1. Mit der Absicht, "die leibhaftigen Akteure wieder ins Spiel zu bringen" (1985a, 150), die vom Strukturalismus bzw. vom Marxismus ALTHUSSERscher Prägung zu "bloßen Trägern der Struktur degradiert" (154) worden waren, hat BOURDIEU den philosophiegeschichtlich überkommenen H-Begriff "neu überdacht" (151). Mit seiner Hilfe will er "der Praxis eine aktive, schöpferische Dimension" geben (152) und - in Abgrenzung von der Subjektphilosophie - dem "Paradox gerecht werden" (150), dass "Praktiken und Vorstellungen" der handelnden Akteure "objektiv an ihr Ziel angepasst sein können, ohne jedoch bewusstes Anstreben von Zwecken und ausdrückliche Beherrschung der zu deren Erreichung erforderlichen Operationen vorauszusetzen, die objektiv ›geregelt‹ und ›regelmäßig‹ sind, ohne irgendwie das Ergebnis der Einhaltung von Regeln zu sein, und genau deswegen kollektiv aufeinander abgestimmt sind, ohne aus dem ordnenden Handeln eines Dirigenten hervorgegangen zu sein" (1987, 88f). Praxis soll weder als Objekt behandelt noch auf gelebte Erfahrung reduziert werden. Für Bourdieu ist der H als eine Art Handlungsgrammatik der Vermittler zwischen der Praxiswelt, d.h. dem sozialen Raum mit seinen verschiedenen Feldern, und den in ihnen durch historisch frühere Praktiken bereits objektivierten Zwecken und institutionalisierten Strukturen einerseits sowie den Perspektiven und praktischen Stellungnahmen der Akteure andererseits. Durch Erfahrung erworben und als "Spiel-Sinn", d.h. als Sinn für die Einsätze und Strategien in den jeweiligen sozialen Feldern ausgebildet, ermöglicht der H den Akteuren "die Erzeugung unendlich vieler ›Züge‹ entsprechend der unendlichen Vielfalt möglicher Situationen, die durch keine Regel, wie komplex sie auch sei, vorhergesagt werden können" (1985a, 150). In dieser unbegrenzten Fähigkeit des H zu immer neuen "Zügen" sind Kreativität und Freiheit der Akteure begründet. Zugleich ist diese Freiheit "kontrolliert", "konditioniert und bedingt" (1987, 103), weil die strategischen Potenziale des H für das Hervorbringen von Spielzügen immer "innerhalb der Grenzen der besonderen Bedingungen seiner eigenen Hervorbringung liegen" (102). Der H ist ein historisches Produkt, seine generierenden Fähigkeiten werden daher nur in den sozialen Kontexten wirksam, die denen ähneln, in denen er in kollektiver Praxis hervorgebracht wurde. Darin liegt der Grund für das "fast wundersame Zusammentreffen von H und Feld, von einverleibter und objektivierter Geschichte" (122).
1.1 Zwischen H und Feld, den "beiden Existenzweisen des Sozialen" (1985, 69), besteht Homologie, d.h., der H steht zu den ihn erzeugenden Bedingungen im Verhältnis der Entsprechung, wobei diese Entsprechungen bzw. das Aufeinander-abgestimmt-Sein von Bedingungen und Dispositionen ("funktionale Äquivalenz"; GEBAUER 2000, 446) selbst Resultate kollektiver wie individueller Praxen sind. Homologie heißt für BOURDIEU systematisch (und in kritischer Distanz zu Ableitungs-, Abbildungs- oder Widerspiegelungskonzepten), dass die Klassifikationsschemata eine Eigenlogik aufweisen. Das homologe, relational-redundante Verhältnis von H und Feld schließt konzeptionell einen mechanischen Determinismus aus, ohne die historisch-gesellschaftliche Vor-Strukturiertheit des Handelns der sozialen Akteure in Frage zu stellen. Akteure können ihren H immer nur historisch "konditioniert", in konkreten sozialen Feldern ausbilden, und insofern ist im H "die Art und Weise, wie man auf eine soziale Position kommt, [...] angelegt". Vermittelt über ihren H bedingen die Akteure "aktiv die Situation, die sie bedingt. Man kann sogar sagen, dass die sozialen Akteure nur in dem Maße determiniert sind, als sie sich selber determinieren" (1985, 170).
