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Der Einkaufspark vor den Toren der Stadt
Ausgabe 7.0 - 22.03.2001
   

La condition française

Gegenwartsliteratur jenseits des Rheins


Vielleicht liegt es ja in der Natur der Sache, oder besser: des Faches. Wo immer die Literaturwissenschaft ihren Betrieb aufnimmt darf man getrost davon ausgehen, dass zeitgenössische Literatur zu kurz kommt - ein Studium der Vorlesungsverzeichnisse deutscher Universitäten würde diese These zweifellos untermauern. Schon allein aus diesem Grund ist jeder Versuch höchst löblich, der Gegenwartsliteratur etwas mehr Raum zu verschaffen.

Eine der jüngeren Unternehmungen in dieser Richtung ist ein Autorenlexikon der französischen Gegenwartsliteratur, kürzlich erschienen im C.H. Beck Verlag. Doch nicht nur der Bekanntheitsgrad der französischen SchriftstellerInnen wird mit einem solchen Projekten erhöht; das Lexikon bietet selbst dem nicht-kundigen Leser einen Überblick, der die Differenzen der französischen zur deutschen Schreibe nur zu deutlich macht.

Hier wäre wohl zuerst die Bedeutung maghrebinischer AutorInnen hervorzuheben. Diese Präsenz anderer kultureller Erfahrungen und Selbstdeutungen bereichert die französischen Literaturlandschaft um einen Themenkreis, der hierzulande ein vergleichbar marginales Dasein fristet: die Migration. Aber darauf lassen sich die Werke nordafrikanischer SchriftstellerInnen thematisch nicht reduzieren. Auch das Geschlechterverhältnis – der Roman "L'enfant de sable" von Tahar Ben Jelloun ist hier sicher der bekannteste Fall - spielt immer wieder eine Rolle.

Die große Gruppe der Autoren aus Algerien und Marokko wird dicht gefolgt von den zahlreichen kanadischen Schreiberlingen. Aber auch der ursprünglich russische Autor Andreï Makine findet hier seinen Platz. Diesen füllt er aus mit Anekdoten über die Akzeptanzprobleme seines eigenen Schaffens in der sakrosankten Verlagswelt des Rive Gauche; gleichzeitig auch ein Problem der migrantischen und frankophonen Literatur überhaupt. So sind die drei ersten französischen Romane Makines mit dem Zusatz "übersetzt von Albert Lemonnier" erschienen, denn im Land der Academie Française kann anscheinend nicht sein, was nicht sein darf: ein Nicht-Muttersprachler, der in der Sprache von Flaubert und Hugo seinen Ausdruck sucht.

Über diesem Konservatismus sollte allerdings nicht der grundsätzlich republikanische Zug der französischen Gesellschaft - der 'Geist von 1789' - vergessen werden, vor allem gewahr der Tatsache, von wo man seinen Blick auf die andere Rheinseite wirft. So stand dort, wo im Herbst letzten Jahres - als Vertreterin der französischen Gegenwartsliteratur wegen ihres Engagements für die Rechte muslimischer Frauen und die Entspannung in Algerien - die gebürtige Algerierin Assia Djebar mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, zwei Jahre zuvor ein Schwergewicht des deutschen Ressentiments: Martin Walser.

Petra Metz/Dirk Naguschewski (Hrsg.): "Französische Literatur der Gegenwart. Ein Autorenlexikon", C.H. Beck Verlag, München 2001, ca. 130 S., 24,90 DM

Der Verlag hat im Internet eine Begleitbibliographie zum Buch veröffentlicht.




 
   
   
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