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E-Journal für Haupt- und Nebenwidersprüche
Ausgabe 1.1 - 01.08.1999
   

Mein Königreich für einen Fernsehsender

Von der "französischen Ausnahme" im audiovisuellen Sektor - Dt. Übersetzung von "Mon royaume pour une chaîne de Télé"


Die französische Situation in Sachen Kommunikation, insbesondere im audiovisuellen Bereich ist symptomatisch für die Mißachtung der Demokratie durch die großen französischen Unternehmensgruppen. Vorerst beschränken wir uns dabei auf diesen audiovisuellen Aspekt des Problems, denn dieses Medium wird am stärksten beachtet und - merkwürdigerweise - auch am stärksten geachtet.

Abgesehen von Satelliten- und Kabelstationen existieren in Frankreich sechs qua Antenne empfangbare Sender. Drei von ihnen kontrolliert der Staat (France 2, France 3 und La Cinquième-Arte); die drei anderen (TF1, Canal +, M6) werden als die sogenannten "unabhängigen" Sender bezeichnet. Alle gemeinsam unterstehen einer Steuerungsbehörde (dem Conseil Supérieur de l'Audiovisuel ), der wie alle sogenannten "Unabhängigen Administrativen Behörden" nichts anderes symbolisiert als die Abdankung der öffentlichen Gewalt, und damit des Triumphes von Partikularinteressen über das Interesse der Allgemeinheit. Sind also die privaten Sender unabhängig? Erlauben sie ein besseres Funktionieren der Demokratie? Haben sie es den Bürgern erlaubt von einem Medium zu profitieren, daß sich der Vormundschaft eines Staates entledigt hat, der ein wenig zu sehr dazu neigt ein ihm "zu Diensten seiendes" Fernsehen zu haben?

Nichts scheint weniger sicher. Nimmt man die veschiedenen Besitzer genauer unter die Lupe, dann gewährtigt man eine mehr als bedenkliche Situation: Alle Privatsender befinden sich in den Händen der größten kapitalistischen Gruppen Frankreichs die sich daran gewöhnt haben zum Schaden aller bürgerrechtlichen Überlegungen alleine nach ihren Profiten streben. Doch darin unterscheidet sich Frankreich nicht von seinen Nachbarn: Dominiert in Deutschland nicht Bertelsmann, Berlusconie in Italien, und Murdoch in England? Die "französische Ausnahme" schreckt erst auf wenn man weiß, daß alle Gruppen, die private TV-Sender besitzen sich gleichzeitig in großem Maße um öffentliche Aufträge bemühen.

So ist Bouygues, der Hauptaktionär von TF 1, weltweit die Nr.1 im Hoch- und Tiefbau, und profitiert somit massiv von öffentlichen Aufträgen. Über Havas ist die Générale des Eaux, gemeinsam bekannt unter dem Namen Vivendi, der Hauptaktionär von Canal+, und kontrolliert gleichzeitig nicht weniger als die Hälfte der französischen Wasserwirtschaft. Anders gesagt, das Unternehmen schließt mit den Kommunen Konzessionsverträge über diesen immenz wichtigen öffentlichen Dienst. Die andere Hälfte der französischen Wasserwirtschaft befindet sich in den Händen der Lyonnaise des Eaux, die, gemeinsam mit der Compagnie Luxembourgeoise de télévision (CLT) den Sender M6 kontrolliert.

Um dieses trügerische System besser zu verstehen ist es hilfreich sich mit TF 1 ein besonders emblematisches Beispiel dieser Entsagung von der Demokratie vor Augen zu führen. TF 1 ist das größte Medium Europas und bewegt sich seit seiner Privatisierung im Jahr 1987 um einen Marktanteil von 40%. TF1 wird wie gesagt von Bouyges geführt. Und inn den Händen dieses größten Betonierers der Welt ist TF1 zu einem absolut unkontrollierbaren Beeinflussungsmittel geworden. Die Funktionsweise des Systems ist einfach. Bouyges braucht öffentliche Aufträge um zu leben, und um sich Gehör und "Existenz" zu verschaffen brauchen die Politiker das Fernsehen - und besonders seinen wichtigsten Sender.

So erklärt sich etwa die Überrepräsentation von politischen Hinterbänklern die über beträchtliche Budgets im Bereich der öffentlichen Infrastruktur verfügen. Was soll man außerdem dazu sagen, daß TF1 im August 1991 zunächst ein sehr positive "Bild" von Saddam Hussein zeichnete, einem der größten Kunden von Bouygues? Oder über die gefällig geschenkten Auftritte von Hassan II., dem marokkanischen Tyrannen, der dank seines pharaonischen Geschmacks in Sachen Architektur dem Unternehmen Bouyges vorzügliche Absatzmärkte versprach?