1.2 Diese Selbst-Determination "kommt nur im Schutze des Unbewussten voll zum Tragen" (ebd.), d.h. sie ist ein Effekt des H selbst. Homolog den sozialen Bedingungen, denen er seine Entstehung verdankt, ermöglicht er den Akteuren, mit sozialem Sinn, "vernünftig" zu handeln. Zugleich macht der H die Geschichte seiner Entstehung vergessen, sie wird zum "Unbewussten" durch die "Scheinformen der Selbstverständlichkeit" (1987, 105), durch die Evidenz und ›Naturhaftigkeit‹ seiner Wahrnehmungs- und Klassifikationsschemata. In ihrer Praxis handeln die Akteure "vernünftig", aber in aller Regel "unbewusst". Zwar besteht für die Akteure generell die Möglichkeit, "den Umgang mit den eigenen Dispositionen" einer "systematischen Aufklärungsarbeit" zu unterwerfen; zumeist machen sich die Akteure jedoch in ihrem Alltagshandeln zu "Komplizen des unbewussten Agierens der Dispositionen, das selber mit dem Determinismus Hand in Hand geht" (BOURDIEU/WACQUANT 1996, 171), indem sie die Visions- und Divisionsprinzipien des H fraglos akzeptieren und praktisch zum Einsatz bringen.
Die im H zur "Natur gewordene Geschichte" (1976, 171) wird durch die Leibhaftigkeit der Akteure noch einmal ›naturalisiert‹ und in anderer, körperlicher Gestalt reproduziert, sie wird zur ›zweiten Natur‹ der Akteure. Die Wahrnehmungs- und Klassifikationsschemata des H sind nicht in erster Linie Bewusstseinsphänomene, sondern gewinnen durch ihre Inkorporierung ›leibhaftige‹, sinnliche Existenz und Wirkung. Durch die, im wortwörtlichen Sinne, Einverleibung (Hexis) der Schemata des H werden die "›wilden Körper‹ [...] durch einen ›habituierten‹, d.h. zeitlich strukturierten Körper" ersetzt, indem "physiologische Ereignisse in symbolische verwandelt werden" (199). Die Einverleibung von Kultur wiederholt das Unbewusstmachen von Geschichte auf der Ebene des individuellen H: "Nichts erscheint unaussprechlicher, unkommunizierbarer, unersetzlicher, unnachahmlicher und dadurch kostbarer als die einverleibten, zu Körpern gemachten Werte." (200)
1.3 Rationalistischen Theorien eines kalkulierenden, bewusst Zwecke verfolgenden Akteurs setzt BOURDIEU mit seinem H-Konzept entgegen, dass zwischen den "Akteuren und der sozialen Welt [...] ein Verhältnis des vorbewussten, vorsprachlichen Einverständnisses [herrscht]" (1998, 144). Dieses Einverständnis ist aufseiten der Akteure keineswegs interesse- oder leidenschaftslos. Mit dem ›Spiel-Sinn‹ entwickeln die Akteure das Interesse, am Spiel teilzunehmen, ›dabei zu sein‹, also anzunehmen, "dass das Spiel das Spielen lohnt und dass die Einsätze, die aus dem Mitspielen und durch das Mitspielen entstehen, erstrebenswert sind" (141). Als "illusio" bezeichnet Bourdieu die Tatsache, dass Akteure vom Spiel in einem Feld erfasst, von ihm so gefangen genommen werden - und damit das Feld und seine Einsätze z.B. auch dann anerkennen, wenn ihre Aktivitäten auf dessen (revolutionäre) Umgestaltung zielen -, dass sich ihnen die Frage, ob das Spiel den Einsatz lohnt, gar nicht stellt. In der fraglosen Selbstverständlichkeit der einverleibten Wahrnehmungs- und Klassifikationsschemata des H liegen seine "symbolische Gewalt" und seine spezifischen Herrschaftseffekte. In Abgrenzung von Vorstellungen, dass die Handlungsmotive der Akteure "auf das ökonomische Interesse" reduzierbar seien (144), betont Bourdieu die symbolische Dimension der Spiele in den verschiedenen Feldern: Dabei geht es immer auch um Anerkennung (Ehre, Prestige), um "symbolisches Kapital" oder "symbolischen Profit" (150). Soziale Felder sind "Kampffelder" (1985, 74), Orte der permanenten Auseinandersetzung der unterschiedlich positionierten Akteure um Spiel-Gewinne, um materielle oder symbolische Anerkennung, d.h. um Macht.
