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E-Journal gegen alle, die sich von gar nichts mehr die Laune verderben lassen
Ausgabe 7.0 - 22.03.2001
   

Der Castor auf der Datenautobahn

Castor-Widerstand im Netz noch nicht auf der Überholspur


Vielleicht doch eher ein Essay über das Verhältnis von Widerstand und Ästhetik? Dies war mein erster Gedanke nach Durchsicht einiger Castor-Widerstandsseiten im Netz. Denen möchte man zunächst einmal einige Punkte in Erinnerung rufen, die den Besuch ihrer Seiten zu einem wesentlich angenehmeren Erlebnis machen könnten.

Bekanntlich liegt der Wert einer Information wohl kaum in ihr selbst, sondern hängt maßgeblich von ihrem Kontext und ihrer Erreichbarkeit ab. Sie gehört in einen Zusammenhang und braucht so verständige wie interessierte Rezipienten. Infos ohne Kontext und Aufmerksamkeit sind überflüssig. Übersichtlichkeit erleichtert einerseits Einordnung, und stellt damit einen Zusammenhang her, andererseits Auffindbarkeit, und sorgt somit für Aufmerksamkeit.

Es bleibt ein zentrales Problem des Internet - und auch der Castor-Widerstandsseiten -, dass sich kaum jemand die Mühe macht, in kurzer und bündiger Form gut aufbereitete Informationen leicht zugänglich zu machen. Fast überall wird den Besuchern zugemutet, sich stundenlang durch Informationsgebirge zu quälen, und dabei nicht verraten zu bekommen, worauf es denn nun eigentlich ankommt. Auswahl täte Not.

Das Gesagte, und auch das, was noch gesagt werden wird, setzt sich bewusst der Kritik aus, beim Castor-Widerstand gehe es um Politik, und nicht um Informationsstrukturen im Netz. Der festen Überzeugung folgend, dass Form und Inhalt nicht voneinander zu trennen sind, versteht sich dieser Beitrag als konstruktive Kritik - nicht aller, aber vieler hier nicht immer namentlich aufgeführter Seiten - , nicht als miesepetrisches Rumgemeckere.

www.castor.de

Der erste Blick auf die Seite lässt nur einen Gedanken zu: Hoffentlich geht es in den Köpfen der Redaktion dieser Seite nicht so chaotisch zu, wie es Aufmachung und Navigation nahe legen könnte. Vollgepackt, grell, unübersichtlich. Als besonderer Leckerbissen noch eine faustreckende Sonne, die sich sinnentleert mit roter Zunge über die Lippen fährt. Wie steht es mit der Möglichkeit zum Austausch, zur Diskussion? Offensichtlich gibt es auf diesem Gebiet verstärkt Probleme, denn im Gästebuch ist folgendes zu lesen: "Liebe Leute! Das Gästebuch ist eigentlich von uns als unzensiertes, demokratisches Diskussionsforum für die Besucher unserer Seiten gedacht gewesen. Demokratie heißt Offenheit, bedingt aber auch Rücksicht auf Andersdenkende. In letzter Zeit wurde das Gästebuch allerdings hauptächlich [sic!] zu Beschimpfungen mißbraucht, und dem Versuch, dezent versteckt oder ganz massiv Nazipropaganda zu verbreiten. [...] Wir haben uns daher entschlossen, das Gästebuch vorerst zu schließen. Vielleicht denkt Ihr mal darüber nach, wie mit einem solchen Medium sinnvoll umgegangen werden kann. Nach einer "Denkpause" werden wir das Gästebuch dann wieder öffnen. Die CASTOR-NIX-DA Redaktion !" Es steht zu befürchten, dass die Adressaten dieser Zeilen ihre Verbalinjurien kaum einstellen, sondern ob ihrer eher noch Ansporn finden werden. Die Masse marodierender Schwachköpfe im Netz gibt hier nur die alltäglichen Realitäten der Republik wieder.

