Wie in kaum einem anderen Feld der politischen Theorie hat es innerhalb des Feminismus in den letzten 15 Jahren fundamentale Umbrüche gegeben. Im akademischen und öffentlichen Diskurs sind zunehmend Stimmen zu vernehmen, die eine "post-feministische" Ära annoncieren. Mit diesem Begriff soll weniger das viel beschworene Ende der Frauenbewegung oder das Backlash-Klima der Nachwende-Zeit, als vielmehr eine die Grundsätze feministischer Theorie und Praxis hinterfragende Strömung innerhalb der feministischen Debatte selbst belegt werden.
Zwei Debatten sind zunächst zu nennen. Ausgehend von marginalisierten Frauen in den USA werden seit den 1980er Jahren zunehmend Fragmentierungen innerhalb eines bis dahin als einheitlich vorgestellten Subjekts feministischer Theorie herausgestellt. Dies führt automatisch zu einem Legitimationsdefizit einer hauptsächlich an weißen, heterosexuellen Mittelschichts-Frauen orientierten feministischen Theorie und Praxis. Ein zweiter diskursiver Implus kommt von dekonstruktivistisch-orientierten Autorinnen, die körperliche Zweigeschlechtlichkeit als kulturell spezifische Form der Klassifikation in den Blick nehmen und deren enge Verknüpfung mit Heteronormativität thematisierten. Resultat dieser Diskussionen ist die Abkehr von Identitätspolitik aber auch die Ausdifferenzierung der Theorie und die Akademisierung der Diskussion, was nicht zuletzt auf den Charakter dekonstruktivistischer Theorien zurückzuführen ist.
Becker-Schmidt und Knapp fokussieren mit ihrer Einführung in feministische Theorien die beiden obigen Stränge. Die Frage nach den sozialen Konflikten, die eine Beschäftigung mit den strukturellen Folgen der geschlechtlichen Ungleichbehandlung nötig machen, sowie die nach dem Stellenwert sozialer Differenzen zwischen Frauen in verschiedenen Theorieansätzen sollen den Überblick strukturieren.
Becker-Schmidt ruft zunächst die Ausgangsproblematiken feministischer Wissenschafts- und Gesellschaftskritik in Gedächtnis: die Erschaffung eines Raumes für ein Argumentieren jenseits männlich geprägter Weltanschauung. Zur Illustration stellt die Autorin zwei sozial-historische Analysen zur europäischen Moderne vor, die den Zusammenhang von Gelehrtenwissen, Männermacht und Antifeminismus belegen. Dieses sich als Diskurs über die 'Natur des Mannes/der Frau' artikulierende Aussagesystem erfährt erste gravierende Akzentverschiebungen nicht etwa in Folge der Französischen Revolution, sondern durch die gesellschaftlichen Umbrüche der Industrialisierung, welche die Trennung in Reproduktions- und Produktionsarbeit fixieren und gleichzeitig Frauen offiziell auf erstere festschreiben. Die Autorin schließt mit einem Überblick über erste Problemstellungen der Frauenforschung der 1970er Jahre und skizziert deren Ausdifferenzierung.
Im folgenden reflektiert Knapp kritisch die zentrale Position der Kategorien Sex und Gender im feministischen Diskurs. Dabei rekurriert sie auf Butler, die den kulturellen Fundierungszusammenhang der Zweigeschlechtlichkeit mit Blick auf die heterosexuelle Normierung der Ordnung des Begehrens untersucht. Ebenso wie Butlers Überlegung zur Subversion der Geschlechterverhältnisse durch Parodie kommt anschließend Donna Harraways Behauptung einer Erosion fundamentaler Dualismen westlichen Denkens - und damit auch der Geschlechterkategorien - im Zeitalter der 'Techno-sciences' zur Sprache. Davon ausgehend rekonstruiert Knapp die Diskussion um die Differenzen unter Frauen und kritisiert eine einheitliche Identitätspolitik. Sie weiß jedoch auch um die Grenzen ihrer Kritik: ein "verabsolutiertes Ideal einer vollständigen Kontextualisierung" sowie die generelle Abkehr von einer feministischen Identitätspolitik sind für Knapp zweifelhaft. Vielmehr bedürfe es einer Politik, die ohne universalistische Konzepte auskommt, einer "Politik der Differenz" (Iris Young).
Im letzten Kapitel ihrer Einführung versuchen sich die Autorinnen an einer Leerstelle feministischer Theorie: abgesehen von Foucault-inspirierten Ansätzen und der feministischen Psychoanalysediskussion gibt es in diesem Feld bisher kaum Ansätze, die sich expressis verbis mit der Kategorie 'Subjekt' beschäftigen. Die von Becker-Schmidt und Knapp versuchte Rekonstruktion der Foucaultschen Überlegungen zur Subjektkonstitution, sowie der Exkurs zu Psychoanalyse und Feminismus sind allerdings so kompakt geraten, dass hier der Einführungscharakter des Buches etwas verloren geht.
Feministische Theorie bleibt ein weites Feld kontroverser Ansätze und adäquate Theoriebildung wird auch weiterhin diese Vielschichtigkeit ausloten müssen. Dabei wird es nicht genügen auf Sprache, Diskurse, Wissen und normative Regelungen abzuheben: feministische Theorie wird stärker als bisher die Bedeutung von Geschlechterverhältnissen für die Reproduktion von Gesellschaft denken müssen.