2. BOURDIEU hat sein H-Konzept nicht als "reine", empirielose Theorie entwickelt, sondern - seit Beginn seiner wissenschaftlichen Laufbahn in der Mitte des 20. Jh. - in empirischen Forschungszusammenhängen, in denen Begriffe anwendbar sein müssen und sich zu bewähren haben (1998, 13ff). Sein Credo lautet, dass der "innersten Logik der sozialen Welt" nur in der Erforschung von empirischen, zeitlich und räumlich genau bestimmbaren Realitäten auf die Spur zu kommen ist, die "als besonderer Fall des Möglichen" zu verstehen sind (14). Demzufolge hat Bourdieu sein H-Konzept in z.T. sehr heterogenen empirischen Untersuchungen entwickelt und entsprechend den jeweiligen Gegenständen modifiziert bzw. bestimmte Aspekte in den Vordergrund gestellt. Relativ selten hat er sich losgelöst von konkreten Forschungsprojekten zu seinen theoretischen "Handwerkszeugen" geäußert (1987, 1996, 1998), die er dennoch und zugleich als Bausteine versteht für ein Modell der "Prinzipien der Konstruktion des sozialen Raums" bzw. der "Mechanismen der Reproduktion dieses Raums", das "Anspruch auf universelle Gültigkeit erhebt" (1998, 15). In den Entwicklungen/Modifizierungen des H-Konzepts, die sich z.B. über die Jahre von einem noch tendenziell strukturalistischen bzw. auch substanzialistischen Denken (z.B. der H als ›Produkt‹ der "Primärerziehung"; 1976, 199) hin zu einer Betonung von Relationalität und Konstruktion feststellen lassen, spiegeln sich auch die Auseinandersetzungen und Perspektivenwechsel in den Sozialwissenschaften im letzten Drittel des 20. Jh. 2.1 BOURDIEU unternahm seine ersten soziologischen Untersuchungen im Algerien der 1960er Jahre, das sich im Übergang von einer ›traditionell‹-agrarischen zu einer ›modernen‹, kapitalistischen Gesellschaft befand. Die unübersehbaren Diskrepanzen zwischen den neuen Bedingungen einerseits, den Verhaltensweisen und Dispositionen der aus ihren bisherigen Lebenszusammenhängen herausgelösten Individuen andererseits, veranlassten ihn zu ethnologischen Studien bei den Kabylen, die von der sozialen "Konversion" (2000, 14) damals noch kaum erfasst waren. Seine Rekonstruktionen der symbolischen Kämpfe um Ehre und Anerkennung sowie der mythisch-rituellen Logik, die den praktischen Handlungen der kabylischen Frauen und Männer - vom Hausbau und den Bewegungen im Wohnhaus, der Aussaat und Ernte bis zur Heirat der "Parallelkusine" - Rhythmus, Ordnung und Sinn gaben, mündeten in den Entwurf einer Theorie der Praxis (1972; dt. 1976), mit der Bourdieu mit dem Strukturalismus LÉVI-STRAUSS' bricht.