www.castor2001.de

Die regional ansässige Polizei bietet zunächst ein Prachtbild des Castoren und preist blinkend als jüngste Neuerscheinung das "Urteil zur Treckerblockade Splietau 1997", unterlegt mit dem wunderschönen Satz: "´Fahruntüchtigmachen` der Traktoren ist grundsätzlich zulässig". Gebe es den Tatbestand der "vorsätzlichen Irreführung" würde dieser Satz ihn erfüllen. Wenn ich mir jetzt einen Trecker suche und sein Lenkrad abschraube, dann mag das vielleicht "grundsätzlich zulässig" sein, aber doch keineswegs straffrei bleiben. Es sei denn, ich lasse mich nicht erwischen. Darüber hinaus kommt jedoch nicht mehr viel. Eine Reihe von Links sind tot, oder es sind einfach keine Links, auch wenn sie genauso aussehen. Im Gegensatz zu den Castor-Nix-Da-Machern sitzen bei der Polizei allerdings sicherheits- bzw. überwachungstechnisch gesehen fitte Leute vor den Rechnern. Wer ins Forum will, der muss sich erst mal einem Prozedere unterziehen, also wolle er einen Personalausweis beantragen. Die entsprechende Ankündigung ließt sich wie folgt: "Wir stellen mit diesem Diskussionsforum allen Bürgerinnen und Bürgern sowie den Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten eine Plattform zur Verfügung, um miteinander zu kommunizieren. Es geht jedoch nicht ohne Regeln. [...] Beleidigungen sowie andere strafrechtlich relevante Inhalte werden wir nicht dulden. Beiträge dieser Art werden wir entsprechend kennzeichnen und den Inhalt entfernen. [...] Wollen Sie selbst Beiträge und Themen verfassen oder darauf antworten, müssen Sie sich vorher als BENUTZER anmelden. Hier erwarten wir auch die Angabe der richtigen E-Mail-Adresse, um ggf. Nachrichten weiterleiten oder Ihnen ein vergessenes Passwort zusenden zu können. Wir sind der Meinung, dass hier jeder zu seinem Beitrag stehen sollte, wenn er sich an diesem Forum beteiligt." Aber wer will sich schon in einem dubiosen Forum einloggen, wo alleine schon der Besuch und das Interesse für das Thema einem begründeten Anfangsverdacht gleichkommen dürfte?

www.x1000malquer.de

Die Ausnahme von der Regel. Sehr übersichtlich. Tut auch nicht in den Augen weh, es sei denn man versucht zu entziffern, was in manchen Kästen in roter Schrift auf roten Hintergrund vermeldet wird. Mehrsprachig, und vor allem mit einer Liste der letzten Änderungen. Jedenfalls zu gut, um sich weiter damit zu beschäftigen. Lohnend aber auf jeden Fall der Blick ins gepflegte Gästebuch, wo Andreas zum Thema lustige Widerstandsformen zunächst folgende Meldung eingestellt hat:

"Hannover (rpo). Wegen der Maul- und Klauenseuche in Frankreich wird sogar der Castor-Transport vor seinem Eintreffen in Gorleben desinfiziert." Sein Vorschlag wäre, dass "DIE GENOSSINNEN AUF FRANZÖSICHER SEITE SICH SCHWEINEBLUT (ODER ÄHNLICHEM) UND SONSTIGEN FLEISCHABFÄLLEN BESORGEN UND DEN KONVOI UND DIE KETTENHUNDE DIE DIESEN BEGLEITEN HERZLICH BEGRÜSSEN UND REICHLICH DAMIT EINDECKEN !"

Die PDS Niedersachsen - in Person ihres Pressesprechers (und besten Namens) Jörg Henry David - hat ihre Pressemitteilung "Die PDS Niedersachsen unterstützt den Widerstand gegen Castor-Transporte" geschickt, und Marko Ferst unter dem Titel "Wendländische Impressionen" eine selbstgedrechseltes Stück Atomwiderstandslyrik aus dem April 1997 beigesteuert, in dem u.a. "Wasserwerfer Demokratie von der Straße" spülen.

www.stop-castor.de

Hier wird ausnahmsweise E-Commerce groß geschrieben. Wer also noch Borussia-Yello-Aufkleber braucht, hier sind sie zu bestellen.




 
   
   
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