken.
Doch die katholische Kirche darf sich diesen semi-genialischen Wurf auf der printmedialen Wiese nicht an die Sultane heften. Infos du Monde kostet 0,92 Euro bzw. 6 FF, und hat sich nun nicht etwa als propagandistisches Hauptorgan der Gegenaufklärung reinkaniert, sondern als "Referenzmedium der französischen Presse" (Selbstaussage). Die Publikation befleißigt sich allerdings einer subversiven Kommunikationsstrategie, welche höchste Anerkennung verdient und hier gepriesen werden soll. Denn dieses "Satire-Blatt" ist so raffiniert, so satirisch, und seine Ironie so irrsinnig ironisch, daß seine LeserInnen von all dem nichts mitkriegen. Für sie ist es eine Zeitung wie jede andere. So konnte die Redaktion seiner Leserschaft nur noch danken, und zwar für die Geldspenden in Höhe von knapp 30000 Francs (knapp 10000 Mark) sowie Lkw-Ladungen voll Sachspenden - für Diana. Ob sich die Leserschaft allerdings wirklich von der Mitteilung beruhigen ließ, Diana habe einen guten Job als Kassiererin im Supermarkt, und Dodi finde bestimmt auch bald Arbeit, darf indes bezweifelt werden. Infos du Monde ist subversiv. Wenn nicht mit aller Konsequenz umstürzlerisch, so doch mindestens nicht weit davon entfernt. Diese letztere Bemerkung erfordert nun natürlich eine mit spitzer Feder gezirkelte Begründung auf beinahe wissenschaftlichem Niveau. Eine mögliche Variante, die sich an eine post-strukuralistische Interpretation von Robert Walser anlehnt, soll hier daher vorsichtig in Anschlag gebracht werden. Voraussetzung für die Ironie ist - wie alle wissen - ein auf dem Aufrichtigkeitspostulat beruhendes Kommunikationsmodell, das verletzt werden kann. Macht das Blatt. Wenn die Ironie Signifikanz zerstört, kann eine humoristische Paradoxie als Mittel zum Kampf interpretiert werden, denn das führt zu Verunsicherung und zur Demontage konventioneller gesellschaftlicher Codes. Macht das Blatt, ohne das es die Leser merken. Das Paradoxe und das Groteske als Überdrehung der noch mit Signifikanz arbeitenden Satire, kurz, eine absurde Ironisierung der Ironie, kann etabliert-gewohnte Diskurse,

sprich Ordnungs- und Sinnvorstellungen zerstören, kann Normen und das Normale als Entfremdung und Herrschaft enthüllen. Wie gesagt, ganz ohne das es jemand merkt, aber Entfremdung und Herrschaft bemerkt ja auch niemand. So gesehen macht Infos du Monde aus den Versager- und Opferfiguren Diana und Dodi politisch-praktische Untergrundkämpfer anarchischer Provenienz. Genauso wie es einige Poststrukturalisten mit Robert Walser getan haben.
Wie ein gewisser Herr Hiebel einst zu bemerken wußte: "Zärtlichkeit, naive Kritik, aggressive Wahrheit, ironische Übertreibung sind die Register der Entlarvung." Die Anwendbarkeit dieser Formel auf Infos du Monde wird gestützt durch deren folgende Selbsteinschätzung: "Wir kehren zurück um alles aufzudecken was unsere "Kollegen" der blutleeren Medien nicht schreiben können, nicht schreiben dürfen, und nicht zu schreiben wissen. Die wahre Wahrheit. Die einzige. Und sie werden auf den Fasern der Seiten dieser neuen Infos du Monde sehen, daß die Wahrheit schön ist. Daß die Wahrheit die Rettung der Humanität ist." Mittlerweile mußte Infos du Monde sein Erscheinen wegen fehlender Auflage wieder einmal einstellen. Die Idee bleibt gut, doch die LeserInnen sind immer noch nicht bereit. Mehr gibt es dazu kaum zu sagen.
