In den Anmerkungen steht dazu erläuternd: "Die symbolische Formulierung >Extremismus der Mitte< mag nicht gefallen, sei es wegen der Unterstellung, daß die Politiker der Mitte rechte Ideologien widerspiegeln, sei es wegen der Behauptung, daß die Politik der Mitte die Rechtsentwicklung mitverantwortet. Die >Mitte<, so möchte es die vermeintliche Mitte, bedeutet >Normalität<, so daß alle Handlungen, die aus der Mitte geschehen, als >normal< erscheinen müssen, egal wie menschenverachtend sie sind." Die spannende Frage, inwieweit rechtsextreme Ideologeme mittlerweile in den öffentlichen Diskurs eingesickert sind, taucht in den Beiträgen immer wieder auf.
In seinem Text "Schicksal und Tiefe. Sehnsüchte der >Neuen Rechten<" zeichnet Speit die sich teils kreuzenden, teils auseinanderlaufenden Entwicklungsbahnen von Personen und Organisationen, Traditionen und Ideologien der "Neuen Rechten" seit dem Jahr 1968 nach. Die diskursive Macht ihrer Vordenker liege dabei vor allem in ihrer "Funktion als Stichwortgeber und Alibibeschaffer für die >demokratische Mitte<." Die Grenzen zwischen diesen zwei Lagern würden immer weiter verschwimmen. Als Konsequenz sieht er eine "weitere Enthumanisierung der Gesellschaft auf dem Weg zur Gemeinschaft, den die >Nation< auch mit einer rot-grünen Bundesregierung gehen kann. Zwar mit anderen Schritten, aber in die gleiche Richtung."
Unter dem Titel "Mit der Konservativen Revolution die kulturelle Hegemonie erobern. Das Zeitungsprojekt Junge Freiheit" schreibt Krebs in Nachfolge des Standardwerkes Das Plagiat die Analyse des publizistischen Zentralorgans fort, das die innerhalb der "Neuen Rechten" dominante, jungkonservative Strömung bedient. Dabei widmet er sich eingehend den Personen, Traditionen und Ideologien der "Wochenzeitung für Politik und Kultur" aus Berlin, der er nach der Phase des Wiedervereinigungsnationalismus und der Rechtsaußenoffensive der Regierung - etwa in Form der Abschaffung des Asylrechts - attestiert, in einem Tief zu stecken. Dennoch behauptet sich die Junge Freiheit weiterhin als "das wichtigste Theorieorgan zwischen Konvervatismus und Neofaschismus".
Cremet schließlich wirft in seinem Beitrag "Für eine Allianz der >Roten< und der >Weißen<" einen Blick auf die Entwicklung der "Neuen Rechten" in Osteuropa nach 1989. Besonderes Augenmerk richtet er dabei auf ihre Europakonzeptionen und ihr internationales Netzwerk, das bis hin zu russischen Kommunisten reicht. Dabei zeigt er auf, daß "das Konzept der Metapolitik nicht bedeutet, die konkrete Machtpolitik aus den Augen zu verlieren und daß die kulturelle Hegemonie kein Ziel an sich ist, sondern vor allem Mittel zum Zweck."
Neben der These, daß der Abstand zwischen "Neuer Mitte" und der "Neuen Rechten" so groß nicht sei, zieht sich eine weitere These durch das Buch: Daß für die "Neue Rechte" als eine auf völkischem Nationalismus basierende intellektuelle Strömung der extremen Rechten die Vorstellungen eines "europäischen Reiches" zunehmend den Nationalismus als identitätsstiftendes Leitmotiv ablösen. Die geopolitischen Vordenker der Neuen Rechten orientieren sich zunehmend an der Vorstellung eines vielgestaltigen Kontinents unter deutscher Führung. Eine Idee, die in den Führungsetagen der Neuen Mitte bereits fröhliche Urständ feiert, was zumindest die Grundannahmen der Beiträge im Kern zu bestätigen scheint.
