"Endlich!", seufzt Walser erleichtert, und der Kanzler schmunzelt: "Ist ja toll!" Die Damen und Herren der nordischen Akademie haben entschieden, schon wieder Europa, Günter Grass hebt sein Sektglas für die versammelten Fotografen. Böll wäre wohl einverstanden, mutmaßt der Dichter aus Danzig. Vor 27 Jahren erhielt mit dem störrischen Kölner letztmalig ein Deutscher den Nobelpreis für Literatur, immer auch ein politisches Signal. 1972, die Brandtsche Ostpolitik, nicht nur von Böll, sondern bekanntermaßen nicht minder energisch von Grass unterstützt. Doch Grass mußte warten, genau vierzig Jahre. Nun hat er den Preis in der Tasche, explizit für sein Lebenswerk (aktenkundig: "whose frolicsome black fables portray the forgotten face of history.").
Aber eben dies mag keiner glauben. Nicht allein Karasek - das wäre ja gänzlich uninteressant - erklärt den Wahl-Lübecker hämisch zu einem "One Work Author" und tarnt dieses künstlerische Todesurteil auch noch als Kompliment. Die ewige Blechtrommel, sonst nichts. Vierzig bemühte Dichterjahre für die Katz - eine Grass sicher genehme Analogie, ansonsten, das läßt sich vermuten, ein Alptraum. Oskar trommelt, er trommelt in aller Welt. Der Schriftsteller Günter Grass hat ihn nicht einholen können, es würde ihm auch in den nächsten vierzig Jahren nicht gelingen. Doch das ist natürlich kein Vorwurf. Die Blechtrommel bleibt ein ungeheuerlicher Beitrag zur Weltliteratur, erfaßt die Schatten der jüngsten Vergangenheit mit grandioser Sprachgewalt. "Kunst ist Anklage, Ausdruck, Leidenschaft! Kunst, das ist schwarze Zeichenkohle, die sich auf weißem Papier zermürbt!" Grass wurde Professor Kuchens Anspruch zumindest ein einziges Mal gerecht. Dafür verdient er jeden Preis. Es scheint, als wäre die Zeichenkohle dann nach und nach brüchiger geworden, der Dichter selbst zermürbte sich zwischen "Verfassungspatriotismus" und krampfhaft kraftvoller Steinmetz-Prosa. Aber wer kräht schon "Es-Pe-De"! Vergessen wir heute den Hobby-Politiker. Der Literat Grass, seit knapp zwei Wochen offiziell letzter Nobelpreisträger dieses Jahrhunderts, hat ein Buch vorgelegt, das bedeutend sein könnte. Er stopft sich sein Pfeifchen, räuspert sich noch einmal und blickt zurück.
Mein Jahrhundert ist kein Roman. Es ist eine Sammlung von hundert Anekdoten, Gesprächen und öffentlichen Reden, fiktiven Begegnungen, Briefen und Monologen. Der Autor widmet jedem einzelnen Jahr ein paar Seiten, schlüpft in eine Vielzahl verschiedener Rollen. Beobachter der Geschichte, zumeist, Randgestalten - die "großen" Akteure, Ereignisse der Zeit im Blickfeld der Blassen und Einfachen. Die Erzähler wechseln von Jahr zu Jahr, mit wenigen, gewichtigen Ausnahmen: Sowohl die beiden Weltkriege, als auch Studentenbewegung und Deutscher Herbst samt Vorgeschichte werden jeweils über mehrere Kapitel hinweg aus der selben Perspektive betrachtet. Es handelt sich teils um die stärksten Passagen des Buches.
Agent Orange in Vietnam, es streiten sich Erich Maria Remarque und Ernst Jünger. Was für ein Paar! Diskutieren höflich den Schlachtverlauf an der West- und der Materialfront. "Wie aus Soldaten Mörder wurden", erinnert sich Remarque. Jünger nickt zögerlich, scheint derweil schon von neuen Stahlgewittern zu träumen. Auch der zweite Weltkrieg wird retrospektiv, jedoch aus weitaus geringerer Distanz heraus behandelt. Ein gespenstisches Familientreffen auf Sylt, ehemalige Kriegsberichterstatter und Propagandaknechte plaudern am Kaminfeuer. Draußen wütet ein Orkan. Aber: "Dieses Haus trotzt allen Sturmgewalten", so manches braune Hirn fabuliert noch immer über die "Wunderwaffe", die Kleinen schweigen. Die Räumung von Stutthof bleibt das Trauma des Berichtenden. "Ich sah das alles und schrieb nichts darüber." Nicht nur für ihn hat "der Krieg nie aufgehört". Grass pinselt hier eher unscheinbare, subtil bedrohliche schwarze Engel. Wer das Grauen, die eigene Schuld verdrängt wie die Alt-Nazis in den Chefetagen von Springer und Konsorten, wird vom Dichter bloßgestellt. "The forgotten face of history."
