Von linker Warte aus richtet sich der Widerstand klassisch gegen den Staat als Primärinstanz staatsmonopolkapitalistischer Cliquenwirtschaft, als national-kapitalistischer Repression in Reinkultur und schlicht als Hauptreproduktionsinstanz und damit Überlebensgarantie des Kapitalismus. Nun macht seit einigen Jahren jedoch der Diskurs über die Verschiebung nationalstaatlicher Eingriffsmöglichkeiten auf supranationale Ebenen die Runde. Er bleibt eingefangen im Diktum der Machtlosigkeit und mehr noch Willfährigkeit der Nationalstaaten gegenüber den idealtypischen Repräsentanten des Kapitalismus - den multinationalen Großunternehmen - viele ausgestattet mit Budgets in Höhe des Bruttosozialprodukts von Ländern wie Polen oder Belgien. Für die These der Machtverschiebung vom Staat zu den Unternehmen lassen sich verschiedene, beispielhafte Tendenzen ins Feld führen.
Militärisch beispielsweise ist - wie paradigmatisch der Golfkrieg zeigte - staatliches Großmachtstreben dem Schutz wirtschaftlicher Interessensphären gewichen. Wo das Militär nicht eingreift, helfen private Sicherheitstrupps, so etwa dem Ölkonzern Shell in Nigeria. Hinsichtlich internationaler Gesetzgebungen sprechen die Interessenverbände der Wirtschaft mit einer Stimme und wiegen schwerer als die meisten Einzelstaaten.
Immer mehr Staatsunternehmen bis hin zu Gefängnissen werden privatisiert, die - privat geführt - sich selbst in einen mächtigen Wirtschaftszweig verwandeln, dessen Insassen für Hungerlöhne als Call-Center-Agenten für Fluggesellschaften und IT-Unternehmen arbeiten. Auch die Öffentlichkeit beeinflussen die Unternehmen, sei es durch ihre ungeheuren, stilbildenden Marketingausgaben, sei als Medienunternehmen, in denen sich die Trennung von Redaktionen und Management immer weiter auflöst, offiziell geschehen beispielsweise beim vormaligen Aushängeschild der US-Publizistik: der Los Angeles Times.
