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Das falsche Lächeln der Toleranz
Ausgabe 4.0 - 01.05.2000
   

Warum verkauft General Motors kein Crack?

Michael Moore ist der beliebteste arbeitslose Fabrikarbeiter der USA und gut im Geschäft


Es mag überraschen, aber Zurückhaltung ist der Kern des Fernsehens. Es verhält sich so harmlos wie möglich, um niemanden aufzuwecken. Selbst wenn es in einer Sendung mal kontrovers zugeht, sind dem Streit enge Grenzen gesetzt. Kühne, unerhörte oder gar verwegene Meinungen bleiben der Alternativpresse, in extremis dem Radio vorbehalten. Und dann gibt es doch Ein-Mann-Kommandos wie Michael Moore - Amerikas beliebtester arbeitsloser Fabrikarbeiter - die dieses Klischee bedrohen. Eigentlich mag Moore das Fernsehen nicht so sonderlich, da es lediglich Ängste und Vorurteile schüre, um die Zuschauenden desto leichter einschläfern zu können. Dennoch versucht er immer wieder, es anders zu machen. Etwa mit seiner Show "TV Nation", die 1995 einen Emmy gewann, oder später mit der Serie "The Awful Truth". Warum er überhaupt eine Chance kriegt? "Es gibt diese alte Redensart: Der Kapitalist verkauft Dir das Seil, mit dem Du ihn aufhängst. Das ist so eine schöne Beschreibung."

In der ersten Episode von "The Awful Truth" fiel Moore, begleitet von einer als Puritaner gekleideten Bande von Schauspielern, in Washington ein, um Kenneth Starr und dem Kongreß zu zeigen, wie sie eine bessere und preiswertere "Hexenjagd" hätten haben können. Interessant an dieser Sequenz ist vor allem die Reaktion der Opfer. Sie sind hin und her gerissen zwischen dem Verlangen, zuzuschlagen und dem Wissen, daß es in Gegenwart einer Kamera nur eine einzige Methode gibt, sich halbwegs würdevoll aus der Affäre zu ziehen - und sie hören nicht mehr auf zu lächeln. In einem anderen Beitrag geht es um einen Mann, der sterben wird, weil ihm seine Krankenversicherung die Transplantation einer Bauchspeicheldrüse verweigert. Umgehend inszeniert Moore ein Probebegräbnis vor dem Hauptsitz des Versicherungsunternehmens, mit Sarg und allem, was dazu gehört. Als geistiges Aphrodisiakum setzt Moore weniger auf moralinsaure Predigten und noch weniger auf elaborierte Theorien, sondern auf Gelächter. Moore ist kein Demagoge, und obwohl er teilweise einen recht zentralen Platz in seinen Werken einnimmt, weisen sie doch eher von ihm weg. Die Game-Show-Berühmtheit Bob Eubanks vernichtete er beispielsweise ganz einfach dadurch, daß er ihn reden und reden und reden ließ.

Häufig wurde Moore eine simplifizierende Sicht der Dinge vorgeworfen, worauf er recht routiniert zu erwidern pflegt: "Wenn Sie eine Predigt wollen, dann sollten Sie in die Kirche gehen. Wenn Sie eine politische Versammlung wollen, sollten Sie sich einer Partei anschließen. Meine Aufgabe ist es, die Leute zu unterhalten und dabei sicherzustellen, daß sie für eine halbe Stunde etwas zu Lachen haben. Wenn sie dann auf Kosten von Leuten lachen können, die in ihren Leben viel Unheil anrichten, wie etwa Unternehmer oder Politiker, dann ist das großartig." Moore ist die Fleisch gewordene Wendung "That's life", nur mit kritischer Attitüde.