Kern des Entwurfs ist eine "allgemeine Theorie der Ökonomie von Handlungen", die in einer Art "verallgemeinertem Materialismus" (zit.n. Schmeiser 1985, 173) das "ökonomische Kalkül" auf alle sozialen Äußerungen anwendet, seien sie materieller oder symbolischer, rational-zwecksetzender oder scheinbar zweckfreier Art (1976, 345). Die einem fremden Beobachter ›irrational‹ erscheinenden Verhaltensweisen - z.B. der um ihre Ehre besorgten kabylischen Männer - machten durchaus Sinn, wenn sie aus der Optik einer Ökonomie der Praxisformen und des strategischen Handelns der Akteure betrachtet wurden. BOURDIEUS Intention, die ›Vernünftigkeit‹ des Handelns aus der praktischen Logik zu erklären, die an eine konkrete soziale Ordnung und ihre Gesetze gebunden ist, implizierte konzeptionell, dass im Entwurf die Übereinstimmung von H und Struktur im Vordergrund stand. Zu (er)klären war, dass und wie der H als Operator diese Übereinstimmung von Handlungen und ›objektiven Bedingungen‹ leistet. Verstärkt wurde diese Akzentsetzung dadurch, dass Bourdieu es empirisch mit einer ›archaischen‹ Gesellschaft zu tun hatte, für die "doxa", d.h. die Erfahrung einer selbstverständlichen "Koinzidenz zwischen objektiver Ordnung und den subjektiven Organisationsprinzipien" (325) kennzeichnend ist. Aber Bourdieu hat bereits im Entwurf und insbesondere in Le sense pratique (1980) davor gewarnt, die Angepasstheit des H an die objektiven Bedingungen zirkulär als vollkommene Reproduktion zu interpretieren (1987, 117). Mit seiner "Logik des Ungefähren und der Verschwommenheit", mit seiner "ungewissen Abstraktion" (159) ist der H in der Lage, "Dauerhaftigkeit im Wandel" zu gewährleisten und die "Praktiken relativ unabhängig von den äußeren Determiniertheiten der unmittelbaren Gegenwart" zu machen (105). Auch können sich habituelle Dispositionen u.U. länger halten als die ökonomischen und sozialen Bedingungen ihrer Erzeugung ("Hysteresis"), mit dem Effekt, spezifische Praktiken der Anpassung oder Nichtanpassung, der Auflehnung oder Resignation hervorzubringen (116f).
2.2 Seit den 1970er Jahren konzentrierte sich BOURDIEU auf die soziologische Analyse der ›modernen‹, kapitalistischen Gesellschaft. In einer Reihe von empirischen Untersuchungen - z.B. in Arbeiten zum sozialen Gebrauch von Museen und der Fotographie, zur Reproduktion sozialer Ungleichheiten durch das Bildungssystem sowie zur Sozialstruktur Frankreichs - entwickelte er sein H-Konzept im Kontext seiner Klassentheorie weiter. Mit seinem Konzept des sozialen Raums formulierte er eine allgemeine Formel der Reproduktion der sozialen Welt (Struktur, Habitus, Praxis) und konkretisierte sie für moderne Gesellschaften (Klassen, Klassifikationen, Lebensstile). Die Annahme einer Ökonomie aller sozialen Handlungen differenzierte Bourdieu aus, indem er den Kapitalbegriff erweiterte ("ökonomisches", "kulturelles" und "soziales Kapital") und die qualitative und quantitative Zusammensetzung der Kapitalsorten sowie die zeitliche Entwicklung von Volumen und Struktur des Kapitals als die wesentlichen Indikatoren für soziale Schichtung ("objektive Klassen") und Ungleichheiten in modernen Gesellschaften herausstellte (1992).
