"Eine Internet-Adresse ermöglicht ihren Besuchern eine für sie kostenlose Nahrungsspende für Hungernde in der Welt. Mit einem Mausklick können die Nutzer von www.thehungersite.com pro Tag eine Portion Reis, Weizen oder Mais an einen Hungernden geben, wie die Betreiber mitteilen. Die Kosten dafür tragen Firmensponsoren, deren Namen nach der "Spende" erscheinen. Das Essen wird dann von internationalen Hilfsorganisationen in aller Welt verteilt. "Wenn nur eine kleine Zahl der Internet-Nutzer sich jeden Tag ein paar Sekunden Zeit für die Spende nimmt, dann können Hunderttausende in aller Welt zu essen bekommen", sagte ein Betreiber der "Hunger Site". Zeitgleich zu ihrer Spende sehen die Nutzer eine Weltkarte, die die Häufigkeit und die Länder von Hungertoten zeigt. Auf der Weltkarte blinkt jedesmal ein Land schwarz auf, wenn dort ein Mensch an Hunger stirbt. Dies geschieht etwa alle vier Sekunden."
Und das Medium ward gut, denn es etabliert sich - sowie seine Gemeinde - endgültig als den ideelen Gesamtpfadfinder. Hunger ist ihm nichts, Image hingegen alles. Doch der "Hunger Site" geht es erst in zweiter Linie um die Selbstbeweihräucherung irgendwelcher Sponsoren oder die kollektive Heiligsprechung aller Surfer. Den erwirtschafteten symbolischen Überschuß verbuchen auf dem geteilten ersten Platz vielmehr das Medium an sich sowie die herrschende Ordnung. Denn letzterer leistet das Web in der öffentlichen Wahrnehmung nun einmal mehr wertvollste Dienste als systemimmanente Lösung all` seiner Probleme. Und während sie diese Zeilen gierig aufgesogen haben sind dreißig, vierzig, wenn nicht gar fünfzig Menschen verhungert. Aber sie haben es hoffentlich kapiert: hätte es das Netz schon immer gegeben, dann wäre das nicht passiert. Mahlzeit.