Die Firmenleitung hat Gefallen gefunden an diesem kleinen Spiel und sich auf dem Zenith ihrer Macht sogar in den Kopf gesetzt den Präsidenten der französischen Republik wählen zu lassen - seinen Präsidenten, der ihr nichts mehr abschlagen könnte und es ihr erlauben würde das kapitalistische Nirwana zu erreichen. So setzte sie in den zwei Jahren vor der Präsidentschaftswahl 1995 alles auf einen Mann: den konservativen Edouard Balladur (RPR), damals Premierminister, der so mehr und mehr zum Gegenkanditaten seines Chefs Jacques Chirac wurde. Daß TF 1 sein Ziel nicht erreichte tut letztlich nicht viel zur Sache. Es ist wesentlich interessanter den Machtmißbrauch zu betrachten, den sich TF1 leistete um seinen Wille durchzusetzen.

Daß charakteristischste Beispiel hierfür ist zweifellos die Dauer, die den verschiedenen Politikern und später den erklärten Präsidentschaftskandidaten als Redezeit zur Verfügung gestellt wurde. Dabei gilt in Frankreich überlicherweise die Regel, daß die der Politik gewidmete Sendezeit durch drei geteilt wird: ein Drittel für die Regierung; ein Drittel für die Mehrheit; ein Drittel für die Opposition. In Wahlkampfzeiten sollen die Fernsehsender darüber hinaus noch für ein relatives Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Kandidaten sorgen.

Nun gilt es zu untersuchen in welcher Manier TF1 zwischen 1992 und 1995, dem Jahr der Präsidentschaftswahlen, die Sendezeit verteilte, wobei anzumerken ist, daß in der höheren Etagen der Politik und den Medien die Wahlvorbereitungen schon mindestens zwei Jahre zuvor beginnen. So etwa in den 20-Uhr-Nachrichten, den mit einem durchschnittlichen Aufkommen von täglich zehn Millionen Zuschauern meistgesehenen Frankreichs, in denen die französischen Spitzenpolitiker versuchen sich mit der narzißtischen Leere ihres größenwahnsinnigen Moderatores Patrick Poivre d'Arvor zu messen.

Balladur: 10 Auftritte; zuzüglich seiner Anhänger: 44 Auftritte.

Chirac: 4 Auftritte; zuzüglich seiner Anhänger: 15 Auftritte.

Die linke Opposition (Sozialistische Partei): 28 Auftritte, davon Bernard Tapie: 8 Auftritte; Jaques Lang: 7 Auftritte; Lionel Jospin: 3 Auftritte.

Auch wenn diese Zahlen problemlos ohne Kommentar auskommen ist es doch bezeichnend, daß wer die zwei von TF 1 bevorzugten "linken" Politiker waren: Bernard Tapie, ein politischer "Komet" und Geschäftsmacher (Er war 1993 Präsident des Fußballclubs Olympique Marseille, seinerzeit Europapokalsieger; anmerkt sei nur, daß TF 1 die extrem rentablen Spiele übertrug.) und Jack Lang, sozialistischer Spitzpolitiker und offenkundiger Freund von Bouygues (Er hatte von 1981-1995 den strategischen Posten des Kulturministers inne, und war großer Lobredner der pharaonischen Bauten Mitterands.). Was "Sept-sur-sept" betrifft, die sonntagabendliche Politsendung auf TF 1, so trat Jacques Chirac dort zwischen 1987 und 1995 viermal auf, während Eduard Balladur es zwischen 1993 und 1995 auf zehn Auftritte brachte. Lionel Jospin wurde zweimal eingeladen...

Diese Zahlen zeigen nur eine einzige Sache: die flagrante Voreingenommenheit einer Wirtschafts- und Finanzgruppe, die seine Wahl dem ganzen Wahlvolk aufzwingen will, und ihre grenzenlose Verachtung für die partizipative Demokratie. Um es noch einmal zu wiederholen - Jacques Chiracs` Sieg im Jahr 1995 ändert nichts an der Sache. Trotz seiner "Niederlage" von 1995 ist Bouyges immer noch da, beherrscht immer noch den Markt der öffentlichen Aufträge, übt immer noch seine Hegemonie in der audiovisuellen Landschaft Frankreichs aus, verachtet weiterhin die Bürger, die zu "Hausfrauen-unter-fünfzig" herabgesunken sind, überwältigt immer noch durch satte Süffisanz, ist immer noch genauso mächtig.

Wahrlich, im Fernsehen macht Marianne eine ziemlich schlechte Figur...

Jean Aspic

Übersetzung: Gunnar Ullbrich

Literatur:

Péan, Pierre / Nick, Christophe: TF1, un pouvoir. Paris 1997.




 
   
   
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