In diesem Kontext erfuhr auch der H-Begriff spezifische Akzentsetzungen. Zum einen wurde er nun als Klassen-H konzipiert, d.h. als Erzeugungsmodus von Praxisformen und Klassifikationsschemata, die den "ähnlichen Soziallagen" der Mitglieder einer Klasse homolog sind und die zeitlich wie räumlich heterogenen Erfahrungen der Klassenmitglieder vereinheitlichen (1987, 112f). Zum anderen widmet Bourdieu den Klassifikationen, mittels derer der H ein "unterschiedliches Haben" in ein "unterschiedliches Sein" verwandelt, verstärkte Aufmerksamkeit und gibt ihnen, mit Blick auf die differenzierten Klassen-H, einen gewichtigen Platz in seiner Klassentheorie. In ›modernen‹ Gesellschaften mit ihrer prinzipiellen sozialstrukturellen ›Offenheit‹ sind die Differenzen in Bedeutungen, Manieren, Konsumgewohnheiten, kurz: in den Lebensstilen entscheidend für die Distanz, die Abgrenzung zwischen sozialen Klassen. Mit dieser "kulturtheoretischen Wendung" (vgl. EDER 1989) distanzierte sich BOURDIEU von Klassentheorien, die die Existenz von Klassen allein bzw. primär aus ›objektiven‹, d.h. vor allem ökonomischen Bedingungen oder Lagen ableiten, und erweiterte den Klassenbegriff um die kulturelle Dimension, die über den H konstituierend und reproduzierend wirksam wird. Für Bourdieu sind es wesentlich die Klassifikationsschemata des Klassen-H, durch welche die "Verteilungsstruktur des Kapitals, Bilanz eines Kräfteverhältnisses, in ein System wahrgenommener Differenzen, distinktiver Eigenschaften [...] verwandelt wird" (1982, 281) und sich die Akteure, die sich im sozialen Raum durch vergleichbare Positionen ›objektiv‹ nahe stehen, durch ihren Geschmack (Lebensstil) als Gleiche oder Unterschiedene wahrnehmen, Gemeinsamkeit oder soziale Distanz herstellen. Im Raum der Lebensstile wird - vermittelt über die Klassifikationsschemata der Klassen-H - der soziale Raum reproduziert. "Der Geschmack bewirkt, dass man hat, was man mag, weil man mag, was man hat, nämlich die Eigenschaften und Merkmale, die einem de facto zugeteilt und durch Klassifikation de jure zugewiesen werden." (285f)
2.3 Wird hier der Begriff des Klassen-H als "Strukturebene des Raum-Modells" (SCHWINGEL 1993, 64) entwickelt, so wird von BOURDIEU mit der Einführung des Feld-Begriffs in den 80er Jahren (u.a. in Untersuchungen zum künstlerischen, literarischen, wissenschaftlichen und religiösen Feld, zum Feld der Macht, des Rechts und der Bürokratie) nochmals eine Verschiebung bzw. Konkretisierung im H- Konzept vorgenommen. ›Moderne‹ Gesellschaften sind durch die Ausdifferenzierung von Feldern mit einer je eigenen Logik ("Spielregeln") gekennzeichnet, und die in einem Feld (bzw. mehreren Feldern) handelnden Akteure bilden die einem Feld homologen H aus. Ein Feld ist als "ein Netz oder eine Konfiguration von objektiven Relationen zwischen Positionen zu definieren" (BOURDIEU/WACQUANT 1996, 127), die von Akteuren eingenommen werden. Von ihrer Verfügung über Kapital(sorten) und deren Wert ("Trumpf") in einem Feld hängt ab, welche Position Akteure in einem Feld einnehmen, mit welcher Aussicht auf Erfolg sie in die beständigen Auseinandersetzungen um Anerkennung, Macht, Ressourcen eingreifen können. Ihre H sind sowohl den besonderen Spielregeln/Logiken des Feldes angepasst als auch ihrer jeweiligen Position in diesem Feld. In der Relation zum Feld wird der H zu einem Begriff, mit dem die Praxis sozialer Akteure als konkreter Prozess, als (Klassen-)Auseinandersetzung und zugleich systematisch - hinsichtlich ihrer Erzeugungsgrundlage - untersucht werden kann (vgl. 1997a).