Die Schilderung der wilden Jahre überzeugt nur in Maßen. Kurras, Adorno, Amerikahaus. Todesfuge und "Todtnauberg". Junge Studentin zu 68er-Professor: "Von Ihnen kommt sowieso nichts mehr." Verwunderlich, wie der Autor auf unsägliche Weise die eigene Person einbringen muß. Es grenzt an Borniertheit, wenn "jener schnauzbärtige Schriftsteller" (derlei Formulierungen zeigen offenkundig Grass` Vorstellung von gelassener Selbstironie) den Bewegten von damals ein gnadenloses "Seht her, ich hab`s immer gewußt!" mit auf den Weg gibt. Hingegen fällt auf, daß in des Schnauzbarts sehr deutschem Jahrhundert die Wiedervereinigung, die er mit dröhnenden Cassandra-Rufen bekämpfte, nicht auf ähnliche Weise präsent ist wie Krieg und Völkermord, Revolte und RAF.
Grass schildert, natürlich, mehr Schatten als Licht, es gab nicht viel zu lachen. Er selbst hat nur vereinzelte literarisch luzide Momente. Hierzu zählen das düstere Kapitel über die Ermordung Erich Mühsams ("den tauben Juden stumm machen") 1934 und ein imaginäres Treffen von Brecht und Benn am Wannsee-Grab Kleists, mitten im Kalten Krieg. Ein schönes Pilz-Gleichnis noch, Schröder ist ein Flaschenbovist, viel mehr gibt es nicht. Gut, es ist "sein" Jahrhundert, doch muß deshalb alles so angestaubt, so sehr nach Grass klingen? Kein Stimmenimitator, der Mann. Den Gipfel der Peinlichkeit erklimmt er mühelos mit einer überaus authentischen, partiell in durchaus barockem Tonfall gehaltenen LIVE-Reportage von der 95er Love Parade am Ku`Damm, verweist sogar Heribert Faßbender in seine Schranken. Günter der Raver. Und Günter der Punk, d.h. die besorgte Mutti zweier "No Future"-Kids - der wirkliche Zeitgeist wird wiederum umständlich erstickt. Zudem langweilt Herr Grass die Lesenden mittels seiner Privatfehde mit Frau Breuel, auch wenn er, wie er in einem ZEIT-Gespräch kürzlich hervorhob, ja gar keine Namen nennt, sondern bloß eine "Mentalität" beschreibt. Niemand verurteilt an dieser Stelle aktuelle Bezüge im Werke Grass, er hat recht, der Vorwurf wird auch durch Wiederholung nicht besser. Doch es bleibt mehr als fraglich, ob Kapitel wie jenes über die Treuhandanstalt in der schwedischen Übersetzung enthalten sind.
BILD bringt die Homestory aus Lübeck: "Nobelpreis - wie Grass es seinem Hund gesagt hat!". Oder so ähnlich, es ist auch ganz gleich. "Bei keinem deutschen Autor unterscheiden sich die Wahrnehmungen im Inland so sehr von denen im Ausland wie bei Günter Grass." (FAZ) Das stimmt - ein Blick in die Ferne: Die New York Times feiert, bezeugt dem Preisträger eine poetische Intensität, die nur dem Heimatland Goethes und Goebbels, Heines und Hitlers entspringen könne. Oskar trommelt, er trommelt in aller Welt. Doch Mein Jahrhundert läßt davon nur wenig erahnen, wird bald vergessen sein. Ein bitterer Beigeschmack. Es bleibt eine Bitte, ein Wunsch. Anklage, Ausdruck, Leidenschaft! Schwarze Fabeln, Zeichenkohle auf weißem Papier!
