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Das falsche Lächeln der Toleranz
Ausgabe 1.3 - 01.10.1999
   

Dialog im Dunkeln

Im Berliner U-Bahnhof Steglitz tasten sich Sehende durch die Finsternis


"Dieser Zug endet hier. Wir bitten alle Fahrgäste auszusteigen." Rathaus Steglitz in Berlin. Roter Backstein. Die trostlose Gegend am einen Ende der U-Bahnlinie neun. Über dem U-Bahnhof eine große Kreuzung. Was auffällt sind lediglich die vielen grauen Kästen, die hier in Steglitz an fast jeder Ampel zu hängen scheinen und regelmäßig Geräusche von sich geben. Das akustische Signal, das für Blinde und Sehbehinderte die Grünphasen anzeigt. Rund ums Rathaus hängen besonders viele. Doch der Bezirk macht mit diversen weiteren Projekten über seine Grenzen hinaus von sich reden, wenn es um die Integration von Blinden und Sehbehinderten geht.

Ebenso zahlreich wie die grauen Kästen sind die Gedenktafeln im Bezirk. Eine erinnert an Betty Hirsch, eine blinde Sprachlehrerin. Bevor sie als Jüdin 1933 emigrieren mußte hatte sie die Steglitzer Blindenschule gegründet. "Von ihr gingen zukunftsweisende Impulse für die berufliche Tätigkeit und Emanzipation blinder Menschen aus", so die Tafel in der Rothenburgstraße, unweit vom U-Bahnhof. In dessen Räumlichkeiten findet dann auch derzeit und noch bis Mitte Oktober die Ausstellung "Dialog im Dunkeln" des "Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenvereins Berlin" statt.

Der Besucher begibt sich in einen völlig lichtlosen Raum, der von perfekt imitierten Geräuschen, Gerüchen, Temperaturen und Luftbewegungen erfüllt ist. Simuliert wird, man hat es vom Aussteigen fünf Minuten zuvor noch in gut ausgeleuchteter Erinnerung - ein U-Bahnhof. Der einzige Unterschied: alles ist dunkel. Eine ungewohnte Situation. Fast automatisch gehen die Arme nach vorne; um sich zu orientieren, sich zu schützen, sich einen Weg zu ertasten. Der Zug ohne Notbeleuchtung fährt ab. Erfüllt von urbaner Alltäglichkeit - selbst das obligatorische 'Guten Tag ich verkaufe die siebenundzwanzigste Ausgabe der Obdachlosenzeitung Motz' fehlt nicht - geht es bis zum Zoo.

Wer im Waggon keine anderen BesucherInnen getroffen hat muß sich dieser Situation spätestens auf dem Flohmarkt stellen. Der Weg ans Licht führt am Ende durch die Bar. "Hallo hier ist die Bar", grüßt der Barmann. Der ausgeschaltete Sehsinn durchbricht die gewohnten Arten der Verständigung. "Etwas zu trinken?" - "Hmm." - "Zwei Mark". Wenn es fünf sind, ist eben etwas Trinkgeld mit drin. Die Bar ist von Stimmen erfüllt. Alle freuen sich, bis hierhin gefunden zu haben. Eine außergewöhnliche Situation, denn die Einschätzung des Gegenübers nach dem Aussehen ist ausgeschlossen. Zeit zu gehen. "Auf Wiedersehen"- was für ein absurder Abschied.

"Dialog im Dunkeln" bis 17. Oktober im U-Bahnhof Rathaus Steglitz,

täglich von 9 bis 20 h.




 
   
   
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