3. In BOURDIEUS H-Konzept spielt der Gedanke der "symbolischen Gewalt" der Klassifikationsschemata von Anfang an eine zentrale Rolle - Macht und Herrschaft sind ohne diese Form von Gewalt und die Weise ihrer Wirkung und Reproduktion nicht hinreichend zu erklären. Für Bourdieu sind "Klassifikationsformen Herrschaftsformen", und die "Soziologie der Erkenntnis [ist] zugleich Soziologie der Anerkennung und Verkennung, d.h. der symbolischen Herrschaft" (1985a, 157).
In seinem Aufsatz La domination masculine (1990) skizziert BOURDIEU am besonderen Fall der Geschlechtsklassifikation das allgemeine Modell von symbolischer Herrschaft, dessen weitere Ausarbeitung "heute vielleicht das politisch Allerdringlichste" ist (1997c, 220). Die "sanfte Gewalt" (218), die die männliche (bzw. allgemeiner: die symbolische) Herrschaft auszeichnet, ist deshalb so mächtig, weil diese keiner Rechtfertigung bedarf, sie ist legitimiert, ohne legitimationsbedürftig zu sein. Vielmehr gewinnt sie, indem sie sich in "Praktiken und Diskursen niederschlägt, die das Sein im Modus der Evidenz aussprechen" (1997b, 158), die Qualität einer unhinterfragbaren ›Natürlichkeit‹. Am besonderen Fall der hierarchisierenden Geschlechtsklassifikation zeigt Bourdieu auf, worin die symbolische Dimension jeglicher Form von Macht und Herrschaft besteht, die ohne den H nicht entschlüsselt werden kann: Die habituelle Einverleibung des Gegensatzpaares männlich-weiblich als Visions- und Divisionsprinzip der sozialen Welt bewirkt, dass Herrschende wie Beherrschte gleichermaßen die Klassifikationen ins Spiel bringen, die die Dominanz des Männlichen und institutionalisierte Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern als quasi selbstverständlich bzw. ›natürlich‹ nahelegen und reproduzieren. Die Beherrschten (in diesem Fall: die Frauen) zollen den sie benachteiligenden "Vorurteilen" und Machtverhältnissen eine "abgepresste Anerkennung", weil und indem sie nur über die "Erkenntnismittel" verfügen, die sie mit den Herrschenden teilen und die "nichts anderes als die inkorporierte Form des Herrschaftsverhältnisses sind" (164).
Für BOURDIEU ist es "das Dunkel der praktischen Schemata des H", in dem sich die Wirkung der symbolischen Herrschaft entfaltet; eine Erklärung für die Form der Zustimmung der ›Beherrschten‹ ist nicht in der "naiven Alternative von Nötigung und Einwilligung, von Zwang und Zustimmung" zu finden, sondern in der "unmittelbaren und vorreflexiven Unterwerfung der sozialisierten Körper" (164f) unter die Schemata des vergeschlechtlichten und vergeschlechtlichenden H. Diese Visions- und Divisionsprinzipien existieren "in Form körperlicher Dispositionen von großer Wirkungskraft", die dem "Zugriff des Bewusstseins und der rationalen Argumentation entzogen" bleiben (1997c, 227). Darin sieht Bourdieu eine der Ursachen dafür, dass auch unter gegenwärtigen ›modernen‹ Bedingungen, unter denen sich "männliche Herrschaft nicht mehr mit der Evidenz des Selbstverständlichen durchsetzt" (226), und nicht zuletzt durch die Frauenbewegung bestimmte Formen offensichtlicher Diskriminierung abgebaut wurden, subtilere Formen der Benachteiligung und Abwertung von Frauen bzw. all dessen, was als ›weiblich‹ bedeutet wird, weiterhin wirksam sind. Eine (feministische) Revolution des Bewusstseins reicht deshalb für Bourdieu nicht aus, um die männliche Herrschaft, d.h. die "Beziehung der Komplizenschaft" (230) der Dominierten zu den Herrschaftsverhältnissen aufzubrechen, auch wenn er diese Formen der Selbstreflexion als unabdingbar für Veränderungen hält.