Moore stammt aus einer Familie von Autoarbeitern, arbeitete allerdings selbst nur einen Tag bei General Motors, bevor er Achselschweiß durch Druckschwärze ersetzte. Mit 22 Jahren gründete er 1976 die Alternativzeitung The Flint/Michigan Voice. Er arbeite beim Radio und als Chefredakteur der Zeitschrift Mother Jones in San Francisco. Doch erst als General Motors in seiner Heimatstadt Flint in Michigan 11 seine Werke schloß, hatte er seine Aufgabe gefunden. Er wurde zum Regisseur von "Roger & Me", einer dokumentarischen Low-Budget-Satire, in der er zeigte, wie das reichste Unternehmen der Welt das Leben von 150.000 Stadtbewohnern zerstörte, in dem es zu Zeiten von Rekordgewinnen über 30.000 Arbeiter entließ. Was in Flint folgte, waren Selbstmorde, Morde und Zwangsräumungen. Doch statt gegen die Pläne von GM zu kämpfen, bewarben sich die Arbeiter auf die verbleibenden, prekären Jobs. Die Stadtväter bauten zuerst ein neues Gefängnis, dann ein Luxushotel und schließlich den Vergnügungspark AutoWorld. Touristen sollten angelockt werden, doch es kam nur Ronald Reagan und lud 12 Arbeiter zu einer Pizza ein. Anschließend wurde aus dem Herzen der amerikanischen Wirtschaft binnen kürzester Zeit der ärmste Fleck weit und breit.

Die Dreharbeiten zu "Roger & Me" hatten 1987 begonnen, zur Finanzierung hatte Moore Bingo-Spiele organisiert und sein Haus verkauft. Der Film gewann eine Reihe von Preisen, wurde mit Einnahmen von 25 Millionen Dollar zum erfolgreichste Dokumentarfilm aller Zeiten - und ein Alptraum für die PR-Abteilung von General Motors. Denn der Titel des Films verweist auf Moores sich durch den ganzen Film ziehenden, letztlich erfolglosen Versuch, ein Gespräch mit dem GM-Präsidenten Roger Smith zu führen und ihn nach Flint einzuladen. Doch auch ohne das Gespräch macht es Freude, dem harmlos aussehenden Koloß Moore dabei zuzusehen, wie er in ihm unbekannte Welten vordringt. Er ist so ein Typ, der sich wundert, wenn er im Fahrstuhl des Detroiter Hauptsitzes von GM auf den Knopf für die oberste Etage drückt und sich nichts bewegt. In seiner Arbeiterkluft bietet er dabei einen drastischen Kontrast zur geleckten Welt der Segelclubs von Smith und alles sieht ein wenig aus wie "Malen-nach-Zahlen"-Marxismus. Diese Bilder spiegeln allerdings die Wahrheit jener Reagan-Ära der 80er Jahre, die die USA endgültig zu einer sozialen Wüste machten.

Moore verkaufte die Rechte von "Roger & Me" für 3 Millionen Dollar an Warner Brothers. Er hatte bessere Angebote, aber Warner war mit Moores ungewöhnlichen Konditionen einverstanden. Diese beinhalteten einen landesweiten Vertrieb in 800 Kinos, 50.000 Freikarten für Arbeitslose, eine 30-Städte-Tournee des Films im Beisein von vier Bewohnern Flints, und die Zahlung der Miete von vier Flinter Familien, deren Zwangsräumung im Film zu sehen ist. Eine Million zahlte Moore an den Fiskus, eine weitere Million ging an Filmemacher- Frauen-, AIDS- und Obdachlosen-Organisationen, und die letzte Million steckte er in die Gründung seines eigenen Produktionsunternehmens "Dog Eat Dog Films". Den Weg zurück nach Flint und in Fabriken mußte Moore, der nie ein College besuchte, nun nicht mehr fürchten.

1996 erschien sein Buch "Downsize this! Random Threats from an Unarmed American". Es ähnelt in vielem seinen vorhergehenden Bemühungen, mit Hilfe einer verschwörerisch witzelnden Satire normalen Menschen die Absurdität der von einer Art von Räuberbaronen beherrschten Welt vor Augen zu führen, in der sie leben. Unter der Schlagzeile "Was ist Terrorismus?" zeigt Moore zwei Fotos - oben das zerstörte Verwaltungsgebäude in Oklahoma City, und darunter eine diesem Bild stark ähnelnde Fabrik in Flint. Was ist der Unterschied, fragt Moore, zwischen politischen und ökonomischen Terroristen? Die Antwort: "Das Unternehmen verwendet keine selbst gebastelte Bombe oder Waffe. Es ist so höflich, die Leute aus dem Gebäude zu jagen, bevor es in die Luft fliegt." Doch auch dabei handele es sich, wenn auch indirekt, um Mord. So habe eine Studie von Ökonomen der Universität Utah gezeigt, daß mit einem einprozentigen Anstieg der Arbeitslosigkeit die Zahl an Morden um 6,7 Prozent zunimmt, die von Gewaltverbrechen um 3,4 Prozent, von Eigentumsdelikten um 2,4 Prozent und von Toden durch Herzkrankheiten um 5,6 Prozent. Ganz zu schweigen vom Alkoholismus. "Wir nennen das Unternehmen nicht Mörder, und seine Taten nicht Terrorismus, obwohl es keinen Zweifel daran gibt, daß seine im Namen der Gier getöteten Opfer genauso tot sind wie jene armen Seelen in Oklahoma City."

