Seit jeher ist der Familienname in der bürgerlichen Ideologie von großer Bedeutung. Über die Buddenbrooks bis hin zur griechischen Mythologie treibt die Sorge um den Untergang des eigenen Geschlechts die Akteure. Aus Angst um ihren Sohn, der sich auf der Suche nach dem verschollenen Vater befindet, fragt beispielsweise die Gemahlin von Odysseus, Penelope, voller Verzweiflung ihren Herold: "Soll der Name unseres Hauses ganz von der Erde vertilgt werden?"
Der Name, bzw. das Gedenken des selben, spielt auch in der Erinnerung von Vergangenem eine große Rolle. So berichtet Avishai Margalit in ihrer Abhandlung über die "Ethik der Erinnerung" von dem Theaterstück "Pentecost" von David Edgare. Dieses erzählt den Weg einer Deportation von Kindern in ein Konzentrationslager. Eine spezifische Tragik dieser Situation liegt in den Taten der Kinder selbst begründet: Aus Hunger verschlingen sie die Namensschilder aus Pappe, die ihnen um den Hals hängen. Damit scheint entschieden, dass nach der Vernichtung dieser Kinder weder von ihnen selbst noch von ihren Namen irgendeine Spur bleiben wird. Margalit bemerkt: "Was diese Stück so entsetzlich macht, ist nicht nur unser Wissen darum, dass diese Kinder ermordet werden sollen, sondern dass ihnen gleichsam eine zweifache Ermordung bevorsteht: 'körperlich' und 'namentlich'."
Da viele jüdische Opfer des Nationalsozialismus in folge solcher Umstände namenlos blieben, war die Benennung der Jerusalemer Gedenkstätte für die Opfer der Shoah vom Willen nach einem Gedenken an Namen geprägt. Die Bezeichnung "Yad Vashem" bezieht sich auf biblische Verse, die den Vergessenen ein Denkmal versprechen: "Ihnen allen errichte ich ein Haus und in meinen Mauern ein Denkmal [= yad vashem], ihnen gebe ich einen Namen, der mehr wert ist als Söhne und Töchter: Einen ewigen Namen gebe ich ihnen, der niemals ausgetilgt wird."
Doch das, worauf Margalit hinaus will, läßt sich nicht auf die Frage nach der Bedeutung des Namens für die Erinnerung reduzieren. Vielmehr kann ihr Projekt, die Suche nach einer "Ethik der Erinnerung", mit einer Reihe von Fragen umrissen werden, etwa: "Sind wir dazu verpflichtet, uns an vergangene Personen und Ereignisse zu erinnern? Wenn ja, welcher Art ist diese Verpflichtung? Kann Erinnern und Vergessen überhaupt Gegenstand moralischen Lobs und Tadels sein? Wer ist jenes 'Wir', das (vielleicht) die Pflicht hat, sich zu erinnern?"
Solche Fragen müssen sich - zumal in Deutschland - zu aller erst an Auschwitz messen lassen. Scheitern sie hieran, so sind sie zu verwerfen.
Angesichts des absurden, sekundär antisemitischen Vorschlag von Richard Schröder das geplante Denkmal für die Ermordung des europäischen Judentums in Berlin mit dem biblischen Gebot "Du sollst nicht töten" in hebräischen Schriftzeichen zu versehen, stellen sich diese Fragen immer wieder aufs Neue. Wie die Mahnmaldebatte aber gezeigt hat, sind die Deutschen nicht nur unfähig zu Trauern - sie können solche Fragen auch nicht entscheiden.
