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Ausgabe 2.0 - 15.10.1999
   

Zwischen Carrera-Bahn und Herzschrittmacher

Die Einlagerung von Männlichkeit/en in der bundesdeutschen Forschungs- und Technologiepolitik


So naheliegend der Gedanke klingen mag, Politikwissenschaft sei per se schon Männerforschung, so traurig ist es dort doch nach wie vor um die Konzeptionalisierung der Kategorie Geschlecht bestellt - und erst recht um die von Männlichkeit. Der Zusammenhang von Männlichkeit und Politik darf im deutschsprachigen Raum bisher als weitestgehend unerforscht gelten. Wurden die noch bekanntesten Arbeiten hierzu von Eva Kreisky verfaßt, so ist die nun von Peter Döge vorgelegte Studie Männlichkeit und Politik. Krise der fordistischen Naturverhältnisse und staatliche Forschungs- und Technologiepolitik in der Bundesrepublik Deutschland eine der wenigen, die von einem männlichen Politikwissenschaftler stammen.

Döge orientiert sich bei seiner Konzeptionalisierung von Männlichkeit an Robert Connell. Er geht folglich nicht von einem homogenen männlichen Block aus, sondern von einem Ensemble multipler Männlichkeiten, die in einem hierarchischen Verhältnis zueinander stehen. Dabei markiere "hegemoniale Männlichkeit" das in einem bestimmten historischen Zeitraum oder lebensweltlichen Milieu "jeweils dominante männliche Geschlechterprojekt, welches die Geschlechterhierarchie insgesamt absichert und sich in Abgrenzung zu nachgeordneten und marginalisierten Männlichkeiten bestimmt". (27) Hegemoniale Formen der Männlichkeit gestalteten sich dabei "in den Industriestaaten immer weiß und heterosexuell", und beinhalteten zugleich immer "die Abwertung des als weiblich konnotierten Geschlechterprojekts". (29) Insofern partizipierten auch marginalisierte Formen von Männlichkeit an der Unterdrückung von Frauen, und zwar symbolisch vermittelt über das kulturelle Ideal hegemonialer Männlichkeit. Connell bezeichnet das Ergebnis dieses Vorgangs als "patriarchale Dividende".

Döge sieht den Staat im Anschluß an Connell einerseits als "die wichtigste Institutionalisierung von Machtverhältnissen zwischen den Geschlechtern", der jedoch anderseits selbst "auf einer grundlegenden Ebene durch das Geschlechterverhältnis konstituiert" (30) sei. Auch dieser Zusammenhang dürfe nicht in ahistorische Termini wie "die Macht der Männer" gefaßt werden, da sich männerbündische Strukturen nie ausschließlich gegen Frauen, sondern immer auch gegen nachgeordnete Männlichkeiten richteten.Daher sei je konkret zu untersuchen, wie bestimmte Staatsapparate ihre jeweils spezifischen "Gender-Regime" (33) ausbildeten.

Kaum anders als beim Verhältnis von Staat und Männlichkeit verhalte es sich bei deren Zusammenhang mit Technik. Zwar sei der Technikgeneseprozeß quantitativ durch männliche Dominanz geprägt, doch werde technische Kompetenz Männern nicht nur apriori zugeschrieben, sondern bilde geradezu einen Kernpunkt männlicher Identität. Diesem Vorgang liege ein Technikbegriff zugrunde, der Technik auf Maschinen reduziere. Vor allem Groß- und Risikotechnologien sowie Militär- und Waffentechnik seien stark mit einer hegemonialen Form von Männlichkeit konnotiert: "Männliche Technik ist komplizierte und folglich teure Technik." (38) Alle anderen Formen von Technik würden hingegen gesellschaftlich abgewertet. Je geringer dabei der Maschineneinsatz, desto weiblicher erscheine eine Technik - so sie überhaupt noch als "Technik" im engeren Sinne wahrgenommen werde. Das tatsächliche Geschlecht der TechnikanwenderInnen werde dabei sekundär. Dieser Dualismus von geschlechtlichen Zuschreibungen spiegele sich auch im wissenschaftlichen Feld wider. So werde die Kompetenz zur Lösung gesellschaftlicher Probleme bevorzugt den "harten" Natur- bzw. Ingenieurwissenschaften zugeschrieben, die "weichen" Sozial- und Geisteswissenschaften hingegen seien implizit weiblich besetzt und somit auf einen randständigen Status festgelegt.