Am stärksten ist Moore jedoch dann, wenn er sich oder andere Menschen dazu bringt, gewisse Gedanken konsequent zu Ende zu denken. So schlägt er beispielsweise vor, daß die Wähler demnächst direkt für diese oder jene Lobbyisten stimmen sollten und will aus Kostengründen das Weiße Haus, den Kongreß und den Senat nach Mexiko verlagern. Er bringt einen männlichen Abtreibungsgegner dazu, ernsthaft die männliche Masturbation in Frage zu stellen, da ja jeder Spermie ein Leben innewohne, und bei einer Rede vor dem amerikanischen Verband der Bibliotheken bringt er alle Anwesenden durch die Frage nach dem Namen des kanadischen Premierministers zum betretenen Schweigen. Nur eine leise Stimme antwortet: "Aber wir können es nachschlagen."

Der letzte Film von Moore heißt "The Big One". Dabei handelt es sich um Moores Namensvorschlag für eine Umbenennung der USA. Dieser Dokumentarfilm ist eine Mischung aus routinierter Standup-Comedy, anekdotischem Kino und echter Dokumentation. Gegenüber "Roger & Me" tritt Moore selbst weit mehr in den Vordergrund. Erneut mit wenig Mitteln ausgestattet und hauptsächlich von der BBC gesponsort, nutzt Moore eine Promotion-Tour für "Downsize This!", um in den abgelegensten Provinzstädten seine Kamera auszupacken. Sein Ziel erneut: Einen Vorstandsvorsitzenden zu finden, der ihm vor der Kamera erklärt, warum seine Firma trotz riesiger Gewinne gerade jetzt Massenentlassungen vornimmt. Tatsächlich hat sich die Auswahl gegenüber "Roger & Me" vergrößert. In nahezu jeder Stadt, die Moore anläuft, finden gerade Entlassungen bei Unternehmen statt, die satte Gewinne machen. Aber immer wieder scheitert er auf dem Weg zu den großen Vorsitzenden an aalglatten PR-Schergen, denen er dann stellvertretend seine "Downsizer-of-the-Year"-Awards überreicht.

In "Downsize This!" fragt er: "Wenn es nur darum geht, mehr Gewinn zu machen, warum verkauft General Motors dann kein Crack? Crack ist ein sehr rentables Erzeugnis. Mit jedem Pfund Kokain, das in Crack transformiert wird, macht der Händler einen Gewinn von 45.000 Dollar. Beim Verkauf eines 1000 Kilo schweren Autos verdient er weniger als 2000 Dollar. Crack ist auch sicherer zu benutzen als Autos. Jedes Jahr sterben 40.000 Leute bei Verkehrsunfällen. Crack tötet hingegen laut einer Regierungsstatistik nur einige hundert Menschen im Jahr. Und es verschmutzt nicht die Umwelt. Warum also verkauft General Motors kein Crack? General Motors verkauft kein Crack, weil es illegal ist. Warum ist es illegal? Weil wir als Gesellschaft bestimmt haben, das Crack das Leben von Menschen zerstört." Nichts anderes geschehe jedoch, wenn eine Fabrik schließe. "Ein böses Imperium ist am Ende. Bleibt noch eins," so Moore gegen Ende von "The Big One". Aber es ist nicht der Kapitalismus, den Moore auszulöschen sucht, sondern vor allem dessen ungezügelte Gier. Moore hat nichts gegen Leute, die Geld verdienen. Er hat nur etwas gegen die Unternehmen, die es Menschen unmöglich machen, sich irgendwie ihr Auskommen zu sichern.


