Mich begann dieses DIN A4-Blatt zu interessieren, als ich auf dessen "Einkaufszettelseite" die dichten Zeilen eines fulminanten Fließtextes hindurchschimmern sah. Dieser stellte sich als Abschluß eines mehrseitigen Pamphlets zur Innenstadtpolitik der Neuen Mitte heraus, geradezu idealtypisch gebrochen durch die rückseitigen Einkaufs- und Rezeptvorschläge. Diese lassen sowohl inhaltlich als auch in der Form auf ein Urhebermilieu schließen, dessen pioniermäßiger Beitrag zur Gentrifizierung des östlichen Teils dieses Stadtbezirks kaum überschätzt werden kann.
Insofern muß die vom Urheber gewählte Strategie, seine inhaltlich grundsätzlich richtige und politisch notwendige Kritik auf diese beiläufige Art und Weise im Westteil Friedrichshains zu verteilen, kritisch hinterfragt werden. Wie glaubwürdig kann sie auf Rezipienten wirken, deren Wohnumfeld sich kulturell wie städtebaulich in den letzten zehn Jahren als vergleichsweise veänderungsresistent erwiesen hat und in dem die Eigenproduktion italienischer Süßspeisen nicht zu den lebenstilbildenden Tätigkeiten zählen dürfte? Oder aber handelt es bei dieser Intervention um den gelungenen Versuch, die kritische Analyse von Gesellschaft in einem nicht-normalisierenden Kontext zu verorten?


