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Ausgabe 0.0 - 20.04.1999
   

Seit zwanzig Jahren 17

Eugen Egner erteilt sich wieder mal die Höchststrafe


Ruben Hecht ist ein bedauernswertes Wesen. Von seinen Eltern für die Amtszeichner-Laufbahn in der Kolonie bestimmt, kehrte er nach versuchter Desertion in Richtung Elfenbeinküste "mit irgend so einer affektierten Tropenkrankheit infiziert" zurück. Wie zur Strafe bleibt er für alle Zeiten siebzehn und ist fortan nur noch Spielball seiner Umgebung. Seine Eltern zwingen ihn bereits seit 20 Jahren zum Verbleib auf der Heilig-Deutsch-Pinsel-Fernakademie zu Braunschweig. Weniger, damit Ruben in die Lage versetzt werden möge, der Besatzungsmacht bei der Substitution der in der Kolonie nicht funktionierenden Fotoapparate zu helfen, sondern um unwissentlich und selbstverständlich kostenlos für die Illustration eines Medizin-Handbuchs zu sorgen, um dessen Fertigstellung sich Fernakademie-Direktor Motorheym seit gut zwei Jahrzehnten bemüht. Und während Ruben allmählich an Aufgaben wie "Zeichnen Sie Arno Schmidt, wie er den Mohikanern prairiegängige Zettelkästen erklärt, während Alice auf seinem Kopf Holz hackt" zugrunde geht, zerbrechen nicht wenige von Mutterns Rührlöffeln an Rubens Kopf. Wie eine Fügung des Schicksals erscheint da sowohl Rubens mysteriöse Begegnung mit einer Girlie-Combo, die behauptet, es handele sich bei ihr um die von Ruben zutiefst verehrten Fleischfressenden Fetischziegen, als auch der plötzliche Tod seiner Eltern. Ruben wird in die Welt hinausgeworfen, er ist erstmals auf sich allein gestellt, während seine Erzfeinde Harpecht und Herkenrath danach trachten, ihn in Frau Suses Heilanstalt zu stecken, um ihn dort verfaulen zu lassen. Ruben Hecht flieht und landet über abenteuerliche Umwege schließlich dort, wo ihn seine Eltern immer haben wollten: in Neu-Worpswede, der Hauptstadt der Kolonie.

Klingt nicht sonderlich interessant, oder? Ist es auch nicht. Eher ein bißchen skurril. Aber auch nicht skurril genug. Im Grunde genommen ist die Handlung in Eugen Egners neuestem Roman auch völlig unerheblich, eher lästiges Beiwerk. Wie Gestrüpp, durch das man sich zum wirklich Lesenswerten vorkämpfen muß. Vielleicht sieht Egner das selbst auch nicht anders. Man müßte ihn mal fragen. Fragen, warum er eigentlich immer wieder versucht, Romane zu schreiben. AutorInnen pflegen sich solchen Befragungen mit einem lapidaren "Der Verlag wollte es eben so, da kann man nichts machen" zu entziehen. Und vielleicht stimmt das sogar. Schließlich verkauft sich das, was Egner meisterlich beherrscht, den über eine Buchseite nicht hinausgehenden Kurztext, auf die Dauer nicht sonderlich gut. Dann müssen eben Romane her. Und das ist bis jetzt noch immer schiefgegangen.

Es wäre übertrieben, Egners Kurztexte, so wie sie etwa in Getaufte Hausschuhe und Katzen mit Blumenmustern (1996) gebündelt sind, "Kurzgeschichten" zu nennen. Sie haben, so wie seine vor allem in Titanic veröffentlichen Zeichnungen, keinen Anfang und kein Ende - und sie würden derartiges auch gar nicht vertragen. Das läßt sich an dem Roman Was geschah mit der Pygmac-Expedition? (1996) ebenso leicht zeigen wie an seiner "Bildergeschichte" Der künstliche Mann (1992). Sicherlich kann Androiden auf Milchbasis als Egners bisher bester Long-Player gelten. Aber "besser als" ist eben nicht unbedingt gut genug.

Eugen Egner ist ein Meister des irrwitzigen, vermutlich spontanen Einfalls sowie der regelwidrigen Formulierung. Die Konstruktion eines aufwendigen Handlungsstrangs ist nicht seine Sache, in seinen Kurztexten verzichtet er völlig darauf, hier scheint er lediglich lose Gedanken wild aneinander zu reihen. Und so kann die Struktur seiner Vorworte auch als verzweifelte Klage über das erbarmungslose Lektorat gelesen werden. Im Vorwort des Autors heißt es noch rotzig: "Dieses Buch habe ich innerhalb von zwei Stunden geschrieben. Ich denke, ich habe herausgeholt, was in dieser kurzen Zeit herauszuholen war." So hätte er es wohl gerne gehandhabt, aber dabei wäre nie und nimmer ein solcher Roman entstanden. Und so, wie die Qualität von Egners Texten mit jeder Überarbeitungsstufe zu sinken scheint, so manifestiert es sich auch in den vier korrigierten Vorworten, die dem ersten noch folgen sollen. Sie werden immer umfänglicher, geben immer längere Entstehungsprozesse zu Protokoll, aber sie werden auch immer langweiliger. So langweilig, daß man nach dem letzten, immerhin schon dreiseitigen Vorwort gar keine Lust mehr hat, weiterzulesen. Denn dessen Story, ein bereits komplett auseinandergerissenes und ins Altpapier befördertes 20-Seiten-Manuskript sei des nachts von Revierkatern gestohlen, deren stärkstem von seiner Halterin entwunden, zusammengeklebt und abermals in die blaue Tonne geworfen worden, wo es weiter gewachsen und dem Autor schließlich zufällig wieder in die Hände gefallen sei, der es nach vollendetem Wachstumsprozeß an den Verlag verkauft habe, klingt doch arg nach der Dramaturgie eines Mittelstufenaufsatzes.

Wer bereits ein Faible für Eugen Egner entwickelt hat, die wird dennoch weiterlesen, wer das Buch schon bezahlt hat, der liest es erst recht. Die Zaudernden werden fortan schweigen müssen, wenn das Gespräch auf Erlebnistankstellen kommt, die nur über steile Treppen zu erreichen sind, auf die Macht der Busfahrer und die Chancen einer Fernfahrer-Wiedererweckungsbewegung oder auf den "Ich-Menschen" von Braunlage. Sie werden es verschmerzen können.

Eugen Egner: Androiden auf Milchbasis. Haffmanns Verlag. Zürich 1999. 176 Seiten. 24,80 DM



 
   
   
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