Abschließender Höhepunkt von "The Big One" ist Moores Begegnung mit dem Nike-Präsidenten Phil Knight. Moore ist freundlich, wahrt aber die notwendige Distanz. Er überreicht Knight zwei Flugtickets nach Indonesien, um dort gemeinsam die Nike-Fabriken mit den unter unmenschlichen Bedingungen schuftenden Kinderarbeitern zu besichtigen. Knight ziert sich. Moore fragt, ob es Knight nichts ausmache, Schuhe in einem Land herzustellen, dessen Menschenrechtsverletzungen nahezu legendär seien? Knights geschickte Antwort: "Amerikaner wollen ja keine Schuhe herstellen." Gleich erfolgt ein Schnitt auf Menschen in Flint, die in die Kamera rufen, daß sie arbeitslos seien, kein Geld hätten, und liebend gerne Schuhe bauen würden.

Ganz besonders unglücklich war Nikes PR-Abteilung jedoch mit Knights folgender Aussage. Moore fragt ihn, ob es ihm keine Probleme bereite, daß in den indonesischen Fabriken 12 Jahre alte Kinder arbeiten würden. Die kluge Antwort: "In den Fabriken arbeiten keine 12jährigen... Das Mindestalter ist 14." Nike gibt im Jahr zwar fast eine Milliarde Dollar für Werbung aus, aber der Sturm der Entrüstung, der auf diesen Satz folgte, wog diese Summe locker auf. Vertreter von Nike reisten Moore nach, um ihn dazu zu bringen, die entsprechenden Passagen aus dem Film zu schneiden. Wenn Nike in Flint eine Fabrik baue, die 500 Menschen dauerhaft Arbeit biete, dann seien die Passagen raus, lautete Moores Angebot. Er hörte nie wieder von Nike oder Knight, doch das Mindestalter in Nikes asiatischen Fabriken liegt nun seit längerer Zeit bei 18 Jahren.

Moore sagt von sich: "Ich bin jemand mit High-School-Bildung. Ich habe nicht vor, mit der endgültigen Lösung für alle Probleme anzukommen." Er ist halt etwas mehr Graucho als Marx. Stellen Sie sich George Orwell mit Sinn für Humor vor und Sie haben Michael Moore. Wie Orwell ist Moore ein Intellektueller der Arbeiterklasse. Im Gegensatz zu Orwell verbirgt Moore seine Gelehrsamkeit, in dem er oberflächlich wirkt wie ein tumber Bauerntölpel. Dies ist seine Stärke. Es ist ein Glückspilz, der, sehr zum Leidwesen einiger Firmenchefs, dem ihm eigentlich vom Leben versprochenen Dasein in ihren Fabriken entfliehen konnte. Letztlich sieht er sich als Repräsentant der größten Wählervereinigung der USA: derjenigen, die sich dafür entschieden habe, ihre Stellungnahme darin bestehen zu lassen, nicht länger Stellung zu nehmen. Tatsächlich haben bei den Wahlen 1994 genau 118.535.278 stimmberechtigte Amerikaner nicht den Weg an die Urne gefunden. Dies sind 60% der stimmberechtigten Bevölkerung, oder aber die Einwohner von 42 US-Bundesstaaten.

Möglicherweise erreicht er sie weiterhin, wenn es ihm auch in Zukunft gelingt, die manipulierende Maschinerie der PR-Abteilungen zu verstehen und mit demselben Zynismus und der gleichen Klugheit zurückzuschlagen wie bisher. Denn dann dreht er Dokumentarfilme für Menschen, die eigentlich keine Dokumentarfilme mögen, und überrascht sie damit, daß diese nicht vor Mitleid triefen müssen, sondern gleichzeitig lustig und kritisch sein können. Wenn Moore mit der Zeit ein besserer Filmemacher wird, dann könnte er möglicherweise irgendwann politische Probleme komplexer darstellen, als er es bisher getan hat, und trotzdem sein Publikum bei der Stange halten. Vielleicht.

Filmographie:

1989 Roger and Me
1992 Pets or meat: The return to Flint
1992 Blood in the face
1995 Canadian bacon
1994/95 TV Nation
1997 The Big One
1998 / 1999 The Awful Truth

Bibliographie:

Michael Moore: Downsize this! Random Threats from an Unarmed American. New York. 1996. 278 Seiten. Random. $21

Michael Moore, Kathleen Glynn: Adventures in a TV Nation. New York. 1998. 241 Seiten. Harperperennial Library. $13




 
   
   
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