Als empirischer Untersuchungsgegenstand dient Döge die staatliche Forschungs- und Technologiepolitik der BRD in den Jahren 1975-1990. Anhand umfangreichen Datenmaterials überprüft er einerseits die Frage, mit welchen Dynamiken dieses Politikfeld der Anfang der 70er Jahre erscheinenden "Krise der fordistischen Naturverhältnisse" (21) reagierte. Mehr noch aber will er den Zusammenhang von Staat, Technik und Männlichkeit herausarbeiten. Seine ausschließlich auf der Makroebene angesiedelte Untersuchung versteht er daher als Beitrag zu der von Eva Kreisky geforderten "feministischen Institutionenarchäologie" (23), deren Ziel darin besteht, erste Hypothesen für nachfolgende Detailanalysen zu liefern.

Döge kommt zu dem Schluß, daß das staatliche Handeln in der Forschungs- und Technologiepolitik in mehrererlei Hinsicht als androzentrisches Projekt zu klassifizieren ist. Mittels ihrer einseitigen Ausrichtung auf den männlich konnotierten Produktionsbereich - und darin insbesondere auf ökonomisch verwertbare Technologien - trage sie zur Vergrößerung der "patriarchalen Dividende" bei. Auf der konzeptionellen Ebene liege ihr ein verengter Technikbegriff zugrunde, der sich zur Lösung sozialer und ökologischer Probleme auf maschinen- und apparatezentrierte Ansätze fixiere. Gleichzeitig sei die forschungspolitische Arena von einem hierarchischen Gender-Regime durchzogen, da Frauen in den Beratungsgremien des Bundes entweder wenig bis gar nicht oder aber in den monetär nachrangigen Förderbereichen zu finden seien. Letztlich (re)produziere dieses Politikfeld somit eine Differenzierung und Hierarchisierung von Männlichkeiten, orientiert am hegemonialen Leitbild des "scientific warrior". Dieses Leitbild habe sich in den 90er Jahren allerdings zunehmend gewandelt. Der Förderanteil der Groß- und Risikotechnologien sei kontinuierlich zurückgegangen, der konzeptionelle Horizont staatlicher Forschungs- und Technologiepolitik orientiere nunmehr verstärkt am Kriterium einer direkt ökonomischen Standortpolitik, sprich dem Abbau von "Investitionshemmnissen". Der männliche Natur- und Ingenieurwissenschaftler werde abgelöst vom "Unternehmer-Spekulierer".Döge aber geht es nicht allein um die geschlechtertheoretische Interpretation ines konkreten Politikfelds. Im Anschluß an seine Studie skizziert er zusätzlich noch das Forschungsprogramm einer "Politikwissenschaftlichen Männer- und Männlichkeitsforschung" (163), deren Existenz er für die BRD richtigerweise negiert, wenn auch mit der latent essentialisierenden Begründung: "die Zahl der männlichen (Hervorhebung: GK) Politikwissenschaftler, die Geschlecht als Analysekategorie berücksichtigen" (10) sei äußerst gering.

Sein Programm umfaßt drei zentrale Ebenen. In einem ersten Schritt stellt er - unter Bezugnahme auf sozialkonstruktivistische Ansätze - die Frage, "wie im Prozeß des Politischen durch das Handeln der beteiligten Akteure Geschlechterkategorien - aber auch andere Differenzierungen - generiert, reproduziert und vor allem hierarchisiert werden." (163) Döge selbst favorisiert dabei die Kombination von Regulations- und Geschlechtertheorie, mit der das "postfordistische Akkumulationsmodell des globalen Kapitalismus als die Antwort bestimmter Männer auf die Krise des fordistischen Kapitalismus interpretiert werden"(164f) könne. In einem zweiten Schritt müsse dann beantwortet werden, wie hegemoniale Gruppen von Männern ihre Wertvorstellungen im politischen Prozeß generalisieren bzw. institutionalisieren und dabei die Geschlechterhierarchie insgesamt absichern. In diesem Zusammenhang sei von erheblichem Interesse, "welche Männer (und Frauen) mit welchen spezifischen Biografien und Lebensentwürfen auf welchen politischen Ebenen und in welchen Institutionen dominieren, respektive welche Männlichkeiten auf welchen Ebenen der Politik vorherrschend sind und mit welchen anderen sozialen Differenzierungsmustern diese sich verschränken." (166f) In einem dritten Schritt bestehe die Aufgabe einer politikwissenschaftlichen Männlichkeitsforschung darin, "Ansatzpunkte und Perspektiven für eine geschlechterdemokratische Männerpolitik sowohl auf inhaltlicher als auch institutioneller Ebene zu entwickeln" (168).

Darüber hinaus müsse sie allerdings zusätzlich "eine emanzipatorische Männlichkeitspolitik unterstützen, die auf eine allgemeine De-Maskulinisierung zielt, d.h. auf die Ablösung des jeweils männlich konnotierten Geschlechterprojekts als dominantes gesellschafts- und handlungsstrukturierendes Prinzip". (168)

Diese Programmatik ist theoretisch anspruchsvoll, und über die aus ihr folgende Notwendigkeit der Integration qualitativer Methoden in die Politikwissenschaft zudem methodologisch innovativ. Auch ihr explizit "politischer" Charakter weist in die richtige Richtung. Problematisch aber an ihr erscheint allerdings die unzureichende Trennung der Ebenen "Wissenschaft" und "Politik", zumal der Wissenschaft hier eine Art Primat über die Praxis zugesprochen wird. Döge unterliegt der von Pierre Bourdieu beständig kritisierten "theoretizistischen bias", sprich dem Glauben an die umstandslose Transformierbarkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse in praktische Handlungsanleitungen für die Beforschten. Damit läßt er unbeachtet, daß der Wissenschaftler in der Regel nicht gleichzeitig auch Akteur des untersuchten Feldes ist, und seine spezifische Erkenntnis somit auf der Basis von Handlungsentlastetheit beruht. Zudem unterscheidet ihn in der Regel auch seine sozialräumliche Position von der Situation der Untersuchten. Diese notwendige Frage nach einer vermittelnden Transformation wissenschaftlicher Erkenntnis in das Feld des Politischen wird von Döge in seinem (zugegebenermaßen kurzgefaßten) Programm leider nicht mal gestellt. Er scheint sich vielmehr damit zu begnügen, lediglich das von bewegungsnahen Männerforschern wie Walter Hollstein vorgenommene Praxisprimat um 180 Grad zu drehen.

Doch trotz dieser Einschränkungen stellt Döges Studie einen weitgehend gelungenen Versuch dar, die von Judy Wajcman in ihrem Klassiker Technik und Geschlecht entwickelten Theoreme auf einer makropolitisch-empirischen Ebene zu konkretisieren und sich doch gleichzeitig des hypothetischen Charakters der erzielten Ergebnisse bewußt zu bleiben. Bedauerlicherweise merkt man der Veröffentlichung über weite Strecken an, daß ihr eine Dissertation zugrunde liegt. Der empirische Teil wirkt übermächtig, wohingegen im theoretischen Teil weit ausholende Fußnoten die Lesbarkeit des Textes erheblich mindern.

Peter Döge: Männlichkeit und Politik. Krise der fordistischen Naturverhältnisse und staatliche Forschungs- und Technologiepolitik in der Bundesrepublik Deutschland. Kleine Verlag. Bielefeld 1999. 195 Seiten. 39,00 DM




 
   
   
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